Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Neue Tendenzlügen des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 39 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 39 DIE^ELT Sprüchen der Gründer als Unterrichtssprache eingeführt wird, und daß Türkisch und Arabisch obligatorisch, Fremdsprachen fakultativ werden. Dieses Vorgehen der Juden findet allgemeine Zustim- Im übrigen hat Herr Dr. Schmarja L e v i n der „Kölnischen Zeitung“ eine Berichtigung der in der obigen Jerusalemer Korrespondenz enthaltenen, auf seine Person bezüglichen unwahren Angaben zugesandt. Diese Berichtigung bringen wir in der nächsten Nummer. Die offiziöse „Bayerische Staatszeitung“ widmet dem Sprachenkampf in Palästina einen längeren Artikel, in dem der Nachweis geführt wird, daß das Vorgehen, des Hilfsvereins vom deutschen Standpunkt zu bedauern sei. Wir werden diesen vortrefflichen Artikel in der nächsten Nummer abdrucken. „Ost und West“ zum Sprachenkampf ln dem in der nächsten Woche erscheinenden Januar- Hefte von „Ost und West“ gelangt ein offener Brief von Achad Haam an den Redakteur der Zeitschrift zum Abdruck, in dem Achad Haam seine Stellungnahme im Kampf gegen den Hilfsverein begründet. In bekannter Weise entwickelt Achad Haam seine Spezialauffassung vom Zionismus. Er meint, daß zwischen „Zionisten“ und „Assimilatoren“ die große „Majorität“ der Juden stehe, die weder zionistisch noch assimilatorisch gesonnen seien. Er charakterisiert diese Majorität dann mit folgenden Worten: „Es ist die große Menge der einfachen Leute und der Aufgeklärten, di eim tiefsten Innern ihrem Volke treu anhangen und sein Fortbestehen begehren, aber vom Strom des Lebens mehr und mehr, ohne Wissen und Willen, fortgerissen, dem Abgrund der Assimilation zutreiben und nicht wissen, an was sie sich klammern sollen, um sich und die ihrigen vor der Flut zu bergen. Die TTiora gerät in Vergessenheit, die Kraft der Religion wird erschüttert, die Vätersitten schwinden immer mehr, das Leben wird jedes jüdischen Inhalts bar, die Eltern sehen zu, wie ihre Nachkommen sich von ihrem Volk entfernen, und sie können nichts dagegen ausrichten, verzagten Herzens wenden sie sich von dieser ganzen „leidigen Angelegenheit“ ab und tauchen im Leben des Alltags unter. Die besseren unter ihnen bemühen sich, ihre Herzensbedürfnisse durch „soziale“ jüdische Arbeit zu beschwichtigen, durch Wirksamkeit in lokalen oder allgemeinen Wohltätigkeitsinstitutionen, wohl wissend, daß die Flut immer mehr anschwillt und daß diese ihre Arbeit ihr Volk nicht retten wird.“ Wir sind mit Achad Haam einer Meinung. So charakterisiert sich in der Tat diese jüdische Majorität, die er weder für zionistisch, noch assimilatorisch hält, die wir aber gerade auf Grund seiner trefflichen Darstellung Assimilanten nennen zu müssen glauben. Es ist uns nicht recht begreiflich, warum Achad Haam in diesem Augenblick die Behauptung aufstellt, daß die einzige Frage, die jene beschäftigt, darin besteht, ob von Zion der „Geist“ kommen werde, um den verdorrenden Knochen in der Diaspora neues Leben einzuhauchen. Wir haben immer geglaubt und glauben trotz dieser entschiedenen Behauptung Achad Haams noch immer, daß Freunde und Gegner das Achad Haamismus ausnahmslos innerhalb der zionistischen Bewegung zu finden sind. Im übrigen wendet sich Achad Haam selbstverständlich nachdrücklich gegen das Vorgehen des Hilfsvereins. Die Redaktion von „Ost und West“ fügt dem Artikel ein überaus interessantes Nachwort an, dem wir folgende markante Stellen entnehmen: ..Es scheint im voraus ziemlich unwahrscheinlich, daß in die Lehrer der palästinensischen Schulen des „Hilfsvereins der deutschen Juden“ und in die Zöglinge urplötzlich der böse Geist der Auflehnung und der Revolte gefahren sei und sogar die Väter und Mütter angesteckt hätte. Uns einzureden, daß ein paar Agitatoren die sonst so ruhige, besonnene und friedlicher, stiller Arbeit ergebene jüdische Bevölkerung ohne weiteres zum Aufruhr verleiten konnten, so daß der Konsul einer fremden Großmacht die Hilfe der Polizei anrufen mußte, um Schulen und Erziehungsanstalten, die immer den Juden das teuerste und heiligste waren, zu schützen — das heißt denn doch, an unseren naiven Glauben viel zu starke Anforderungen stellen. Was in Palästina geschieht, wurde durch das Vorgehen des Hilfsvereins hervorgerufen, ein Vorgehen, dem die verhängnisvolle, grundfalsche Anschauung als Basis dient, daß diese „armseligen Ostjuden“, die aus Rußland, Rumänien oder Galizien kamen, sich in Palästina angesiedelt haben, und denen „wir Westjuden“ nun großmütig Hilfe spenden und „Kultur“ darbieten, ein entrechteter, willenloser Haufe sind, der demütig und unterwürfig zu „uns“ emporblicken soll, keine eigene Meinung und selbständige Bestrebungen haben darf, und nur von uns Weisungen und Belehrungen entgegenzunehmen hat. Nun sind aber die in Betracht kommenden Juden von Palästina keine Schnorrer, die man . . . von oben herab behandeln dark. Das sind Männer, die hingekommen sind, um ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen . . . Was ihnen frommt und was ihnen nottut, wissen sie am Ende selber. Wer sie genau kennt und ihre Lage, ihre Hoffnungen und Bedürfnisse erforscht hat, kann ihnen wohl einen guten Rat erteilen, er kann sie vielleicht eine Strecke lang zu ihrem Nutzen leiten, aber ihnen etwas wider ihren Willen aufzudrängen, sie in gewisse Bahnen zu zwingen, das darf keiner wagen. Es ist eine Vermessenheit, auf die Höhe der Geldsummen zu pochen, die man ihnen angeblich „aus eigener Tasche“ geschenkt hat, und daraus das Recht herzuleiten, sie am Gängelhande zu führen. In dem vorliegenden Falle trifft nicht einmal das zu. Denn die Summen, aus denen sich die Fonds des Technikums zusammensetzen, stammen nur zu einem verschwindend geringen Teil vom „Hilfsverein der deutschen Juden“. Sie sind hauptsächlich von russischen und amerikanischen Juden aufgebracht und dem Hilfsverein auch nur unter der ausdrücklichen, von Herrn Jacob Schiff, New York, gestellten Bedingung überwiesen worden, daß sie nicht einen Bestandteil der allgemeinen Fonds dieses Vereins bilden, sondern ausschließlich den Zwecken des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Haifa dienen sollen. Folgende Ziffern beweisen das. Es haben für das Technikum in Haifa gespendet: Herr W i s s o t z k v in Moskau 430 000 M., Herr Schiff in New York 420 000 M„ Herr Rosen wald in Chicago 20 000 M., Herr Karpas in Jekaterinoslaw 10 000 M., zusammen also SSO 000 M. Dieser Summe steht die Spende des Herrn Dr. James Simon von 100 000 M. gegenüber, ferner Erträgnisse von etwa 13 000 M. aus der Cohn-Oppenheimschen Stiftung. An Stipendien wurden gestiftet: 10 ä 1000 M. für zehn Jahre von Herrn Rosenwald in Chicago, 15 ä 1000 M. von den amerikanischen B’nei Berith-Logen; einzelne Organisationen und Privatleute isl Amerika haben zusammen 17 Stipendien gestiftet. Ein Stipendium auf den Namen Achad Haams hat Wissotzky errichtet, 12 Stipendien sind in Deutschland gesammelt worden. Alle aus Amerika stammenden Geldspenden und Stiftungen sind ausschließlich der Propaganda des früheren Duma-Abgeordneten, des Dr. Schmarja Lev in, zu verdanken, der in verschiedenen Städten Amerikas ca. 50 Vorträge über die Notwendigkeit eines hebräischen Technikums in Palästina gehalten hat. Die Herren W i 1 e n s k v und Fei wel haben in Rußland ca. SO 000 M. für das Technikum gesammelt und der Leitung des Hilfsvereins übergeben. (Daß diese Summe einstweilen anderen Zwecken zugeführt worden ist, kann weder den Spendern noch den Sammlern zum Vorwurf gereichen.) Der Jüdische Nationalfonds hat das Areal, auf dem die Gebäude des Technikums sich erheben, im Werte von 100 000 Frcs. zur Verfügung gestellt. — Man sieht, der Hilfsverein und seine leitenden Männer haben sich pekuniär nicht allzusehr angestrengt, um die Mittel für das geplante Technikum herbeizuschaffen. Aber wir betonen nachdrücklich, daß dies nur Nebensache ist. Denn „gäbe einer auch alle Schätze seines Hauses hin, spotten würde man seiner“, wenn er sich deswegen anmaßen würde, ein Volk zu tyrannisieren. Völker