Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Article
- Ein Communiqué des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-16
- Page
- 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 Nr. 3 DIE3§KELT war ein geringer. Alle Schulen des Hilfsvereins in Jerusalem funktionieren, und die Zahl der Schüler und Schülerinnen ist nur in geringerem Grade herabgegangen und hebt sich, seitdem den lügenhaften Ausstreuungen über die Absichten des Hilfsvereins entgegengetreten wird. Das Charakteristische dieser Vorgänge ist, daß ein Teil der Lehrer mit den Schülern diese Auftritte angezettelt hat, während der größte Teil der Eltern, vor allem die alteingesessenen religiösen Elemente, in besonders einberufenen Elternversammlungen und durch Einzelbesuche bei Dr. Nathan zum Teil flehentlich baten, die Schulen des Hilfsvereins fortzuführen, damit ihre Kinder nicht den zionistischen Lehrern ausgeliefert würden. Ganz entsprechend diesen Elternkreisen haben denn auch alle religiösen Vertretungen in Jerusalem, die im übrigen vielfach in Meinungsverschiedenheit leben, Herrn Dr. Nathan auf das dringendste ersucht, die Schulen des Hilfsvereins nicht zu schließen. In Rücksicht auf diese Kreise entschloß sich Dr. Nathan, die Schulen offenzuhalten, obgleich durch dieses planmäßig organisierte Vorgehen der zionistischen Lehrer und eines Teiles der verführten Schüler ein ersprießlicher Unterricht sich zurzeit nicht erteilen ließ. Gegenwärtig funktionieren denn auch alle Schulen des Hilfsvereins in Jerusalem und Jaffa weiter, und auch in das Lehrerseminar ist ein erheblicher Teil der streikenden Schüler zurückgekehrt, was beweist, daß auch der ursprüngliche allgemeine Streik nur durch Akte des Terrorismus erzwungen war. Die Erwiderung des Actions-Comites auf den, Bericht Dr. Nathans Herr Dr. Paul Nathan hat in der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden am 4. Januar über seine Reise nach Palästina einen Bericht erstattet. Dem an die Presse versendeten Communique müssen wir in einigen Punkten entgegentreten. Herr Dr. Nathan hat den Inhalt des Schulstreites als eine rein pädagogische Frage darzustellen versucht. Wenn dies richtig ist, so muß festgestellt werden, daß alle für Schulsachen in Palästina kompetenten Faktoren das System des Hilfsvereins entschieden veurteilt haben: sowohl der gesamte Verband der Lehrer Palästinas (Merkas Hamorim) als auch der weitaus größte Teil der vom Hilfsverein selbst angestellten Lehrer. Die Fachleute, an ihrer Spitze der bekannte greise Gelehrte, Pädagoge und Schriftsteller, David J e 11 i n , der seit 24 Jahren im Dienste der Jerusalemer Schulen steht, haben sich mit unbedingter Entschiedenheit gegen die in der letzten Zeit vom Hilfsverein durchgeführte Zurückdrängung der hebräischen Sprache in den Hilfsvereinsschulen ausgesprochen. Als Kronzeugen gegen sie versucht Herr Dr. Nathan Herrn Dr. E. W. T s c h 1 e n o w anzuführen, der sich in seiner Schrift „Fünf Jahre Arbeit in Palästina'4 mit Anerkennung über die Tätigkeit des Hilfsvereins geäußert hat. Das Urteil Herrn Dr. Tschlenows über das neue System des Hilfsvereins erhellt aber daraus, daß er gleich Herrn Dr. Schmarja L e v i n und Herrn Uscher G i n z b e r g (Achad Haam) aus dem Kuratorium des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina ausgetreten ist, als auch hier auf Verdrängung der hebräischen Sprache gerichtete Beschlüsse gefaßt wurden. Was aber die Schrift Dr. Tschlenows anlangt, so ist sie im russischen Original vor D i* Jahren erschienen und basiert auf den vor zwei Jahren in Palästina gesammelten Beobachtungen. Schon damals konstatierten Nahestehende, wie auch die Schrift deutlich anführt, daß der Hilfsverein in seinen Schulen germanisierende Tendenzen zu pflegen beginne. Herrn Dr. T s c h 1 e n o w , der die Schulen nur vorübergehend besichtigte, konnte das damals noch als eine von übertriebener Sorge für das Hebräische eingegebene Befürchtung erscheinen. Seither aber hat der Hilfsverein „große Fortschritte'4 in dieser Richtung gemacht und die Beschlüsse des Kuratoriums haben jede Möglichkeit eines Zweifels beseitigt. Die über die Sachlage gut informierten Lehrer Palästinas erhoben aber, wie uns bekannt ist, sogleich nach Erscheinen der russischen Schrift eben wegen der jetzt von Dr. Nathan angezogenen Stelle ernste Vorwürfe gegen Herrn Dr. Tschlenow und erklärten schon vor einem Jahre, wenn der Hilfsverein seine Tendenz nicht ändern sollte, werde die Bekämpfung seiner Schulen unausbleiblich werden. Herr Dr. Nathan darf gewiß das gerechte und unparteiische Urteil Herrn Dr. Tschlenows betonen. Dieses Urteil aber ist nicht, wie das Zitat aus der infolge der raschen Entwicklung in diesem Punkte überholten Schrift glauben machen will, eine Billigung, sondern vielmehr eine V erurteilung der in den Hilfsvereinsschulen praktizierten Zurückdrängung der hebräischen Sprache. Mit Entschiedenheit weisen wir die Behauptung zurück, als ob die von der zionistischen Bewegung unterstützte Forderung der palästinensischen Lehrerschaft und des ganzen arbeitenden Palästina nach der gebührenden Berücksichtigung der hebräischen Sprache zu einem Konflikt zwischen Zionisten und religiösen Elementen geführt hätte. Bei dem Kampf um die hebräische Sprache haben religiöse Momente weder auf der einen noch auf der anderen Seite bestimmend mitgewirkt. Die Bevölkerung Palästinas, die bisher zu David J e 11 i n und den übrigen Lehrern Vertrauen hatte, hat dieses Vertrauen zu ihnen nicht verloren, seit sie der Hilfsverein zum Verlassen ihrer Stellungen gezwungen hat. Die extrem-orthodoxen Kreise aber haben den Cherem, mit dem sie die Hilfsvereinsschulen belegt hatten, jetzt ausdrücklich aufrecht erhalten. Nur einen Gegensatz in der palästinensischen Judenheit hat der Sprachenkampf aufgezeigt: den Gegensatz zwischen der arbeitenden Bevölkerung, zu der die Kolonisten, die Arbeiter und die Wächter in den Kolonien und alle produktiven und gebildeten Elemente in den Städten gehören, einerseits und der zum Glück immer einflußloser werdenden Schicht der an das stete Almosennehmen gewöhnten Chalukah-Elemente andererseits, die keine eigene Ueberzeugung haben und sich die Meinung jedes „Wohltäters" zu eigen machen. Solche Elemente wußten die Gegner der freien Entwicklung der hebräischen Sprache für sich zu gewinnen. Ihre Meinung aber als Ueberzeugung der religiösen Bevölkerung auszugeben, ist absurd und bedeutet eine Brüskierung des religiösen Judentums. Die Lehrer und die Schüler glaubten, im Einvernehmen mit dem weitaus größten Teile der Bevölkerung, das heilige Gut der hebräischen Sprache vor rücksichtslosem Eigensinn schützen zu müssen. In ihrer Handlungsweise nichts als „Streikhandlungen" zu sehen, entspricht dem Standpunkt eines Unternehmers, der mit seinen Arbeitern in Lohnstreitigkeiten gerät, nicht aber dem einer gemeinnützigen jüdischen Organisation. Zur Aufklärung Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat in einem am 5. Januar versandten Communique eine Stelle aus meiner Schrift „Fünf Jahre Arbeit in Palästina" zitiert, die den Beweis erbringen soll, daß die Zionisten „bis zur allerneu esten Zeit" mit dem Schulwerk des Hilfsvereins in jeder Beziehung zufrieden waren. Der Hilfsverein will so den Nachweis führen, daß alle Beschwerden, die jetzt gegen seine Schulen in so heftiger Form erhoben werden, und der ganze Kampf der palästinensischen Judenheit gegen sie, zu bestimmten Zwecken künstlich inszeniert worden sind. Demgegenüber sehe ich mich gezwungen, Folgendes zu erklären : Die deutsche Liebersetzung meiner Arbeit ist zwar erst vor weniger. Monaten erschienen, das russische Original aber bereits vor iy2 Jahren, und es basiert auf Beobachtungen, die ich vor zwei Jahren, teilweise noch früher, bei meinem ersten Besuche Palästinas gemacht habe. Wie in der im Communique zitierten Stelle zu lesen ist, waren bereits vor zwei Jahren Stimmen laut geworden, die dem Hilfsverein, gegen dessen Schulen früher keine Proteste zu hören waren, „germanisierende Tendenzen44 vorwarfen. Auch ich habe solche Stimmen vernommen, habe ihnen aber keine Bedeutung beigemessen. Ich schrieb sie vielmehr dem übertriebenen „fanatischen Mißtrauen" unserer Pioniere zu, da ich selbst, bei meinem kurzen Aufenthalt, jene Tendenzen, die den Eingeweihten schon erkennbar waren, nicht wahrzunehmen vermochte. Nach dem Erscheinen meiner Schrift habe ich wiederholt Briefe aus Palästina erhalten, die mich auf den dauernd deutlicher zutage tretenden antihebräischen Charakter der Schulpolitik des Hilfsvereins hinwiesen und mir Vorwürfe wegen meiner anerkennenden Würdigung des Schulwerks machten. In der Uebergabe des Unterrichtes einiger Lehrgegenstände an Lehrer, die nicht hebräisch unterrichten