Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Article
- Zur Aufklärung
- Date
- 1914-01-16
- Page
- 63 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 DIE3|KLT konnten, im Verkehr des Direktors mit den Schülern, in der Feier deutscher Festtage trete dieser Charakter unverkennbar zutage. Die Lehrer, die mir schrieben, hielten solche Tendenzen seitens des Hilfsvereins, zu dessen Popularität wir selbst früher eifrig beigetragen haben, für besonders gefährlich. Schon ungefähr vor einem Jahre, lange vor der Sitzung des Kuratoriums, schrieb man mir, daß ein Kampf unvermeidlich sein würde, wenn der Hilfsverein sich weiter in dieser Richtung entwickeln sollte, und man hat schon damals befürchtet, daß die Gegner meine Schrift gegen uns ausnützen könnten. Dennoch habe ich die im Communique angeführte Stelle in der deutschen Uebersetzung, und zwar aus folgenden Erwägungen, nicht korrigiert: Was ich geschrieben hatte, basierte auf eigenen Beobachtungen und auf der allgemeinen Vorstellung, die ich und wir alle, im Laufe der Jahre, von der Schulpolitik des Hilfsvereins uns gebildet hatten. Sie. schien uns frei von allen assimilatorischen und fremdpolitischen Tendenzen zu sein. Vornehmlich aus diesem Grunde, haben wir uns, nebenbei bemerkt, seinerzeit auch zu bedingungsloser, gemeinsamer Arbeit an dem großen Kulturwerk des Technikums entschlossen. Diese fest gewurzelte L'eberzeugurig konnte in mir nicht mit einem Schlage geändert werden. Ferner hatte ich das vollste Vertrauen zum Lehrkörper der Hilfsvereinsschulen, in dessen Mitte bewährte Kämpfer für das Aufleben unserer nationalen Sprache und erfahrene Pädagogen waren. Ich sagte mir, daß im Falle wirklicher Gefahr diese Lehrer erklären würden, die Verantwortung für das Schulwerk nicht länger tragen zu können. Die Ereignisse der letzten Zeit haben mich belehrt, daß leider die warnenden Stimmen recht hatten. Die Forderungen, die die Leiter des Hilfsvereins auf der Sitzung vom 26. Oktober in der Frage der Unterrichtssprache nicht nur im Technikum, sondern auch in der Mittelschule in der Form eines Ultimatums vertreten haben, sind Beweis genug. Ihre weitere Mitarbeit von der Bedingung abhängig zu machen, daß sogar in der Mittelschule alle Gegenstände in deutscher Sprache, und nur Singen, Turnen und Zeichnen 63 in hebräischer Sprache unterrichtet würden, das kann nichts anderes heißen, als Kampf gegen die hebräische Sprache. Ebenso beweiskräftig war für mich sodann die Form, die der Kampf gegen den Beschluß des Kuratoriums in Palästina angenommen hat und die Haltung der Lehrer. Kein vorurteilslos denkender Mensch kann die Fabel ernst nehmen, daß ein Kampf, der mit so elementarer Kraft in allen Schichten des neuen jischub gegen den Beschluß des Kuratoriums und das Schulwerk des Hilfsvereins ausgebrochen ist, durch „Vorschriften aus Berlin" oder durch „zionistische Agitatoren" hervorgerufen worden ist. Hätte die Unzufriedenheit mit den Schulen des Hilfsvereins den Boden nicht vorbereitet, Palästina hätte unmöglich in dieser Form und in diesem Umfang auf den Beschluß des Kuratoriums reagieren können. Der Beschluß vom 26. Oktober hat dort, wie hier, jeden erkennen lassen, was noch kommen wird, kommen kann, wenn die Tendenzen, die bisher bescheiden und sporadisch durchgeführt wurden, sich mit voller Kraft entwickeln werden. Auch die anderen Schulen des Hilfsvereins würden allmählich dieselbe Spracheinteilung erhalten, wie die neue Mittelschule in Haifa. Und das Technikum, als erste höhere Lehranstalt des Landes, wird durch die es beherrschende Sprache auch auf die anderen Schulen einwirken. Allein diese Erkenntnis, und nichts anderes, hat Schüler und Lehrer und die gesamte Bevölkerung zu ihrem Verhalten gezwungen. Hätten die 40 Lehrer, unter denen viele im Dienst bereits ergraut sind, nicht die Entwicklung dieser Tendenzen selbst mitgemacht und jetzt ihren weiteren Verlauf erblickt, warum hätten sie ihren Dienst in guten hebräischen Schulen, mit so großen Opfern für sich, auf einmal aufgegeben? Die Forderung der Leiter des Hilfsvereins einerseits und der Austritt der Lehrer andererseits haben mich die Situation klar erkennen lassen. Ich bedauere, daß ich seinerzeit den warnenden Stimmen wenig Gewicht beigelegt habe. Von den Herren des Hilfsvereins aber erwarte ich, daß sie in Zukunft mich nicht mehr als Kronzeugen für ihre Sache im Sprachenkampf zitieren werden. Berlin, den 9. Januar 1914. Echiel Tschlenow. Militär und Polizei in der Schule Die frühere Leiterin der Mädchenschule des Hilfsvereins in Jerusalem und jetzige Leiterin der dortigen hebräischen Mädchenschule, Frl. Vera Pinczower, sendet uns folgende Darstellung der bekannten Vorgänge, die sich in den Jerusalemer Hilfsvereinsschulen am 10. Dezember abgespielt haben. Jerusalem, den 30. Dezember 1913. Sehr geehrte Redaktion! Erlauben Sie mir, zu dem Telegramm, welches das Wolffsche Telegraphenbureau am 16. Dezember verbreitete, Ihnen einen aufklärenden Bericht über die Vorgänge zwischen Montag, dem S. und Mittwoch, dem 10. Dezember zu geben. Das betreffende Telegramm ist voll von Undeutlichkeiten und Unrichtigkeiten, und ist durch die verworrene Darstellung geeignet, ein falsches Bild von dem wahren Sachverhalt zu bieten. Wir, d. h. 19 Lehrer und Lehrerinnen des Hilfsvereins in Jerusalem, hatten am Freitag vorher, nach all den nutzlosen Besprechungen, die wir mit Herrn Dr. Nathan hatten, und die uns die Ueberzeugung gaben, daß wir von dieser Seite nichts mehr zu hoffen hätten, uns zu dem folgenschweren Entschluß durchgerungen, unsere Demission zu geben. Dem Verlangen des Herrn Dr. Paul Nathan nachgebend, hatten wir unsere Arbeit nicht sofort niedergelegt, sondern eine zweimonatliche Kündigungsfrist festgesetzt und hielten uns auch für die Dauer von fünf Tagen gebunden, die Demission nicht zu publizieren, bevor die Annahme der Demission durch Herrn Dr. Paul Nathan bestätigt war. Aber bevor man uns eine Antwort gegeben hatte, war zwei Tage später im „offiziellen" Organ des Hilfsvereins, der „Moriah", die Ankündigung unserer Demission mit Angabe unserer Namen zu lesen mit dem Hinweis, daß man unserer Arbeit nicht mehr bedürfe. An demselben Tage, abends, am Vorabende der Wiedereröffnung des Seminars, hatten alle Lehrer des Seminars Einladungen zu einem Bierabend erhalten, der zu Ehren der 22 „reuig" zurückkehrenden, von ursprünglich 100, Schülern des Seminars im Hause des Herrn Direktors Cohn und im Beisein von Herrn Dr. Nathan gefeiert werden sollte. Hier wurde zum erstenmal von Herrn Ephraim Cohn selbst die Polizei requiriert. Sie besetzte an jenem Abend die Zugänge zur Laemel-Schule, an welche anschließend sich die Wohnung des Herrn Cohn befindet. Der Zweck des Polizeiaufgebotes bei dieser wie bei den folgenden Veranlassungen ist bis heute unaufgeklärt geblieben. Das ruhige Verhalten der achtzig streikenden Seminaristen rechtfertigte in keiner Weise diese Vorsichtsmaßregel. Als am Morgen des folgenden Tages wieder Militär, diesmal vor dem Seminar, welches wiedereröffnet wurde, stand, da war natürlich die Erbitterung der Jugend gestiegen und eine neugierige Menge hatte sich eingefunden, um dieses hier noch nicht gesehene Schauspiel, „Unterricht unter Polizeiaufsicht", zu genießen. Das Wolffsche Telegramm möchte die Sache so darstellen, daß die Haltung der Menge das Erscheinen der Polizei veranlaßte, während doch umgekehrt das unbegründete und aufreizende Erscheinen der Polizei die streikenden Seminaristen, die an keinen Gewaltakt dachten, erregte. Der deutsche Generalkonsul war weder Montag abend noch am folgenden Dienstag anwesend, hatte also die Polizei gar nicht requiriert. Hierbei ist noch zur Charakterisierung der Sachlage nötig, zu erwähnen, daß man dem demissionierenden Prorektor des Seminars, Herrn David J e 1 - 1 i n, von der Eröffnung der ihm unterstehenden Anstalt keine Mitteilung gemacht hatte, obgleich er während dieser Zeit dein Unterricht in der Laemel-Schule in gewohnter, pflichttreuer Weise oblag. Am Abend desselben Tages, also genau fünf Tage nach unserer Demission, erhielt Herr Jellin endlich die Antwort des Herrn Dt. Nathan, mit der Mitteilung, daß wir für die zwei