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Die Welt · 1914-01-09 · 2 (9.1.1914) · p. 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
2 (9.1.1914)
Article
Protestversammlung in Berlin
Date
1914-01-09
Page
35 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 2 35 - --DIE^ELT --— =:=^====^=; Die nationale Erhebung Protestversammlung in Berlin Die Berliner Zionistische Vereinigung berief für den 5. Januar in den großen Saal des Tiergartenhofs eine Versammlung ein, auf deren Tagesordnung das Thema stand: „Unsere Stellung zum Sprachenkampf in Palästina“. Der Saal war bis auf die letzten Plätze gefüllt und die Erschienenen hörten mit lebhafter Anteilnahme die Ausführungen der Redner an, welche den wahren Sachverhalt und die aus den Tatsachen mit Notwendigkeit folgende Haltung der zionistischen Organisation in dem sich gegenwärtig abspielenden Kampfe darlegten. Nach Eröffnung der Versammlung durch Herrn Dr. Go Id b erg, den Vorsitzenden des Berliner Komitees für das hebräische Schulwerk in Palästina, nahm der Vorsitzende des Engeren Actions-Comites, Herr Professor War bürg, das Wort. Er gab einen Ueberblick über die Aenderung der Praxis des Hilfsvereins in seinen palästinensischen Schulen und die daraus entstandene Protestbewegung der hebräischen Bevölkerung, vor allem der Lehrerschaft. Diese Protestbewegung führte zu dem jetzt ausgebrochenen Kampf, in dem die Zionisten es als ihre Pflicht erkannt haben, das neu begründete, selbständige palästinensische Schulwerk durch Sicherung der materiellen Grundlage, zu fördern. Da die erst vor wenigen Tagen eingeleitete Aktion bereits über 100 000 M. ergeben habe, sei es sicher, daß das Actions-Comite seine Ziele restlos erreichen werde. Am Schlüsse seiner mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Rede gab Herr Professor Warburg im Namen des Zionistischen Actions-Comites die folgenden Erklärungen ab: „1. Der Kampf um die hebräische Unterrichtssprache ist der jüdischen Bevölkerung Palästinas durch die seitens des „Instituts für technische Erziehung in Palästina“ erfolgte Ablehnung des Hebräischen als allgemeine Unterrichtssprache für die zu eröffnende Mittelschule in Haifa aufgezwungen worden. Dieser Kampf wurde weder von einer außerhalb Palästinas geleiteten Agitation, noch durch irgendeine künstliche Propaganda nach Palästina hineingetragen oder hervorgerufen. 2. Der Kampf richtet sich nicht gegen die deutsche Sprache. Auch in den jetzt von der jüdischen Bevölkerung neu eröffneten Schulen soll die deutsche Sprache als erste europäische Sprache gelehrt werden. Die eigentliche Unterrichtssprache muß aber die sein, in der die Schüler von früher Kindheit an zu reden gewohnt sintL und das ist in Palästina die hebräische Sprache. Leben ja in Palästina unter 100000 Juden nur ca. 40 deutsche 3. Nachdem die jüdische Bevölkerung Palästinas neue Schulen eröffnet hat, denen sich die meisten Lehrer und Schüler der Schulen des Hilfsvereins angeschlossen haben, erachtet es das Zionistische Actions-Comite als Pflicht sämtlicher Gesinnungsgenossen, dieses hebräische Schulwerk Palästinas tatkräftig zu fördern.“ Nunmehr erhielt, von stürmischen Kundgebungen begrüßt, das Mitglied des Engeren Actions-Comites, Herr Dr. Schmarja Levin, das Wort. Er führte unter anderem folgendes aus: Das, was wir jetzt erleben, ist eine Wiederholung von Vorgängen, die sich bereits vor 20 Jahren in Palästina abgespielt haben. Damals wandte sich der Kampf ebenfalls gegen eine europäische Sprache, nämlich das Französische, und gegen eine große Organisation, die diese Sprache den palästinensischen Juden aufzwingen wollte, die Alliance Israelite Universelle. Die Protestbewegung konnte aber damals den gewünschten Erfolg nicht erzielen, weil Palästina noch zu schwach war und es dort noch keine öffentliche Meinung gab. Ein analoger Kampf entspann sich kurz darauf auf einem anderen Gebiete, nämlich dem ökonomischen. Auch da standen die Ansiedler unter dem bevormundenden Einfluß .der Rothschildschen Administration und forderten die vollständige Unabhängigkeit und die Möglichkeit, ihr Leben nach ihren eigenen Bedürfnissen einzurichten. Mit ganz ähnlichen Gründen und in ganz ähnlicher Weise wie vor 20 Jahren die Alliance und jetzt der Hilfsverein, weigerte sich die Administration, diese Wünsche zu erfüllen. Es blieb ihr doch nichts anderes übrig, und seit der Durchsetzung der Selbständigkeit der Kolonisten hat die Kolonisation ungeahnte Fortschritte gemacht. Im Kampfe gegen die französierende Tendenz der Alliance fand das junge Palästina einen Bundesgenossen in dem vor zehn Jahren begründeten Hilfsverein der deutschen Juden. Dieser erklärte, die Unterrichtspraxis müsse sich einzig und allein nach den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung richten, für die die Schulen bestimmt seien; vor dem Einfluß einer Fremdsprache aber müsse man sich hüten und schützen, da er nur einen Anreiz zur Auswanderung geben könne. Jetzt, allerdings scheint der Hilfsverein diese seine guten Grundsätze gänzlich vergessen zu haben; aber Palästina ist inzwischen erstarkt und wird von seinen Forderungen nicht ablassen. Es handelt sich ja nicht um Kompromisse, sondern um ein Prinzip. Und wenn heute die ganze zionistische Organisation und der Kongreß von Palästina verlangte, es solle nachgeben, so müßte es antworten: „Liebe ist nicht käuflich, Ehre ist nicht veräußerlich, Ganzheit ist nicht teilbar. In Palästina haben wir nur einen Weg, wir haben dort nur eine Politik, das ist die jüdische Politik.“ Als letzter Redner sprach das Mitglied des Engeren Actions-Comites, Herr Professor Dr. W e i z m a n n aus Manchester. Er charakterisierte die Haltung des Hilfsvereins, mit dem wir uns nicht verständigen können, weil wir eine andere Sprache sprechen als er. Es wäre vergebliche Mühe, die Herren vom Werte der hebräischen Sprache zu überzeugen. „Was sich jetzt in Palästina abspielt,“ schloß der Redner, „hat sich immer bei Völkern abgespielt, die sich ihr Leben erringen wollten. Die Kämpfe sind ein Beweis des Lebens. Für die Zionisten war es die Frage, ob sie sich mit dem Leben verbünden wollten oder mit dem Tode. Die Zeit wird zeigen, daß unsere Wahl richtig war.“ Zum Schlüsse wurde von der Versammlung einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die am 5. Januar 1914 im Tiergartenhof abgehaltene, von mehr als 1003 Personen besuchte Volksversammlung nimmt von den Erklärungen des Actions-Comites mit großer Befriedigung Kenntnis. Sie spricht die zuversichtliche Hoffnung aus, daß es der nationalen Judenheit gelingen wird, das hebräische Schulwerk in Palästina zu schützen und der hebräischen Sprache ihren Charakter als Volkssprache der palästinensischen Juden zu wahren.“ Die Haltung der Juden Konstantinopels Unser Konstantinopeler Berichterstatter schreibt uns: Von welcher Bedeutung die Bewegung für die hebräische Erziehung in Palästina ist, lehrt mit großer Eindringlichkeit das ungewöhnliche Interesse, welches die Konstantinopeler Juden dem Kampf zwischen Hilfsverein und Hebraismus entgegenbringen. Der Hilfsverein hat hier sehr viele Freunde, denn er hat für die hiesige Gemeinde durch Subventionierung von Schulen, Vereinen usw. sehr nützliches geleistet. So kam es, daß der hiesige Vertreter des Hilfsvereins, Rabbiner Dr. Markus, im vorigen Jahre 800 (achthundert) Francs Beiträge für den Hilfsverein sammeln konnte, was für die mehr ans Nehmen als ans Geben gewöhnte, überdies mit Ausgaben überlastete jüdische Gemeinde von Konstantinopel schon eine recht stattliche Leistung war. Nun haben unsere hiesigen Freunde eine Aktion für unser hebräisches Schulwerk eingeleitet, und siehe da. I n w e n i g e n Tagen waren 3000 (dreitausend) Francs zusammen, und wir hoffen, noch erheblich mehr aufzubringen. Die hiesigen Juden — so wenig sie auch an nationaler Erziehung genossen haben — besitzen genügend natürliches Empfinden, um die Notwendigkeit der hebräischen Erziehung in Palästina zu begreifen. Einer der angesehendsten hiesigen Sephardim, der auch politisch eine bedeutende Rolle spielt, sagte mir gestern folgendes: „Daß wir außerhalb Palästinas der einen oder anderen Fremdsprache den Vorzug geben, begreife ich; aber in Palästina sind wir vor allem Juden, dort müssen wir hebräisch sprechen.“ So denkt sicherlich die überwiegende Mehrheit der hiesigen Juden und deshalb findet der Appell für das hebräische Schulwerk so starken Widerhall. Kundgebung der russisch-jüdischen Studenten in Westeuropa Die unten angeführten zionistisch-akademischen Vereine der russisch-jüdischen Studenten-Organisation „Hechawer“ haben folgende Erklärung an das zionistische E. A. C. und an das Kuratorium des Haifaer Technikums abgesandt: „Das Z. K. des „Hechawer“ begrüßt freudig das aufopferungsvolle Verhalten der jung en palästinensischen Judenschaff gegen den beschämenden Versuch des Hilfsvereins, den Gang unseres nationalen Lebens in einem Lande, das bisher von der Assimilation frei war, zu hemmen. Wir begrüßen die jüdische Gemeinde in Haifa und alle diejenigen Gruppen, welche beschlossen haben, im Gegen-

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