Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Article
- Die Kampfmittel des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-02
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 DIE3§gELT Nr. I Kation angesehen werden müssen. Und wenn wir auch für die erste Zeit Maßregeln treffen könnten, um die Erregung der jüdischen Bevölkerung zu dämpfen, auf die Dauer würde dies kaum gehen. Das Volk würde ein mit jüdischem Gelde erbautes . unjüdisches Technikum am Fuße des Karmel stets als einen Faustschlag empfinden. Erst in den letzten Wochen sind drei jüdische Arbeiter und Wächter den feindlichen Kugeln erlegen — und die Arbeiterschaft weicht doch nicht und setzt von neuem mutig ihre Leben für die jüdische Sache ein. Wird unserer jüdischen Jugend, welche begriffen hat, daß dem jüdischen Volke die Neubelebung seiner nationalen Sprache nicht minder als die landwirtschaftliche Arbeit nottut, kaltblütig die Beleidigung unserer Volksehre hinnehmen? Trotz der überaus bedauernswerten Jerusalemer Ereignisse, die keine Verdrehungskunst aus dem Gedächtnis der palästinensischen Judenheit löschen wird, wollen wir doch hoffen, daß die meisten Mitglieder des Kuratoriums es nicht auf das äußerste werden ankommen lassen und vor einem Bruderstreit zurückschrecken werden, der möglicherweise, wie auch in dem Briefe Ben-Jehudas an Dr. Nathan hervorgehoben wurde, Opfer an jüdischen Menschenleben fordern könnte. Sie werden wohl das Technikum nicht mit Hilfe von Bajonetten eröffnen wollen! Wir haben ja freilich in letzter Zeit Dinge erlebt, die man für unmöglich gehalten hatte. Während ich diese Zeilen schreibe, sind die beschämenden Vorgänge in den Jerusalemer Schulen des Hilfsvereins, über die wohl demnächst ein ausführliches Protokoll veröffentlicht werden wird, bereits bekannt. Aber man blieb nicht dabei stehen. Ein System der Denunziationen, wie es die jüdische Öffentlichkeit in letzter Zeit nur in Duisburg erlebt hat, wurde ausgebildet, und gewissenlose Angeber fanden sich, die die Behörden und die Konsuln gegen die national gesinnten Juden aufhetzten. Die tollsten Lügen werden in Umlauf gesetzt. Nur so ist es zu verstehen, daß wohlmeinende Nichtjuden, die natürlich das Wesen der jüdischen Volksbewegung nicht verstehen können, zur Parteinahme gegen uns veranlaßt werden konnten. Weil das palästinensische Judentum lieber auf das Geld des Hilfsvereins als auf seine nationale Kultur und die Hegemonie der hebräischen Sprache verzichten will, darum darf es bei Behörden und Konsuln angeschwärzt und mit Gewalt verhindert werden, seine Meinung frei zu äußern: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein." Neben diesen sozusagen „großzügigen" Mitteln werden noch allerhand kleine Mittelchen angewandt, um die neuen hebräischen Schulen zu bekämpfen. Wie man in Deutschland glaubt, der Opposition dadurch den Boden abgraben zu können, daß man ihr möglichst die Räume zur Abhaltung von Versammlungen zu entziehen sucht, so versucht man hier, auf die Wirte einen Druck auszuüben, damit sie den hebräischen Schulen ihre Häuser nicht vermieten. Gleichzeitig versucht man, die Bevölkerung mit „Atheismus" und „Bibelkritik" gruselig zu machen, während doch jedermann weiß, daß die Lehrer der neuen hebräischen Schulen bisher die Zierden der Hilfsvereinsschulen waren. Glaubt man wirklich, jemandem weiszumachen, daß ein Je 11 in, der dem neuen Seminar versteht, oder ein A. S. R a b i n o w i t z, der in Jaffa der neuen Schule -yorsteht, in religiöser Beziehung weniger zuverlässig seien, als die Cohn und Halberstädter? Wirksamer als alle diese Mittel und Mittelchen sind die „Verwandtschaften" des Hilfsvereins, richtiger gesagt, der Leiter und Lehrer. Ohne sie müßte er seine Schulen schließen, und wer weiß, vielleicht wird ihm auch das heiße Werben dieser treuen Verwandten um jedes einzelne Kind mitsamt den pekuniären Versprechungen nur vorübergehend über die Misere hinweghelfen. Denn mit dem Auszug der vierzig Lehrer sind auch die besten Kräfte aus den Schulen des Hilfs Vereins ausgeschieden, für die wohl vollwertiger Ersatz kaum zu finden sein wird. Als Kuriosum wird erzählt, daß eine Dame Dr. Nathan gegenüber klagte, durch den bösen Schulstreit, der sie gar nichts angehe, sei ihr gutes Dienstmädchen eine schlechte Lehrerin geworden. Wenn dies wahrscheinlich nur ein Witz war, so charakterisiert er doch in schlagender Weise die jetzigen Zustände in den Schulen des Hilfsvereins. Es gibt für ihn jetzt nur einen Weg der Rehabilitierung: der Weg der Versöhnung, der Respektierung des Volkswillens. Werden seine Leiter noch Mut und Spannkraft finden, gründlich umzulernen und sich selbst zu überwinden? Die Denkschrift der Hilfsvereinslehrer Ein wichtiges Dokument zum Schulstreit Wie ruhig und besonnen die „zionistischen Agitatoren", die „terroristischen Elemente" in Palästina vorgegangen sind, läßt sich — entgegen den Behauptungen des Hilfsvereins — glücklicherweise dokumentarisch belegen. Hier ist die Denkschrift, die Herrn Dr. Paul Nathan in Jerusalem überreicht wurde. Der unbefangene Leser möge entscheiden, ob sie ein terroristisches Manifest ist. Sehr geehrter Herr Doktor! Die Ueberreicher dieses Memorandums, Lehrer und Leiter der Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem, von denen die meisten seit Jahren in Palästina tätig sind, den Entwicklungsprozeß der modernen jüdischen Kolonisation in Palästina von ihren Anfängen an miterlebt haben und die Verhältnisse des Landes aus eigener Anschauung genau kennen, sind in Uebereinstimmung mit sämtlichen Lehrern des Hilfsvereins in Jerusalem zur Erkenntnis gelangt, daß die hebräische Sprache ein begründetes Recht daräuf hat, in allen Schulen des Hilfsvereins in Palästina als Unterrichtssprache sämtlicher Disziplinen eingeführt zu werden. Auf Grund dieser Erkenntnis, sowie in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Hilfsverein, der wiederholt betont hat, daß er mit seinem Schulwerk eine Befestigung des jüdischen Jischub im Lande und eine Verhinderung der Emigration aus demselben bezweckt, die Berechtigung unserer Ansicht anerkennen wird, haben wir mit Zustimmung aller unserer Kollegen in unserer Lehrerversammlung beschlossen, an den Vorstand des Hilfsvereins, die Begründer unseres Schulwerks, ein Memorandum zu richten, in welchem wir diese Frage nach allen Seiten hin beleuchten und die Beweggründe anführen, die uns zu dem obigen Beschlüsse geführt haben. Wir tun dies in der Hoffnung, daß der verehrte Vorstand die Meinungsäußerung derjenigen beachten wird, denen er bisher die Wahrung der Interessen seiner Schulen anvertraut hat und die ihrerseits sich redlich bemüht haben, diese Anstalten auszubauen und sie auf die Höhe zu bringen, auf der sie gegenwärtig stehen. Vor allem möchten wir feststellen, daß wir es als eine unbedingte Notwendigkeit ansehen, daß ein Teil der Stadtkinder, welche die Bürgerschulen besuchen und sämtliche Klassen derselben absolvieren, eine europäische Sprache erlernen, die sie befähigen soll, kommerziell und kulturell mit der zivilisierten Welt in Berührung zu kommen, und deren Literatur ihren Anschauungskreis erweitern soll. Die Sprache aber, die sie lernen, müssen sie dann zweifellos gründlich beherrschen. Es fragt sich nun, auf welche Weise dieses Ziel am besten zu erreichen ist: ob auf dem geraden, natürlichen Wege der Erlernung einer Sprache als solcher, indem man ihr die erforderliche Zeit und die nötigen Kräfte widmet, oder auf Umwegen? Indem eine Sprache, die den Kindern noch nicht ganz geläufig ist, als Unterrichtssprache für die verschiedenen den Schülern noch unbekannten Disziplinen verwendet wird, und auf diese Weise eine Verquickung des Sachmit dem Sprachunterrichte eintritt, wird die geistige Entwicklung des Kindes gehemmt, eine Methode, die aus psychologischen, pädagogischen und nationalen Erwägungen durchaus nicht gutzuheißen ist. Unter normalen Verhältnissen bringt das Kind bei seinem Eintritt in die Schule die Muttersprache mit, mit deren Hilfe ihm alle Kenntnisse vermittelt werden. Es versteht natürlich, was der Lehrer zu ihm spricht, und dieser wiederum hat die Aufgabe, die geistigen Anlagen des Kindes zu entwickeln und dessen Anschauungskreis zu erweitern. Der Sprachunterricht hat in diesem Falle allein den Zweck, das Kind dahin zu bringen, sich mündlich und schriftlich fehlerlos auszudrücken. Auf diese Weise wird die seelische Harmonie