Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Hugo Salus und der deutsch-böhmische Ausgleich
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316626-3350890--58435-3350994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18 Nr. 1 DIE^ELT eigenen Vervollkommnung und der Verbesserung der Brüder“ zu leisten — freilich in einem anderen Sinne, als es Hugo Salus meint. Ein christlich-soziales Kunststück Aus Wien schreibt uns unser dortiger Korrespondent: Die Affäre des polnischen Landsmannministers v. D1 u - g o s z und des polnischen Abgeordneten Stapinski ist ein Panama allererster Ordnung und Herr v. Dlugosz, dem nichtnur unsaubere Geldgeschäfte, sondern gerichtlich festgestellter Mangel an Glaubwürdigkeit vorgeworfen wurden — die Reden der Abgeordneten Breiter und Daszynski enthüllten haarsträubende Details — zog sich schleunigst in das Dunkel seiner Petroleumaktionen zurück. An diesem schmierigen Kuhhandel dunkler Ehrenmänner waren die Juden völlig unbeteiligt. Wer aber trotzdem so tollkühn war, eine Wette einzugehen, daß die Christlichsozialen die Schuld an dem ganzen, gottlob „judenreinen“ politischen Korruptionsskandal den Juden in die Schuhe schieben und zu einer Judenhatz benützen würden, hat eine glückliche Hand gezeigt und kommt auf seine Rechnung. Die „Reichspost“ findet, daß Herr v. Dlugosz die Ministerschaft „für eine würdige Sache, für die Reinigung Galiziens von einem wahren Vergiftungsprozesse in die Schanze geschlagen“ hat. Die Juden hätten ihn gehaßt und verunglimpft und wüßten wohl, weshalb. „Aber er wird nicht umsonst demissioniert haben. Der Kampf gegen die jüdische Korruption in Galizien wird erst recht weitergehen. Es wird sich aus diesem Ereignisse (!) eine antisemitische Bewegung in Galizien entfachen, die nicht so rasch zur Ruhe kommen wird.“ Man sieht, die Kampfmittel der Antisemiten sind nicht minder schmutzig, wie die Affären des Exministers v. Dlugosz. Illllllillllllilllillllllllllllllllllllllllllllllll England Eine Jemenitenaktion in London Aus London schreibt uns unser Korrespondent: Die Notwendigkeit, den Jemeniten praktische Hilfe zu leisten, ist auch endlich in einigen englischen Kreisen, die uns bisher ferne standen, eingedrungen. Es war das Verdienst Dr. A. Friedemanns während eines Besuches in London Mitte dieses Jahres, einige einflußreiche Persönlichkeiten für die Jemenitensache zu interessieren. Die Schritte, die er damals unternahm, haben nun zur Bildung eines Komitees geführt, an dessen Spitze die folgenden Herren fungieren: Rev. Morris Joseph (erster Rabbiner der Reformgemeinde), Vorsitzender; Dr. J. Snowman, Schatzmeister, und Mr. Paul Goodman, Schriftführer. Lady S w a y t h 1 i n g ist dem Komitee beigetreten, es sind ferner die folgenden Herren gewonnen worden: Chief Rabbi Dr. Hertz, Prof. Dr. H. Gollancz, L. Kessler, M. E. Lange, H. R. Lewis, L. Simon und L. Stein. Zum Schluß soll noch erwähnt werden, daß auch der Nationalfonds in London sich rege an der Sammlung für die Jemeniten- und Arbeiterheimstätten beteiligt hat, wie denn überhaupt der englische Beitrag für den Nationalfonds im Jahre 1913 einen erfreulichen Aufschwung verzeichnen kann. Arbeiter-Hilfsvereine Eine interessante Entwicklung in den unteren Schichten der englischen Judenheit ist die Ausbreitung der Arbeitervereine zur gegenseitigen Unterstützung, der sogenannten Friendly Benefit Societies, die um die Chanukahwoche ihre Jahresversammlungen abhalten. Es existieren jetzt eine ganze Anzahl von Vereinen mit zahlreichen Logen. Allen voran ist unser Orderof Ancient Maccabeans, dessen soziale Tätigkeit von seiner zionistischen Arbeit überschattet wird, sowie auch des Grand Order Sons of Jacob, wo der Zionismus, obwohl nicht programmäßig, aber doch erfolgreich eingedrungen und durch seine David Wolffsohn-Loge ein Stützpunkt unserer Bewegung in London geworden ist. Der Grand Orderof Israel und der Order Achei Brith sind auch über das ganze Land verbreitet. Sie alle bilden eine Kette jüdischen Gemeinsinns und jüdischer Wohltätigkeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Zukunft. „Lord Burnham“ Lord Burham, geborener Levy, Eigentümer des '„Daily Telegraph“, der soeben unter großem Jubel seiner Oonfreres seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist ein klassisches Beispiel der Assimilation. Von seinem jüdischklingenden Namen Levy losgelöst, hat er sich den Namen Lawson beigelegt, bis er als Lord Burnham ganz in die angelsächsische — Rasse aufgegangen ist. In seinem Blatte, das oft von seinen Gegnern als Judenblatt verschrien worden ist, hat das Judentum wenig Schutz gefunden, viel weniger als z. B. die russische Regierung, die im „Daily Telegraph“ einen stets bereiten Verteidiger gefunden hat. Rumänien lllllllllillllllllilliiiiiiilllliiiiliiiiliiliii Progromübungen in Jassy In Jassy ist es am 28. Dezember, einer Meldung des B. T. zufolge, zu großen antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Die Sozialdemokraten veranstalteten eine Versammlung zur Erörterung der Judenfrage. Antisemitische Studenten suchten in das Versammlungslokal einzudringen. Es kam zwischen ihnen einerseits und den Sozialdemokraten und Juden andererseits zu einer großen Schlägerei. Eine Menge von 3000 Personen wurde auf den Freiheitsplatz gedrängt. Nach Schluß der Versammlung drangen die Studenten gegen die Versammlungsteilnehmer vor, durchbrachen den starken Militärkordon und begannen eine wilde Prügelei, so daß das Militär von dem Bajonett Gebrauch machen mußte. Die Studenten zogen hiernach in kleinen Gruppen durch die Stadt: Jeden Juden, den sie trafen, prügelten sie durch, in den jüdischen Häusern wurden die Fenster eingeschlagen. Das Militär nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Abends um neun Uhr kam es zu neuen großen Zusammenstößen. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung ist groß. Schon in voriger Woche haben sich bei einer in Jassy abgehaltenen Versammlung, die der Förderung jüdischer Interessen in Rumänien dienen sollte, antisemitische Studenten den Eintritt in den Versammlungsraum erzwungen. Es kam zu einem ernsten Handgemenge, das auf der Straße noch fortgesetzt wurde. Zwanzig Personen wurden schwer und viele andere leicht verwundet. Rumänien hat eben seine ganz besondere Art von „Kulturträgern“. Rußland lllll!i!l!ll!lllll!ll!lll!ll[!lli!l!l!ll!l!ll!lll| Die Schächtverbot - Vorlage in der Duma Aus Petersburg wird der „N. J. K.“ geschrieben: Wie hier verlautet, soll der Entwurf eines Schächtverbots, das vorige Woche in der Duma eingebracht worden ist, zur Bekräftigung der Ritualmordbeschuldigung dienen. Die Gesetzesvorlage, die von 21 im Parlament vertretenen Priestern unterschrieben ist, setzt eine Strafe von 25—30 Rubel für jede Uebertretung der Vorschrift fest. Die Urheber des Gesetzes rühmen sich, daß sie durch dieses Mittel die Juden zwingen werden, aus Rußland auszuwandern, da es ihnen in Zukunft unmöglich sein wird, dort ihre religiösen Riten auszuüben. Um für die Gesetzes Vorlage Stimmung zu machen, sind die Juden von den Antisemiten beschuldigt worden, ungesundes Fleisch an Christen verkauft zu haben. Da das Gesetz keine andere, als die von Christen ausgeübte Schlachtweise gestattet, werden auch Mohammedaner und Karaiten davon betroffen, die lebhaft dagegen protestieren. In antisemitischen Kreisen wird bereits damit gedroht, daß das Schächtverbot der erste Vorstoß der längst gefürchteten antisemitischen Gesetzgebung sein soll, mittels deren die Juden sowohl aus der Armee wie aus allen Erziehungsinstituten ausgeschlossen werden sollen. 81954^9470215816^6