Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Ein Beschluss der Wiener Kultusgemeinde
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 1 13 Neue Kundgebungen Ein Beschluss der Wiener Kultusgemeinde Die jüdische Kultusgemeinde Wien, die über die Zinsen der Edler von Lämel-Stiftung verfügt, aus denen z. T. die Unterhaltungskosten der vom Hilfsverein verwalteten Lämel- Schule in Jerusalem bestritten werden hat einen Beschluß gefaßt, der geeignet ist, großes »Aufsehen zu erregen, und der vielleicht manche noch immer uninformierte Kreise zum Nachdenken veranlassen dürfte. Unser Wiener Korrespondent telegraphiert uns: Wien, 30. Dezember. (Privattelegramm der „Weit“.) Auf Antrag der zionistischen Kultusräte hat die Wiener Kultusgemeinde in Sachen der vom Hilfs verein der Deutschen Juden verwalteten Lämelschule in Jerusalem folgenden Beschluß gefaßt: Die Ueberweisung der Zinsen der Wiener Lämelstiftung und der im Budget vorgesehenen Subvention wird solange sistiert, bis die durch die antihebräischen Beschlüsse geschaffene Situation geklärt ist. Aus der Form des Beschlusses ergibt sich bereits, daß die Wiener Gemeinde offenbar nicht gewillt ist, falls ihr die antihebräische Politik des Hilfsvereins bestätigt wird, die Zinsen und die Subvention überhaupt weiter an den Hilfsverein zu zahlen. Protest der Juden in Griechenland Die in Athen in neugriechischer Sprache erscheinende einzige jüdische Zeitung Griechenlands „Jsraelitiki Epitheoresis“ (Revue Israelite) veröffentlicht im Namen der jüdischen Bevölkerung Griechenlands einen geharnischten Protest gegen die Beschlüsse des Kuratoriums, von denen das Blatt sagt, daß sie dem nationalen Geiste des jüdischen Erziehungswerkes in Palästina widersprechen und die großen Massen der spaniolisch und arabisch sprechenden Juden von dem Besuch des Technikums ausschließen. Der durch die Pflege des Hebräischen als allgemeiner Unterrichts- und Umgangssprache angebahnte Verschmelzungsprozeß zwischen dem aschkenasisehen und dem sepbardischen Volksteil in Palästina werde durch die Einführung der deutschen Unterrichtssprache auf das empfindlichste gestört. Das Blatt appelliert schließlich an die jüdische Gesinnung der Mitglieder des Kuratoriums und fordert sie auf, den in jeder Hinsicht verfehlten Beschluß zu revidieren ünd der hebräischen Sprache die ihr gebührende Stelle an der ersten jüdischen Hochschule Palästinas anzuweisen. Protestversammlung in Philippopel In Philippopel (Bulgarien) fand dieser Tage eine von dem Vereine „Joseph Marcou Barouch", dem Studentenverein „Israel" und den „Poale Zion" veranstaltete große Volksversammlung statt, in der verschiedene Redner die bekannten Beschlüsse des Kuratoriums einer eingehenden Kritik unterzogen. Es wurde eine scharfe Protestresolution angenommen, in der hervorgehoben wird, daß die politischen und nationalen Interessen der palästinensischen Judenbeit sowohl wie des jüdischen Volkes in der Diaspora die kulturelle Einheit des jüdischen Elementes in Palästina auf Grund der hebräischen Sprache gebieterisch fordern, daß aber die Beschlüsse des Kuratoriums diese kulturelle Einheit durch Einführung einer fremden Kultur bedrohen und daß die Verwirklichung dieser Beschlüsse der palästinensischen Judenheit auch den Verdacht zuziehen wird, daß sie sich als Werkzeug ausländischer Interessen mißbrauchen lasse. Das Stillschweigen, ias die Leiter des Hilfsvereins über ihre Absichten bezüglich der Unterrichtssprache am Haifaer Technikum bisher beobachteten, stelle auch eine Täuschung aller der jüdischen Körperschaften und Einzelpersonen dar, die das Zustandekommen des Technikums gefördert haben, weil sie angenommen hatten, daß die Anstalt rein jüdischen Charakter tragen werde. Die Versammlung beschloß, an das Kuratorium die briefliche Aufforderung zu richten, seine verhängnisvollen Beschlüsse rückgängig zu machen. Den in der Minderheit gebliebenen Mitgliedern des Kuratoriums wurde Anerkennung ausgesprochen und dem hebräischen Lehrerverband in Palästina wurde die tatkräftige Unterstützung der bulgarischen Judenheit in seinem Kampfe für die hebräische Sprache zugesichert. Die Versammlung beschloß ferner, das Komitee der jüdischen Volksschule in Philipopel zu veranlassen, künftig die Subvention des Hilfsvereins zurückzuweisen, falls die Beschlüsse des Kuratoriums nicht umgestoßen werden. Die dem Hilfsverein zugesandte Protesterklärung ist unterzeichnet von den Rechtsanwälten P. Romano und Dr. Benaroya, ferner von den Herren M. Caleff, J. Alca 1 ay und L. Menahemoff. Eine türkische Stimme über die Sprachen frage Aus Konstantinopel wird uns von einem gelegentlichen Mitarbeiter berichtet: Eine Persönlichkeit, die in der türkischen Regierung einen hohen Rang einnimmt, äußerte sich über den gegenwärtig in Palästina herrschenden Kampf für die Hebraisierung der jüdischen Schulen folgendermaßen: „Wenn die Juden in Palästina ihre nationale Sprache nicht verteidigen werden, so werden sie gezwungen sein, in ihren Schulen die türkische oder arabische Unterrichtssprache einzuführen. In keinem Falle aber ist eine Sprache am Platze, die weder die ihrige, noch die unsere ist." Der Sprachenkampf in Palästina erregt überhaupt in hiesigen diplomatischen Kreisen lebhaftes Interesse. Fast alle Vertreter der fremden Mächte sind der Ansicht, daß niemand die Juden Palästinas hindern dürfe, die Rechte ihrer nationalen Sprache zu wahren, besonders da die hebräische Sprache der arabischen Umgangssprache der eingeborenen nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas jedenfalls nähersteht, als irgendeine europäische Sprache. Die Blättermeldung, daß mohammedanische Notabein in Haifa gegen die Einführung des Hebräischen am dortigen jüdischen Technikum protestiert hätten, weil dies angeblich die Ausschließung der Mohammedaner aus dem Technikum zur Folge hätte, ist ganz offenbar unzutreffend, weil dieser Einwand ja in noch viel stärkerem Maße gegen die Einführung einer europäischen Unterrichtssprache gelten müßte. Diese Meldung kann also nur dazu bestimmt sein, die öffentliche Meinung gegen das Hebräische zu beeinflussen. Eine Kundgebung des Chacham-Baschi von Tiberias Der unter den Sephardim wie unter den Aschkenasirr gleich angesehene Cham-Baschi Abulafia in Tiberias hat an Dr. Paul Nathan in Jerusalem folgendes Telegramm ge- „Ich bin gegen die Beschlüsse auf Einführung fremder Unterrichtssprachen in unseren Schulen. Ich hoffe, daß die Herren, die an der Spitze unserer Verbände stehen, bemüht sein werden, unserer hebräischen Sprache zu ihrem Recht zu verhelfen. Großrabbiner A b u 1 a f i a."