Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Österreich und die rumänischen Juden
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 43 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 43 die^elt Gegenstände einer scharfen Interpellation gemacht, in welcher gegen die offiziöse Erklärung Berchtolds protestiert wird. Ehe Interpellation führt aus, daß die rumänische Judenfrage seit dem Tage der Unterzeichnung des Berliner Vertrages keine interne Angelegenheit Rumäniens sei. Rumänien ist den Signatarmächten für die Nichteinhaltung des Vertrages verantwortlich. Graf Berchtold hat nicht nur ein gewaltiges Unrecht an den rumänischen Juden begangen, sondern Oesterreich- Ungarn hat auch damit ein Recht Aufgegeben, welches ihm gemäß dem Berliner Vertrage zukommt. Die Interpellation fordert schließlich, daß die österreichischungarische Regierung kraft ihres Rechtes und in Beobachtung ihrer Pflicht zugunsten der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien' interveniere. Diese parlamentarische Aktion, welche natürlich nur platonischen Wert hat, ist gleichwohl ein historisches Dokument. Sie legt fest, wie Verträge mit Füßen getreten werden, ja, wie Regierungen Machtbefugnisse preisgeben — wenn es sich um Juden handelt. Rußland Massenausweisungen Der Eibauer Stadtrat hat eine Deputation mit dem Bürger-; meister an der Spitze an den Gouverneur von Mitau ge-1 schickt, um im Interesse des Handels gegen die Ausweisung der Juden aus Griva und anderen Orten Einspruch zu erheben. Trotz der furchtbaren Kälte und der diesen Juden ausgestellten Erlaubnisscheine für einen längeren Aufenthalt in der Provinz, hat man sie letzthin in Massen ausgewiesen. Sogar die jüdischen Rekruten, die aus den benachbarten Orten nach Griva zitiert waren, durften nicht in der Stadt wohnen. Einige von ihnen erschienen einen Tag zu spät vor den Militärbehörden und erhielten deshalb eine Strafe von je 100 Rubel auferlegt. Die Erklärung, daß ihnen die Erlaubnis, in der Stadt zu schlafen, verweigert worden wäre, wurde nicht anerkannt. Aus Saratow, Woronetz und dem Landgebiet von Lodz sind ebenfalls Juden in großer Zahl ausgewiesen worden. Im Gouvernement Minsk hat der Gouverneur Giers die Ungeheuerlichkeit vollbracht, 500 jüdische Pächterfamilien von ihren Wohnsitzen zu verjagen. Frankreich ^[■■aiiiiiiiiii:| Auflösung des Beth Din in Paris Die jüdische Gemeinde in Paris hat einen sehr bedeutungsvollen Schritt unternommen, indem sie das Beth Di", aufgelöst hat. Diese Körperschaft war aut Veranlassung des Großrabbiners Zadoc Kahn gegründet worden, als es durch die wachsende Einwanderung russischer Juden in Frankreich notwendig geworden war, einen Gerichtshof für sie zu gründen, der sich hauptsächlich mit den Heirats- und Scheidungsfragen zu beschäftigen hatte. Dieser Gerichtshof stand unter der Leitung des Großrabbiners von Paris, ist aber nun infolge gewisser Maßregeln seitens der russischen Behörden unmöglich geworden. In allen juristischen Streitfragen über das persönliche Recht der russischen Juden erklärten sich die französischen Gerichtshöfe für unfähig zu irgendwelchen Entscheidungen und übergaben die fraglichen Sachen, besonders in, Falle von Heirats- und Scheidungsfällen, den religiösen Behörden. Vor 1005, also dem Jahr, in dem die Kirche vom Staate getrennt wurde, erkannte die russische Regierung den französischen Rabbinern dieselben Befugnisse zu, welche die Kronrabbiner in Rußland besitzen. Diese halboffizielle Behörde gab dem russischen Konsulat die Befugnis, die Entscheidungen des jüdischen Gerichtshofes zu bestätigen. Seit dem Inkrafttreten des Separationsgesetzes weigerte sich jedoch die russische Regierung unter der Angabe, daß die französische.i Rabbiner jetzt keine offiziellen .Machtbefugnisse mehr haben, ihre Urteilssprüche zu legalisieren und betrachtete die letzteren nur noch als private Entscheidungen. Unter diesen Umständen hat das Beth Din, dessen Kundschaft hauptsächlich aus den Mitgliedern der russischen Kolonie in Paris und einigen großen Provinzstädten bestand, keine Daseinsberechtigung mehr. Die bisher jede Woche stattfindenden Sitzungen hören nun auf, und dieses jüdische Tribunal wird nur noch in Ausnahmefällen konsultiert werden, wo sein Einschreiten anderen fremden Juden, deren Herkunftsland die Entscheidungen des Beth Din als gültig anerkannt, dienlich ist. »»»>!»««»»» England jusüüSSüisütiüüUüiüüüüiiHiu'.iiis'.iini Sir Rufus Isaacs zum Lord ernannt (Von unserem Londoner Berichterstatter) Wie allgemein erwartet worden ist, ist Lord Oberrichter Sir Rufus Isaacs zum Lord ernannt worden. Nach seinem Einzug ins Oberhaus wird es nun vier jüdische P a i r s geben — Lord Rothschild, Lord Swaythling, Lord Michelham und Sir Rufus Isaacs, der noch seinen Titelnamen zu wählen hat. Wie die Lage nun einmal ist, können die Juden in England mit Befriedigung auf die hohe Begabung eines der Ihrigen, der sich zu einer der höchsten Würden des Landes emporgerungen hat, hinweisen. Seinem Volke hat Sir Rufus bei weitem nicht die Dienste geleistet, die wir von ihm unter normalen Zuständen hätten erwarten können, aber er hat kein Hehl aus seiner jüdischen Gesinnung gemacht. "Als er letztens beim Lord Mayors-Bankett eine Rede hielt, wies er mit Genugtuung darauf hin, daß er als Jude das Amt des Lord Oberrichters bekleidet. Am 21. d. M. werden die Maccabeans ihm zu Ehren ein Festessen geben; im nächsten Monat wird er den Vorsitz bei der 4 jährigen Versammlung der Jewish Historical Society führen. Türkei Botschafter Morgenthau beim Sultan Mr. Henry Morgenthau, der neue türkische Botschafter der Vereinigten Staaten, ist kurz nach seiner Ankunft in Konstantinopel vom Sultan empfangen worden. Dem „Jewish Chronicle“ zufolge verlautet in politischen Kreisen, daß der Empfehlungsbrief, den Mr. Morgenthau von Präsident Wilson mitbekommen hat, nicht nur die üblichen Formeln enthält, sondern daß der neue Botschafter darin als „ein hervorragender Bürger der Vereinigten Staaten von vornehmem Charakter, großem Wissen und hoher Befähigung“ geschildert wird und dem Sultan als ein Mann, der des Präsidenten volles Vertrauen genießt, empfohlen wird. Der Sultan ist Mr. Morgenthau mit größter Liebenswürdigkeit entgegengekommen. Das Jahresfest des Makkabi Der neue amerikanische Botschafter (Von unserem Konstantinopeler Berichterstatter.) Am Sonnabend, dem 27. Dezember, veranstaltete der jüdisch-nationale Turnverein Makkabi in Konstantinopel sein Jahresfest, das diesmal besonders stark besucht und in jeder Hinsicht gelungen war. Das Fest fand in den Räumen der „Teutonia“, des deutschen Klubhauses, statt. Viele Hunderte waren zugegen und folgten mit größtem Interesse den turnerischen Darbietungen, die mit Gruppenbildern, Chorgesängen und einem hebräischen Dialog abwcchselten. Die Einleitung bildete eine hebräische Ansprache des Herrn Dt. Ncufach. Die Festrede hielt Herr L. Sciuto, der bekannte Redakteur der Aurore, in französischer Sprache. Unter den Gästen befanden sich eine Anzahl türkischer Offiziere, Lehrer der Militär Turnanstalten, der Präsident des ottomanisehen Roten Halbmonds und andere bekannte Persönlichkeiten. Besonderes Interesse aber erweckte die Anwesenheit des neuen amerikanischen Botschafters, Mr. Henry M o r g e » - thau, der sein lebhaftestes und wohlwollendstes Interesse bekundete und heim Abschied den Turnern für ihre vorzüglichen Leistungen danken ließ. Herr Morgenthau ist ein guter Amerikaner und ein guter Jude: er hat die erfrischende Einfachheit des hochgestellten Amerikaners, der stets ein Mann des Volkes bleibt, und er hat sich vom ersten Tage an als bewußter Jude gezeigt. So hat er den Vorsitzenden des Makkabi, Herrn A b r a m o w i t s e h , der ihn zu dem Fest einlud. und ebenso vielen anderen jüdischen Persönlichkeiten, die er empfing, seine Absicht ausgesprochen, allen jüdischen Interessen im Orient seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, und er hat tatsächlich schon in der kurzen Zeit, seit er hier 4800000100000001020001000001 0202020102020201020001000001