Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Article
- Vom Wesen der Nation
- Date
- 1914-01-09
- Page
- 31 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 31 DIE^ELT schränkter Zeit, sich bescheiden. Wenn Völker nicht ewig sind, so dürfen sie doch glauben, es sein zu können, und alle Bescheidung ist für sie nur Aufschub. Sie kennen nicht, wie der einzelne jene Notwendigkeit des Todes, die Pr diesen aus seiner Zugehörigkeit zu einer zeitlichen Reihe folgt, als deren Glied er entsteht und auch vergehen muß. Wenn auch alle Völker zugrunde gehen müssen, so hat diese Notwendigkeit einen anderen Sinn und andere Gründe. Das Ziel ist unendlich, und vor ihm sind auch größte Möglichkeiten notwendig begrenzt. Ist die Möglichkeit erfüllt, so ist kein Ziel erreicht und doch versiegt der Quell. Dann bestehen die Völker wohl noch fort, bis sie zerfallen oder aufgesogen werden von anderen, und in dem Zerfallenden neue Ansätze sich Der Idee nach aber will jedes Volk wachsen, sich ausdehrien, herrschen und unterwerfen ohne Ende, will immer fester sich zusammenfügen, bis das All unter seiner Herrschaft ein Organisches geworden. Für jeden einzelnen ist sein Volk ein Weg zu Gott als zum All, den er, der zeitlich beschränkte, nicht zu Ende gehen kann, der einzig richtige, der allein wahre Weg — und wenn die Völker aufhören, an sich als an diesen einzig wahren Weg zu glauben, so beginnen sie aufzuhören, Völker zu sein. Aber auch die Völker können den Weg nicht zu Ende gehen, das All als die Endlichkeit des Unendlichen ist nur Richtung, nicht Sein, und in dieser Quelle aller Tragik entspringt auch di« Tragik im Leben der Völker, ihr ewiges Mühen und nie restloses Erreichen. DER AUGENBUCK Wir durchleben gegenwärtig den wichtigsten, den fruchtbarsten Augenblick der modernen jüdischen Bewegung. Nicht als wir einst, glühend vor unbändigem Verlangen, uns zu bekennen, in die träge Welt hinausriefen, daß wir sind; nicht als wir später traumselig dem Wunder einer Befreiung zwischen Abend und Morgen entgegenharrten und den Schritt der Weltgeschichte vor unseren Fenstern zu hören wähnten; und nicht als wir, , gereift und gesichert in unserer Anschauung, uns klaren Blickes und gefaßten Herzens über die Aufgaben von Generationen besprachen und den Grundriß der Arbeit entwarfen; sondern jetzt ist der mächtigste Augenblick — jetzt, da nicht von uns an das Leben, da von dem Leben an uns die Forderung ergeht. Die Forderung, der standzuhalten wir alle Kraft der Auflehnung und des Opfers : aus unseren Seelen holen und hingeben müssen. Wie groß ist die Gewalt und Herrlichkeit des Augenblicks! Gestern noch gingen wir in lässigem Schritt, gestern noch beschjeden wir unser Gewissen: „Die Zeit ist nicht reif", „nur keine Willkür — nur nicht das Tempo überstürzen", „ein wenig hier, ein wenig dort, und es wird geraten“ — da wird von ungetreuer, von läppisch ungetreuer Hand das lebendige vWerk gefährdet, Zweckdienst und Selbstsucht bedrohen das heilige Herz, und aufgestört aus unserer Ruhe, emporgerüttelt aus unserer Ueberlegenheit stehen wir vor dem heischenden Augenblick, alle weisen Regeln entstürzen unseren Händen, und siehe, die Zeit ist reif geworden, weil wir nunmehr nicht länger auf ihr Reifen warten dürfen. Eben noch versicherten wir „Wir haben noch nicht die Kraft" — nun fordert sie der Augenblick von uns, und wir haben sie, weil wir sie haben sollen. Man mag es bedauern, daß uns die Pflicht, das palästinensische Erziehungswerk unverzüglich in unsere Hände zu nehmen, nicht von unserem Plan und dem Gang unserer Unternehmungen, sondern von einem unvorhergesehenen, vielleicht unvorhersehbaren Verhalten der — anderen diktiert worden ist. Aber unendlich stärker ist das Gefühl in uns, daß eben dies der Weg des Lebens ist. Unser Denken steckt die Wegzeichen ab, mißt die Entfernungen, berechnet die Mittel; aber dann kommt wie ein Sturmwind der Augenblick, überrennt unsere Maße und unsere Aufstellungen', zwingt uns größer zu bauen, weitsichtiger zu rechnen; und wir sind nicht entmutigt, nein, angefeuert und beglückt: weil er unser Aeußerstes von uns fordert. Diese Forderung hat ein doppeltes Angesicht: sie meint Verbundenheit und Kampf. Daß wir mit der Verbundenheit und mit dem Kampfe Emst machen. Daß wir in der Verbundenheit und im Kampf unser Aeußerstes hergeben: an tätiger Liebe und an Angriffsmut. Uns ist vielfältiger Kampf auf erlegt, uns ist vielfältige Verbundenheit gewährt; aber wir wissen, daß es für uns über allem Streiten einen großen Krieg und über allen Gemeinsamkeiten einen großen Bund gibt: den Krieg gegen das Geschlecht des Scheins und der Geschicklichkeit, das sich die Herrschaft anmaßt; den Bund mit dem Geschlecht der Echtheit und der Entscheidung, das sich ein freies, unmittelbares und vollständiges Menschenleben aus der Erde des alten Landes ergräbt. Beiden, diesem Bund und diesem Kampf, bringt der Augenblick, in dem wir stehen, die Weihe der Kraft. Man hat uns von „alljüdischer" Seite vorgeworfen, daß wir uns um den palästinensischen Jischub mehr kümmern als um die „Positionen des Golus". Ja, das ist so: man mag seine Geschwister noch so sehr lieben, es gibt eine Sorge, die unvergleichlich ist — die Sorge um sein Kind; und der Jischub ist unser Kind. Aber ich meine, daß wir uns um ihn nicht zu viel, sondern zu wenig kümmern. Nichts fördert einen Menschen so stark wie ein Kind haben und das Rechte für es tun. Unser Werk trägt uns empor. Aber wir stehen noch zum jungen Jischub nicht lebendig so, wie man zu seinem Kind, zu seinem Werk stehen soll. Wir sind mit ihm noch nicht wahrhaft verbunden. Wir wissen noch zu wenig von seinem Leben und wir tun noch zu wenig für sein Dieser Augenblick bedeutet Größeres als irgend ein früherer für die Herstellung einer wahrhaften Verbundenheit zwischen uns und dem Jischub. Wir haben ihn oftmals angeregt, beraten, unterstützt. Aber wir haben uns nie so völlig mit seiner Sache identifiziert, wie wir es jetzt tun müssen und tun wollen. Wir müssen und wollen zu ihnen, die unser Kind sind (wie wunderlich, daß ich an sie, unter denen viele viel älter sind als ich, wie an lauter junge Leute denke), sprechen: „Nicht m i t euch leiden wir, wir leiden euer Leid. Eure Wunde ist unsere Wunde und eure Empörung unsere Empörung. Ihr braucht uns euren Willen nicht mitzuteilen; er ist zur selben Stunde in uns erwacht. Ihr braucht unsere Hilfe nicht anzurufen; die Fülle unserer Kraft ist euer. Denkt nicht, daß wir fern seien: fühlt doch, unsere Hand ruht in eurer, und wenn ihr lauschet, werdet ihr mitten in diesem Getümmel eurem Herzen den gleichen Schlag des unsern antworten hören. Nein, nicht helfen wollen wir euch, wir wollen, ob auch noch durch Raum und Schicksal gesondert, .gemeinsam mit euch leben, gemeinsam mit euch streiten und bauen.“ Das heißt mit der Verbundenheit Ernst machen. Und der Kampf? Aller rechtschaffene Kampf ist ein köstliches Ding und eine Erhebung der Seele; wie erst der des Ganzen, der gegen die Halben streitet! Solcher Art ist der unsere. Es ist ein Kampf nicht zwischen Parteien und nicht zwischen Meinungen; es ist der uralte Kampf zwischen zweierlei Menschen. Die einen streben danach, sich zu