Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Die Haltung der Rabbiner Palästinas
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 41 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 LT DIE 41 Es verdient übrigens erwähnt zu werden, daß sich der ursprüngliche Oberem der Jerusalemer Rabbiner gegen moderne Schulen auf solche Bildungsanstalten bezog, die fremde Unterrichtssprachen hatten. Infolge dieses Umstandes sehen sich auch strenge Orthodoxe nicht gehindert, Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache ins Leben zu rufen. Moriah, „die offizielle Zeitung Jerusalemer Gemeinden“ (Von unserem Jaffaer Korrespondenten) lm ersten Communique des Hilfsvereins (vgl. Nr. 49 der „Welt“) wird der staunenden Mitwelt verkündet: „Die offizielle Zeitung Jerusalemer Gemeinden ,Moriah* widmet der Ankunft des Herrn Dr. Nathan zwei Artikel. Der Gegensatz in Schulfragen, der in Palästina gegenwärtig zutage tritt, wird folgendermaßen beleuchtet: Es sei Lüge, daß in den Hilfsvereinsschulen das Hebräische zurückgesetzt wird. Der Hilfsverein habe mehr für Hebräisch geleistet, als das Jaffaer Gymnasium. Die Verbreitung, die das Hebräische im täglichen Leben in Palästina gefunden hat, sei das Werk der zahlreichen HilfsVereinsanstalten.“ Der betreffende Artikel der „Moriah“ erschien am Mittwoch, den 19. November, aus der Feder seines Chefredakteurs. Eine Woche zuvor, nämlich am Mittwoch, den 12. November, erschien in der „Moriah“ aus derselben Feder ein Artikel, in welchem das gerade Gegenteil behauptet wurde. Hier zur Illustration einige Aus- „Seit Dezennien bekommt ein großer Teil der palästinischen Jugend keine hebräische, sondern eine französische oder deutsche Erziehung. Tausende Kinder füllen jetzt noch diese Schulen — ohne daß man dagegen im Beth-Am oder sonstwo protestiert hat. Die deutsche Erziehung von tausenden Kindern, d. h. der künftigen Generation, hat die Kämpfer nicht aufgeregt, zumindest sie nicht auf den Kampfplatz gerufen. Dazu bedurfte es erst des Technikums, welches gar nicht für Kinder, sondern für reife Erwachsene bestimmt ist . . . Gewiß darf nur die hebräische Sprache die Unterrichtssprache in allen unseren Erziehungsanstalten und auf allen Gebieten sein. Wir müssen die Sprache beleben und sie immer mehr und mehr ins Leben hineintragen. Es gibt keine größere Gemeinheit, als unsere Sprache beiseite zu schieben und fremde Sprachen auf Rechnung unserer besten Kräfte zu entwickeln und zu verbreiten. Das Parodoxe aber in diesem Kampfe ist, daß man die deutsche Erziehung akzeptiert, aber gegen die deutsche Sprache, wo sie von der Erziehung schon losgelöst ist, Sturm läuft ... Man wird vielleicht behaupten, daß jetzt die Erziehung in den Schulen des Hilfs Vereines schon mehr hebräisch sei als früher. Vielleicht trifft dies zu. Man darf aber nicht vergessen, daß dieses „M ehr hebräisc h“, welches gegen den Willen des Hilfs Vereines und durch Zwang entstanden ist, doch nicht auf sein Konto zu buchen ist. Man kann nur sagen: Dank der allgemeinen Strömung, die seit einigen Jahren in unserem Lande herrscht, und die auch einen Teil der Zöglinge des Hilfsvereines mitgerissen hat, ist auch dort eine gewisse Umwälzung eingetreten . . . Eine analoge Erscheinung war ja übrigens auch in den Schulen der Alliance wahrzunehmen. Und wenn beim Hilfs verein ein bißchen mehr hebräisch als bei der Alliance war, so hing dies mit nebensächlichen Umständen zusammen... Aber auch jetzt ist die Erziehungsarbeit.in den Schulen des Hilfsvereines nicht hebräisch. Die deutsche Sprache und Kultur machen auch heute dort den Hauptteil der Erziehung und des Geistes, den die Zöglinge in sich aufnehmen, aus. Viele Tatsachen und Vorfälle bestätigen dies.“ So am Mittwoch, den 12. November. Eine Woche später, am 19. November und an den folgenden Tagen, hatte sich die „Weltanschauung“ der „Moriah“ in ihr gerades Gegenteil verwandelt. Wer oder was hat diesen staunenswerten Wechsel der Gesinnung herbeigeführt? Dunkel sind die Wege der Vertreter des Hilfsvereins und des Herrn „Chefredakteurs“ . . . Soviel steht jedoch fest: Herr Ephraim Cohn Informationsmaterial zum Sprachenkampf in Palästina Das Zionistische Zentralbureau stellt Informationsmaterial über den Sprachen kampf auf Wunsch kostenlos zur Verfügung-. Wir bitten die Gesinnungsgenossen ihre Wünsche baldigst dem Zentralbureau aufzugeben. hat auch einen ehrlichen Mitarbeiter der „Moriah“, A. J. Schermann, in der „rätselhaften“ Woche zu sich geladen, aber — kein Entgegenkommen gefunden. Herr Schermann hat auch nach dem Erscheinen des Artikels vom 19. November sofort seine Stellung gekündigt. Daß man selbst in unserem Lager bis jetzt auf den Artikel vom 12. No-vember nicht hingewiesen hat, hängt damit zusammen, daß die „Moriah“ bis in letzter Zeit gewissermaßen unter „Ausschluß der Öffentlichkeit“ erschienen war. ln den ersten Tagen nach dem „Sündenfall“ der „Moriah“, als sie noch äußerlich das Blatt der Orthodoxie sein wollte, da ärgerten sich noch die Orthodoxen über sie und einer ihrer Wortführer, J. M. Tikozinskv, schrieb voll Wut: Was geht dieser Streit die orthodoxe „Moriah“ an? „Es ist eine Schande für eine Zeitung, die die Fahne der Gesetzestreuen entfaltet und sich über den Hilfs verein wie über die anderen Schulen zu äußern pflegte, daß sie plötzlich zu einem Organ des Hilfs Vereins geworden ist und Lobeshymnen über ihn anstimmt. Dies ist ein Verrat an der Fahne der Orthodoxie und zugleich eine Schmach für den Hilfs- Es ist bekannt, wie unzweideutig nachher das Rabbinat der Peruschim und Chassidim die Moriah und den Hilfsverein desavouiert hat. Man muß nach alledem zugeben, daß in diesem unseligen Streite die Kreise der Jerusalemer Chalukah — mit einziger Ausnahme der Moriah — unvergleichlich mehr Charakter und Ehrlichkeit bewiesen haben, als die Führer aus „Mitteleuropa“. Tut nichts: Der Hilfsverein läßt stolz verkünden: die Moriah, das offizielle Organ der Jerusalemer Gemeinden . . . Die Kampfmittel des Hilfsvereins Aus Haifa teilt man uns mit: Die entschiedene Haltung der jüdischen Gemeinde in Haifa hat die Leute des Hilfsvereins in den Zustand großer Wut versetzt. Herr Direktor Finkeistein ließ daher die jüdischen Arbeiter des Technikums zu sich befehlen und verlangte von ihnen, daß sie ihre Kinder in die Schule des Hilfsvercins schicken sollten, widrigenfalls sie keine Arbeit beim Technikum bekommen würden. Aus dem Kreise der Arbeiter trat einer vor und erklärte: „Ich gebe meine ganze Kraft und die Arbeit meiner Hände für den täglichen Lohn von 4 Frcs. hin. Meine Kinder aber verkaufe ich auch für 20 Frcs. täglich nicht. Der Gott, der uns bis jetzt genährt hat, wird uns auch ohne das Technikum nicht verlassen. Bange machen gilt nicht.“ Daraufhin entfernten sich die Arbeiter. Herr Finkeistein hat sich inzwischen eines Besseren besonnen. Wohl, um sich wegen dieses unglaublichen Vorgehens zu rechtfertigen, verbreiten jetzt die Parteigänger des Hilfsvereins das Gerücht, daß die Anglo-Palestine Company den Eltern die ihre Kinder in die Schulen des Hilfsvereins schicken, den Kredit entzogen hätte. Ich bin von der Zentrale der A. P. C. in Jaffa ermächtigt, diesem lügenhaften Gerücht in aller Schärfe entgegenzutreten. Diese Ausstreuung steht ungefähr auf derselben Höhe der Moral, wie die Behauptung, daß die Schulstreiks in Jerusalem und Jaffa von Berlin aus organisiert worden sind.