Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Ost und West zum Sprachenkampf [Kommentar]
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 40 (sequence 2)
- Language
- German
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40 - — n DIE^gEELT —— - -- — -- Nr 2 sind nicht feil für Geldsummen. Wer sie lenken und regieren - will, muß ihr Vertrauen und ihre Liebe gewinnen, und um dies - zu erreichen, muß er mit dem Herzen und der Seele bei ihnen sein. Vor allen Dingen muß er ihnen tiefstes Verständnis entgegenbringen. Das Vertrauen und die Liebe, welche der Hilfsverein im Herzen der palästinensischen Judenheit gesät hat, scheint aber nicht sonderlich groß zu sein, da er jetzt gezwungen ist, die Hilfe der Polizei und des deutschen Konsuls gegen die Lehrer und Schüler seiner „eigenen“ Schulen anzurufen. Achad Haam hebt mit Recht hervor, daß die Sprachenfrage, die jetzt die Gemüter in Palästina zur Siedehitze gebracht hat, nicht eine Parteifrage der Zionisten ist. Auf diesen Punkt muß noch größter Nachdruck gelegt werden. In gewissen Kreisen hat man nämlich den jetzigen Zeitpunkt der Zerfahrenheit im Innern der Judenheit und der Bedrängnis von außen für geeignet erachtet, Oel ins Feuer zu schütten und durch eine spezielle Organisation eine regelrechte Hetze gegen die Zionisten und den Zionismus einzuleiten. Es kann unmöglich Zufall sein, daß das „Antizionistische Komitee“ seine fieberhafte Tätigkeit gerade in dem Moment entfaltet hat, da der Hilfsverein den Zionisten, mit denen er so viele Jahre lang eng verbunden war, den Krieg erklärt hat. Nur in diesem Zusammenhänge ist es verständlich, daß diese beiden Organisationen jetzt, wie auf Verabredung, die unerquicklichen Vorgänge in Palästina als „zionistische Mache“ hinzustellen bestrebt sind. Nun, wir vertreten hier gewiß nicht den parteizionistischen Standpunkt, und sind von zionistischer Seite oft genug angefeindet worden. Hier handelt es sich aber durchaus nicht um Zionisten. ... Hier handelt es sich um die Förderung oder Vernichtung einer Bestrebung, die seit zwanzig Jahren die Kräfte der besten Pädagogen und aller Männer der Öffentlichkeit in Palästina absorbierte . . . und die gerade der Hilfsverein seit Anbeginn seiner Tätigkeit hätschelte. Man kann der Bestrebung, die hebräische Sprache zur Unterrichtssprache für die höheren technischen Fächer zu machen, skeptisch gegenüberstehen und deren volle Verwirklichung erst für einen fernem Zeitpunkt wünschen, aber nachdem der Hilfsverein von Anbeginn das Hebräische in seinen Schulen als Unterrichtssprache anwandte, mußte er sich sagen, daß die prinzipielle Ausschaltung dieser Sprache als Unterrichtssprache auch aus der Mittelschule des Technikums einen schweren Schlag für die palästinensischen Juden bedeuten werde, da damit die bisher gehegten und von ihm selbst gepflegten Hoffnungen zunichte gemacht werden. Ob das Hebräische schon so weit den Bedürfnissen des modernen Lebens und der Wissenschaft angepaßt ist, um als Unterrichtssprache für technische Gegenstände zu dienen, das zu entscheiden, ist Herr Dt. Paul Nathan sicherlich am allerwenigsten berufen. Die beiden hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem, sowie die Lämelschule und das Lehrerseminar des Hilfsvereins selber haben zur Genüge dargetan, daß die hebräische Sprache für den Mittelschulunterricht jetzt schon vollkommen ausreicht. Man durfte also das Hebräische nicht aus Gründen, die mit der Sache selbst nichts zu haben, prinzipiell und für immer als Unterrichtssprache ausschalten, ohne sich zu sagen, daß dies den Sturm entfesseln wird, der heute tatsächlich in Palästina unter der arbeitenden, schaffenden, kulturell einzig wertvollen jüdischen Bevölkerung tobt. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu wähnen, daß der Sturm sich bannen ließe, wenn man drei oder vier „zionistische Aufwiegler“ in Palästina unschädlich machen oder gar durch die Vermittlung der Behörden aus dem Lande weisen ließe — wie dies, laut zuverlässigen Nachrichten aus Palästina, angestrebt worden ist. Die jüdische Bevölkerung Palästinas erkannte das bisherige Kokettieren des Hilfsverein mit der hebräischen Sprache als ein Geflunker, darauf berechnet, ihr Sand in die Augen zu streuen, während er in Wirklichkeit ganz andere Ziele verfolgte. Die Bewegung hat daher die weitesten Kreise der dortigen Bevölkerung ergriffen, und wenn jetzt die zionistischen Führer sich entgegenstemmen wollten, so würden sie ihre blauen Wunder erleben. Sie werden jetzt schon von den Juden in Palästina beschuldigt, durch Leichtgläubigkeit und Mangel an politischem Sinn dem Hilfsverein ins Garn gegangen zu sein und durch ihre Propaganda ihm die Wege gebahnt und zu einem für die Interessen der Juden im Orient gefährlichen Einfluß verholfen zu haben. — — — Auch den wahren deutschen Kultur interessen hat der Hilfsverein einen sehr schlechten Dienst geleistet. Obgleich der Antisemitismus in ganz Europa (und auch im Orient) von Deutschland ausging, und in der ganzen Welt vorwiegend von Deutschen gepflegt wird, hegen alle Juden, und insbesondere die polnisch-russischen, eine tiefe Sympathie für die deutsche Kultur. Schon ihre Sprache bringt diese Juden dem geistigen Deutschland nahe, und überall in der Welt sind sie, oft unwillkürlich, Propagatoren des Deutschtums und somit auch der deutschen Interessen gewesen. Diese Dienste der Juden wissen die maßgebenden deutschen Staatsmänner sehr wohl zu würdigen, wenn sie es auch nie für nötig erachten, sie zu lohnen. Durch den Versuch der gewaltsamen Aufdrängung des Deutschen als der einzig möglichen Kultursprache der Juden in Palästina hat der Hilfsverein diese Sympathie der Juden für das Deutsche sehr erschüttert, wenn nicht gar für lange Zeit verscheucht. Herr Dr. Paul Nathan hätte wohl von Wreschen und von Zabem lernen können. Daß er es nicht getan, beweist nur, daß man ein guter Mensch und dabei ein schlechter Politiker sein kann. Zumal, wie wir aus absolut sicherer Quelle wissen, das Berliner Auswärtige Amt für den dem Technikum zu gewährenden „Schutz“ gar nicht die Festlegung des Deutschen als Unterrichtssprache verlangt hat, sondern nur, daß im Unterrichtsplan der deutschen Sprache der erste Rang unter allen anderen europäischen Sprachen eingeräumt werde. Die Herren nun, welche päpstlicher als der Papst sein wollen, haben jedenfalls bewiesen, daß ihnen der weite und freie politische Blick für die realen Verhältnisse mangelt, und daß sie sich keineswegs zu Lenkern einer großen jüdischen Organisation mit weitausgreifenden Plänen eignen, wo es gilt, Herz und Kopf am richtigen Fleck zu haben. Faßt man also den Kampf, den die Juden in Palästina jetzt gegen den Hilfsverein führen, ruhig ins Auge, so wird man zugeben müssen, daß es ein Kampf für ein hehres Ideal ist gegen eine leichtfertige, dilettantische Politikasterei, die jüdische Mittel und jüdische Kraft Zwecken dienstbar machen will, die mit Juden und Judentum nichts zu tun haben.“ Die Haltung der Rabbiner Palästinas (Von unserem? Jaffa er Berichterstatter.) Daß kein Rabbiner Palästinas für den Hilfsverein in seinem Kampfe gegen die hebräische Unterrichtssprache Stellung nahm, wurde bereits mitgeteilt. Es tut not, auf die Stellung der Rabbiner etwas ausführlicher hinzuweisen, da der Hilfsverein sich so gebärdet, als ob er nicht bloß das gute Europäertum, sondern auch den Schutz der Kolonisation und der jüdischen Religion gepachtet hätte. Welche Bewandtnis es mit der angeblichen Zustimmung des Jerusalemer Chacham-Baschi hat, ist ja allgemein bekannt geworden. Der ehrwürdige Chacham Baschi von Tiberias, Rabbi A b u 1 a f i a , hat, wie bereits in voriger Nummer berichtet, telegraphisch seinen Protest an Nathan gesandt. Der Jaffaer Chacham Baschi steht ebenfalls ganz auf unserer Seite. Die Jerusalemer Rabbiner der Peruschim und Chassidim haben eine Erklärung plakatieren lassen, die von einer erfrischenden Aufrichtigkeit ist. Von besonderem Interesse ist die Stellung des Oberrabbiners Kuk in Jaffa. Er hat in letzter Zeit einen besonderen Eifer für radikal-orthodoxe Forderungen gezeigt und manche schöne Seele hegte daher die Hoffnung, daß er jetzt die Sache der hebräischen Sprache nicht vertreten würde. Eine trügerische Hoffnung! Als Oberrabbiner Kuk neulich gefragt wurde: „Ist denn die Pflege der hebräischen Sprache religiöses Gebot, da doch nichts darüber in der Thora steht?“ antwortete er: „Ganz gewiß ist sie ein heiliges religiöses Gebot. In der Thora steht auch nicht: ,Liebe deine Kinder'/ und dennoch ist dies eines der heiligsten jüdischen Gebote. Ich übrigens,“ fuhr er fort, „deute das Wort NX in dem Satze Tg1? rn NX 'irs'O als Abbreviatur von 't'~iX (Land) und 77DN fSorache). Und Sie sehen, diese Worte gehen dem Worte n ^Gesetz) voran.“ Auf die Frage seines Gegenübers: „Rabbi, Sie sagen dies in Gegenwart von Kindern?“ antwortete Rabbiner Kuk in seiner ruhigen Art: „Ganz gewiß, es sind ja Worte der Thora!“