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Die Welt · 1914-01-09 · 2 (9.1.1914) · p. 38

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
2 (9.1.1914)
Article
Ein Interview im Auswärtigen Amt
Date
1914-01-09
Page
38 (sequence 1)
Language
German
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38 Nr. 2 Ein* Intervf ewjm* Auswärtigen' Amt Das „Hamburger Israelitische Familienblatt“ berichtet über ein Interview im Berliner Auswärtigen Amt- Wir teilen daraus folgenden charakteristischen Abschnitt mit: Frage: Welche Haltung wird das Auswärtige Amt weiterhin gegenüber den Agitationen, dem Lehrer- und Schülerstreuc an den palästinensischen Lehranstalten des Hilfsvereins einnehmen? Hierauf erwiderte der Vertreter des Auswärtigen Amtes: Wir werden in diesem innerjüdischen Streit, wie gesagt, strikte Neutralität bewahren, soweit nicht Angriffe auf einen einzelnen deutschen Juden oder auf eine einzelne unter deutschem Schutz stehende Anstalt ein Einschreiten unserer Konsularbeamten erfordern. Dieser konsularische Schutz ist Herrn Dr. Nathan und den Schulen des Hilfsvereins in Jerusalem letzthin zuteil geworden. Er würde erforderlichenfalls auch einem deutschen Zionisten im Auslande gewährt werden." Wie ernst es die deutschen Vertreter in Palästina mit dieser strikten Neutralität nehmen, zeigt folgendes an uns gelangte Telegramm: Jerusalem, den 2. Januar 1914. Generalkonsul Schmidt Jerusalem ermächtigt frühere Leiterin Mädchenschule Hilfsvereins Veröffentlichung folgender Erklärung: Ich wäre nicht mit Polizei in Schule gekommen, wenn ich wirklichen Zustand gekannt und geahnt hätte, mit welcher Ruhe ohne Schüleraufreizung Lehrer Unterricht unterbrachen. Die Antwort des Dezernenten im Auswärtigen Amt und unser Telegramm ergänzen einander. Die deutsche Regierung will neutral bleiben und betrachtet den „Sprachenstreit in Palästina" als eine innerjüdische Angelegenheit." Neue Tendenzlügen des Hilfsvereins Die Hilfsvereinskreise setzen ihren allen Geboten der Wahrhaftigkeit, der Loyalität und der guten jüdischen Sitten hohnsprechenden Pressefeldzug unbeirrt fort. Zum zweitenmal haben sie die „Kölnische Zeitung“ zu ihrem Sprachrohr erwählt, die in ihrer Abendausgabe vom 5. Januar folgende Korrespondenz aus Jerusalem veröffentlicht: Der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina. Jerusalem, Ende Dezember. Die Unruhen aut den jüdischen Schulen sind telegraphisch gemeldet worden, es verlohnt sich aber ihrer Entstehung noch einmal nachzugehen. . Das Kuratorium des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina hatte im Oktober unter dem Vorsitz von Dr. James Simon in Berlin beschlossen, daß in dem 1914 in Haifa zu eröffnenden Technikum und seiner Vorschule die naturwissenschaftlich-technischen Fächer in deutscher Sprache gelehrt werden sollen. Dem Hebräischen solle, dem bestehenden Bedürfnis entsprechend und gemäß dem jüdischen Charakter der Anstalt, die eingehendste Pflege zuteil werden. Die deutsche Unterrichtssprache wurde der hebräischen aus einer Reihe von Gründen vorgezogen. Zunächst hielt man es nicht für möglich, sämtliche Disziplinen in hebräischer Sprache zu lehren, weil es zurzeit an modernen hebräischen technischen Lehrbüchern fehlt. Auch sind nicht Lehrer in genügender Zahl vorhanden, in den technischmathematischen Wissenschaften zu unterrichten, und hebräisch vorgebildete Ingenieure würden in ihrem materiellen Fortkommen im ganzen Orient gehemmt sein. Infolge dieses Beschlusses trat Dr. Schmarja Lewin aus dem Kuratorium aus und entfachte unter den Zionisten in Jerusalem, Jafia und Haifa eine heftige Bewegung zugunsten der hebräischen Sprache. Man verlangte die Einführung des Hebräischen in die Vorschule und behauptete, daß diese Sprache bereits allen Erfordernissen der modernen wissenschaftlichen Terminologie genüge. Der Beschluß des Kuratoriums sei daher ein Verrat an dem jüdischen Volk. Es fanden Einspruchversammlungen "statt, die beschlossen, die Schulen des Hilfsvereins deutscher Juden, in deren obem Klassen Deutsch als Unterrichtssprache verwandt wird, zu boykottieren und eine Streikkasse für die Lehrer und Schüler zu gründen, die aus den Schulen austreten würden, in denen nicht Hebräisch Unterrichtssprache ist. Tatsächlich kam es zum Ausstand von Lehrern und Schülern in Jerusalem, Jaffa und Haifa. Ohne auf eine Kritik der angewandten Mittel einzu gehen, sei nur die Tatsache betont, daß sich im zionistischen Lager slawische Einsprüche geltend machen. Es ist bekannt, daß die russischen Konsuln den Zionisten ihre Förderung angedeihen lassen, um, wie es de' ganzen russischen Politik in der Türkei entspricht, möglichst viel separatistische Volkselemente zu schaffen. Auch diesmal nutzten die Konsuln die Gelegenheit aus. um gegen Deutschland zu arbeiten. Das Kuratorium verfolgte mit seinem Beschluß die Absicht, aus den Zöglingen des Technikums Männer zu machen, die in der Lage sind, den Kampf ums Dasein aufzunehmen. Die Zionisten bedenken auch nicht, daß die hebräische Unterrichtssprache es den Eingeborenen, soweit sie nicht Juden sind, unmöglich machen würde, die Anstalt zu besuchen, da sie natürlich keine Neigung haben, hebräisch zu lernen, das ihnen sonst nichts nützt. Mit diesen Ausschließungsgedanken erreichen die Zionisten nur, daß bei den christlichen und mohammedanischen Eingeborenen eine Abneigung gegen sie erzeugt wird. Dafür muß man die Leiter der zionistischen Bewegung in Palästina verantwortlich machen. Bereits zeigen sich die Wirkungen in den nicht jüdischen Kreisen. Mir sagte ein hoher türkischer Beamter: „Ich bedaure die Juden, denn es wird ihnen hier nicht gut gehen.“ Vielleicht erkennen die Zionisten, wenn ihr politisches Augenmaß zugenommen hat, daß der von dem Kuratorium eingeschlagene Weg der richtige ist und den jüdischen Interessen am meisten entspricht. Unseren Lesern, die über den Hergang des Sprachenkampfs in Palästina genau unterrichtet sind, brauchen wir nicht des näheren auseinanderzusetzen, daß diese von den Leuten des Hilfsvereins ausgehende Darstellung einen Rattenkönig von Verdrehungen aller Art und unverantwortlichen Insinuationen darstellt. Der Korrespondent will die uniformierte nichtjüdische Öffentlichkeit z. B. glauben machen, daß infolge der bekannten Beschlüsse nur e i n Mitglied, Herr Dr. Levin, aus dem Kuratorium ausgetreten sei; er wiederholt die ganz haltlose, hundertmal widerlegte Verdächtigung, der Kampf der palästinensischen Juden für die hebräische Sprache sei von Berlin aus angezettelt worden. „Tatsächlich“ kam es bekanntlich nicht nur „zum Ausstand von Lehrern und Schülern“, sondern zur Demission der überwiegenden Mehrzahl aller Hilfsvereinslehrer, zum Uebergang von ca. SO °/o aller Hilfsvereinsschüler in die neuen hebräischen Lehranstalten und zur gänzlichen Schließung der Hilfsvereinsschule in Haifa. Wer eine „Kritik der angewandten Mittel“ zu scheuen hat, die national gesinnte jüdische Bevölkerung Palästinas samt der zionistischen Organisation, oder die Leitung des Hilfsvereins, darüber ist man sich heute schon in der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit im klaren. Wer darüber etwa noch im Zweifel wäre, den verweisen wir auf die in der inspirierten Korrespondenz der „Köln. Zeitung“ enthaltene schamlose Denunziation, daß si'ch im zionistischen Lager slawische Einflüsse geltend machten. Eine derartige Kampfesweise charakterisiert sich als Brunnenvergiftung schlimmster Art. Die „Wirkungen in den nichtjüdischen Kreisen", soweit sie nicht durch die bedenkenfreien Machenschaften der Manager des Hilfsvereins hervorgerufen worden sind, äußern sich denn doch in ganz anderer Weise, als in dem Tendenzbericht der „Kölnischen Zeitung“ angegeben ist. Dies ergibt sich zur Genüge aus folgendem Telegramm, das uns aus Konstantinopel zugegangen ist: Konstantinopel, 6. Januar 1914. Eine sehr hohe Persönlichkeit erklärte die Befriedigung der leitenden türkischen Regierungskreise über die Haltung der Juden in Palästina zur Sprachenfrage. Der bekannte Politiker Agajef Achmed veröffentlicht in der Tageszeitung „Terdschuman Hakikat" einen Artikel für die Berechtigung der nationalen hebräischen Forderungen vom Standpunkte des türkischen Gesetzes aus. Die hiesige Presse veröffentlicht folgendes von 13 arabischen Notabein Haifas Unterzeichnete« Telegramm: „Das von den Juden in Haifa zu gründende Technikum wird ein großartiges Vorbild für die Vilajets Syrien und Beirut sein. Die ganze Bevölkerung ist einverstanden, daß Hebräisch gemäß den berechtigten An-

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