Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Paul Nathan einst und jetzt
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 42 (sequence 1)
- Language
- German
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42 Nr. 2 Paul Nathan einst und jetzt Im Jahre 190S hat Dr. Nathan einem unserer Mitarbeiter eine Unterredung gewährt. In der „Welt“, Jahrgang 1908, No. 25, S. 5 findet sich darüber folgender Bericht: . . Und wie steht es mit der Unterrichtssprache Tn dieser zukünftigen Lehranstalt (dem Haifaer Technikum)? Die Anschauungen des Hilfsvereins über diese Frage sind zwar bereits bekannt und Sie persönlich haben sich ja auch darüber wiederholt in Wort und Schrift geäußert. Gilt aber Ihre Meinung von der Präponderanz der hebräischen Sprache im palästinensischen Schulwesen auch für die technische Schule? Technische Fächer in der hebräischen Sprache zu unterrichten, dürfte doch noch sehr schwer fallen.“ Herrn Dr. Nathan scheint diese Frage besonders am Herzen zu liegen, und er äußerte sich darüber sehr klar und deutlich: „Zunächst ist die Frage der Unterrichtssprache eine vorzugsweise pädagogisch-technische, und es wird Sache des Lehrerkollegiums sein zu entscheiden, in welcher Sprache jedes Fach zu unterrichten sei. Das läßt sich aber jetzt schon sagen: Was zurzeit vielleicht noch mit großen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, nämlich Lehrer zu finden, die technische Fächer in der hebräischen Sprache lehren könnten, wird vielleicht schon nach 5—6 Jahren vollkommen möglich sein. Es wird demnach auch in der technischen Schule vorzugsweise die hebräische Sprache als die zukünftige Hauptsprache der jüdischenn Bevölkerung des Landes gepflegt werden. Dann soll auch der deutschen Sprache, die die europäische Kultur vermitteln soll, ein breiter Spielraum gewährt werden, und schließlich wird man in der technischen Schule auch der englischen Sprache als derjenigen, die für Techniker von besonderer Bedeutung ist, einen gewissen Platz einräumen müssen.“ So sprach Dr. Nathan vor fünf Jahren. Die Möglichkeiten, an die er damals dachte, sind eingetreten. Man kann heute unstreitig auch technische Fächer hebräisch unterrichten. Herr Dr. Nathan hat sich aber inzwischen eine neue Zweckmäßigkeitstheorie zurechtgelegt, die es ihm untunlich erscheinen läßt, selbst in palästinensischen Mittelschulen die tatsächliche Hauptsprache der jüdischen Bevölkerung des Landes „vorzugsweise zu pflegen.“ Und die Lehrerkollegien der palästinensischen Hilfsvereinsschulen, die die damaligen Anschauungen Dr. Nathans vertreten und ihm ihr sachkundiges Urteil in der „vorzugsweise pädagogischen“ Frage der Unterrichtssprache in ruhiger, sachlicher Weise auseinandergesetzt haben, sind „Terroristen“ und „zionistische Agitatoren“. Es geht eben nichts über Konsequenz! WELTCHRONIK Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Mitteilungen des Zentralbureaus) ln den Monaten Oktober-Dezember wurden gegen 31) neue Ortsgruppen der „Histadruth Ibrith“ gegründet: manche in den Großstädten Westeuropas (Berlin, Wien, Paris, Sofia u. i. a.) und die meisten in Rußland (12) und in Galizien (7). In Berlin ist ein hebräischer Kindergarten eröffnet worden. Hebräische Abendkurse werden veranstaltet durch das Zentralbureau, Verein „Ibriah“, „Herzl-Club“, „Herzliah“, Verein jüdischer Studentinnen u. a. Es hat sich ein Landeskomitee für Deutschland konstituiert, bestehend aus folgenden Mitgliedern: Dr. Heinrich Loewe (Berlin), Dr. J. Klatzkin (Köln), Rechtsanwalt S. Gronemann, Dr. G e r s o n , Dr. A. W o 1 f f , Dr. Rosenfeld (Berlin). Dieses Landeskomitee beschloß mit Zustimmung des Zentralkomitees, für die Propaganda in Deutschland einen besonderen Landesbeitrag, in gleicher Höhe mit der „Thrumah“, einzuführen. Die Werbetätigkeit üben zurzeit im Aufträge des Z. K. aus: 1. in Deutschland, besonders in der Umgebung Berlins, Herr J. Z. Klötzel; 2. in Rußland, besonders in Bessarabien, Herr Rabbiner Abraham J. Haibri aus Nowosielize. Die Zentrale hat ein eingehendes Projekt über die Organisierung von Gruppen junger Leute zur Propagierung der hebräischen Idee ausgearbeitet, welches demnächst publiziert werden wird. Ferner befaßt sich das Zentralbureau mit einem Projekt betreffs Gründung eines allgemeinen Fonds zur Unterstützung von Kindergärten. Anläßlich des Jahresbeginns fordert das Zentralkomitee alle Ortsgruppen und Mitglieder der „Histadruth“ auf, überall Abonnenten für die hebräischen Zeitungen zu werben, sowohl durch Gründung von Gruppen zur Verbreitung der hebräischen Literatur als auch durch persönliche Propaganda im Kreise der Bekannten. Das Zentralkomitee weist auf die heilige Pflicht hin, die Geldsammlungen für das hebräische Schulwerk in Palästina, das jetzt seinen Daseinskampf auszufechten hat, mit aller Energie zu betreiben. Diese Gelder sollen nicht nur den momentanen Bedürfnissen genügen, sondern auch eine dauernde materielle Grundlage für das hebräische Erziehungswesen schaffen und dessen Selbständigkeit sichern. Unsere Ortsgruppen und Genossen müssen die Ersten sein bei der Erfüllung dieser Nationalpflicht! Unsere Adresse lautet: Zentralbureau der „Histadruth Ibrith“, Berlin-Charlottenburg, Knesebeckstr. 80/81. Deutschland Illfllllltllllllllillllllllllllllllll Die polnischen Sozialdemokraten Preußens gegen den Judenboykott Wie bekannt, führen die Nationalpolen und de:en Presse den Boykott unter der Devise: „Swuy do Swego“ (Jeder zum Seinen) nicht nur gegen Deutsche, sondern auch gegen die jüdischen Gewerbetreibenden. Im Gegensatz zu den Nationalpolen haben die polnischen Sozialdemokraten Preußens auf ihrem Parteitag am 25. und 26. Dezember 1913 in Oswiczin (Galizien) folgende Protestresolution angenommen: „Der außerordentliche Parteitag der P. P. S. (Polnische sozialistische Partei) protestiert gegen den Boykott und alle Schikanen, die durch die Allpolen gegen die Juden unternommen werden. Der Parteitag steht auf dem unverrückbaren Standpunkte, daß jeder, der ein menschliches Antlitz trägt, gleiche Bürgerrechte besitzen soll. Unser Kampf wird um die Befreiung der ganzen Menschheit aus den Fesseln der heutigen Politik und des Kapitalismus geführt.“ Oesterreich iiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiüiiiiiiiiiitnni Oesterreich und die rumänischen Juden Unser Wiener Korrespondent schreibt uns: Der österreichische Minister des Aeußern, Graf Berchthold, nahm, wie wir an dieser Stelle berichteten („Die Welt“, Nr. 52, 1913) in der Frage der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der rumänischen Juden eine sehr befremdende Haltung ein. Er erklärte klipp und klar, Oesterreich habe kein Interesse daran, in dieser Angelegenheit die Initiative zu einem gemeinsamen Schritte der Signatarmächte zu ergreifen und gab sogar zu erkennen, daß er der Meinung Rumäniens, die rumänische Judenfrage sei eine ausschließlich innere Landesangelegenheit, beipflichte, obwohl doch diese Auffassung dem § 44 des Berliner Vertrages widerspricht. Die Erklärung des Ministers, die schon in den Delegationen nicht unwidersprochen blieb, wurde auch in der zweiten Kammer seitens des Abgeordneten Dr. Straucher zum 999999999999 010001530002010002020102 ^08385175533853635897509464^ 27152134221413 997951093600478140424867104165191005498670177248672786965