Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Berlin [Nachricht]
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Nr. 1 DIEl^ELT am Montag, den 12. Januar 1914, zwei große öffentliche Versammlungen in den Sophiensälen und den Spichemsälen veranstalten; in denen gegen die Lügen des Antizionistischen Komitees öffentlich Protest erhoben werden soll. Dresden. Am 6. Januar 1914 veranstaltet die Zionistische Ortsgruppe eine Makkabäerfeier, und zwar diesmal in großem Stile. Als Festredner ist Herr Dr. Emil Margu- 1 ies, Leitmeritz, gewonnen worden. Die Ortsgruppe rechnet besonders auf die Teilnahme der benachbarten österreichischen Gruppen, um die Makkabäerfeier zu einer würdigen und großzügigen Demonstration auszugestalten. Straßburg i. Eis. Geber das Thema „Der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina“ sprach in der hiesigen Ortsgruppe Herr Referendar Edgar W e i 11 aus Molsheim. Nach einer Schilderung der Schul- und Sprachverhältnisse in Palästina würdigte der Referent die bisherige Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden und kritisierte in scharfer Weise den Umschwung, welcher durch den Beschluß des Kuratoriums des Technikums in der jüdischen Politik des Hilfsvereins in Palästina herbeigeführt worden ist. Canada Montreal, 30. Dezember. (Privattelegramm der „Welt“.) Die kanadische Zionistenföderation beschloß auf ihrer hier abgehaltenen Konvention, sich mit dem Ankauf eines großen Terrains in einer jüdischen Kolonie Palästinas einverstanden zu erklären. Die außerordentlich erfolgreiche Konvention beschloß ferner die Begründung einer zweiten Kolonie, für welche bereits 8 000 Dollars (über 40000 Frcs.) gezeichnet wurden. Schließlich bewilligte die Konvention für die Haifaer hebräische Schule 700 Dollars (3 500 Frcs.). LITERARISCHE RUNDSCHAU Neue jiddische Krzählungsliteratur Von Dr. 8. M. Melamed, London Auch das Schrifttum eines Volkes ist den Launen des Schicksals unterworfen. Manches unbedeutende Schrifttum eines noch unbedeutenderen Völkchens findet in Europa Freunde, Förderer und „Entdecker“, andererseits wird oft die ganze bedeutende Literatur eines höchst beachtenswerten Volkes von der westlichen Kulturwelt übergangen und totgeschwiegen. Für die winzige, noch in den ersten Anfängen befindliche armselige Literatur der Albanier interessieren sich Italiener und Oesterreicher in gleicher Weise, für die Sagen und Märchen der Kutzo- Wallachen, die noch kaum niedergeschrieben sind, interessieren sich Rumänen und Franzosen, in Deutschland interessiert man sich lebhaft für die junge flämische Literatur. Die Russen patronisieren die kleinen Literaturen der Balkanslaven, die hebräische und die jiddische Literatur hingegen haben bis jetzt keine Freunde und Gönner in Westeuropa gefunden. Eine Literatur, wie die durch das Dreigestirn Perez, Mendele und Schalom Aleichem vertretene jiddische, würde allen den genannten kleinen Völkerschaften die Unsterblichkeit sichern, und doch: was weiß man in Westeuropa von diesen klassischen Volksschriftstellern? Gewisse „israelitische“ Schriftsteller in Westeuropa, die damit beschäftigt sind, kleine Literaturen in Mode zu bringen und die an jedem neuentdeckten Zigeunermädchen ihre Freude haben, gehen der jiddischen Literatur geflissentlich aus dem Weg und vermeiden es, irgendwie mit ihr in Berührung zu kommen. Selbst der „Ruhm“ Schalom Aschs hat an diesem Zustande der Dinge wenig geändert. Wenn ein Stück von Schalom Asch in Berlin aufgeführt wird oder wenn S. Fischer einen neuen Band Erzählungen von Schalom Asch herausgibt, so wissen 99°o aller Leser nicht, daß sowohl das Drama wie die Erzählungen aus dem Jiddischen übersetzt sind. Sie haben sich mit dem deutschen Dichter Schalom Asch abgefunden, der in deutscher Sprache über jüdisches Leben schreibt. — Vor mir liegen vier Bände jiddischer Erzählungen, die keine Geringeren als Perez, Mendele und Schalom Aleichem zu Verfassern haben. Wenn ich noch die anderen Bände, die diese drei Dichter dem jüdischen Volke geschenkt haben, vor mir hätte, so wäre ich in der Lage, die ganze Geschichte einer großen und reichen Literatur zu schreiben, denn Perez, Mendele und Schalom Aleichem sind nicht nur die eigentlichen Begründer der jiddischen Literatur, sondern wohl auch für Jahrzehnte hinaus ihre bedeutendsten Vertreter. Damit ist deutlich gesagt, daß die genannten drei Dichter, die die jiddische Literatur recht eigentlich schufen, zugleich den Höhepunkt dieser Literatur bilden. Wenn die Form selbst sich erst mit der Aktualität einstellt, um einen Teil der Aktualität zu bilden, so kann keine beträchtliche Weiterbildung der jiddischen Literatur erwartet werden, denn die Aktualität des jüdischen Lebens, die die drei Männer dichterisch formen, bedeutet selbst einen gewissen Höhepunkt. Die jüdische Armut in Kabzansk, die Mendele so meisterhaft schildert, ist keiner weiteren „Entwickelung“ fähig, und die Schlemiehle von Kasr i e 1 e w k a , die uns Schalom Aleichem vorführt, können doch kaum jemals mehr Pech haben als jetzt, und können nicht naiver werden, als sie heute sind. Die Ghetto-Qual kann nicht qualvoller werden, und die Tragik des jüdischen Luftmenschentums nicht tragischer. Alle drei Dichter, so verschieden sie sind, dichten aus einem gemeinsamen Grundmotiv: De profundis. Mögen sie Satyren schreiben, Humoresken und Farcen, mögen sie Märchen erzählen, tiefsinnige Allegorien dichten, Aphorismen hinwerfen oder grobe Burlesken schreiben, die Tragik kommt immer, wenn auch, wie bei Mendele, unbewußt zum Durchbruch. Abgesehen von diesem gemeinsamen Grundzug ist aber jeder von ihnen eine scharf umrissene und harmonisch abgerundete Dichterpersönlichkeit. Der reichste an literarischen Formen und der phantasiebegabteste ist wohl Perez. Der Sekretär der jüdischen Gemeinde in Warschau sieht nicht nur, sondern hört auch, und wenn es musikalische und unmusikalische Dichter gibt, so ist Perez der musikalischsten einer. Schalom Aleichem und Mendele schaffen mit dem Auge. Perez aber versucht auch Klänge und Melodien mit der Feder festzuhalten. Er hört förmlich, wie die Gräser wachsen. Seine Erzählungen „Alt und Neu“1), die in dem neunten Band seiner von der internationalen Bibliothek herausgegebenen Werke erschienen sind, und die irrtümlicherweise als volkstümliche Geschichten bezeichnet sind, geben dem Leser einen Begriff von dem feinen musikalischen Gehör des Dichters. Der Inhalt dieser Geschichten läßt sich nicht nur nicht wiedergeben, sondern kaum andeuten, denn es sind keine Erzählungen, sondern phantastische Märchen und Alle- 1) Alt und Neu, Bd. IX der gesammelten Werke von Perez. Internationale Bibliothek-Comp. Warschau 1913. 000201020102010002000223