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Die Welt · 1914-01-02 · 1 (2.1.1914) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
1 (2.1.1914)
Article
Bericht des hebräischen Lehrer-Verbandes
Date
1914-01-02
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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8 Nr. 1 DIE3§KELT aller Beamten der HilfsVereins-Anstalten in Jerusalem, in der Schutze intervenieren mußte. Die Erregung unter sie die Einführung der hebräischen Sprache als Unterrichtsden Kindern angesichts dieser furchtbaren Szenen war ungesprache für alle wissenschaftlichen Fächer verlangten*). Nathan heuer. Sie wollten die Klassenräume verlassen und ihren wollte die Vertreter der Lehrer des Hilfsvereins nicht alten Lehrern nachfolgen. Kleine Schüler riefen: „Auch wir empfangen, sondern sprach mit verschiedenen einzelnen Lehrern und erklärte sich gegen diese Forderung, obwohl er gleich hinzufügte, daß man späterhin noch auf diese Frage werde zurückkommen können, und daß er kein Papst sei, der alle einmal gefaßten Beschlüsse für heilig und unabänderlich halte. Nathan versuchte auf die Lehrer und auf die anderen Herren einzuwirken, indem er hervorhob, daß er der Mittler zwischen den Zionisten und den Assimilanten in Deutschland gewesen sei und für die Verbreitung der gesprochenen hebräischen Sprache viel geleistet habe. Er betonte, daß dieser Kampf dem Zionismus schaden werde, und unterließ es auch nicht, Drohungen gegen den Zionismus auszusprechen. Allein diese Drohungen machten ebensowenig Eindruck wie seine Worte, daß der Zionismus sich früher auf die politische Arbeit beschränkt habe, die sich als eine Seifenblase erwiesen hätte, während er jetzt seine Tätigkeit auf die Neubelebung der hebräischen Sprache konzentriere, der ein ähnliches Ende beschieden sein würde .... Nachdem die Lehrer keine feste Zusage bezüglich ihrer Forderungen erhalten hatten, richteten sie an Dr. Nathan ein von achtzehn Lehrern unterzeichnet es Schreiben, in dem sie um klaren Bescheid binnen vier Tagen baten und zugleich mitteilten, daß sie bereit seien, noch zwei Monate lang in den Schulen zu unterrichten, da Nathan sich über die Lehrer des Hilfsvereins in Jaffa beklagt hatte, daß sie ohne Kündigungsfrist ihr Lehramt niedergelegt hätten. Die Frist von vier Tagen war noch nicht verstrichen, als Nathan und Ephraim Cohn mit den Lehrern, die jenes Schreiben nicht unterzeichnet hatten, Verhandlungen anlaiüpften und übereinkamen, das Seminar wieder zu eröffnen. Am Abend vor der Eröffnung veranstalteten sie eine Festlichkeit im Hause Ephraim Cohns, zu der die Lehrer, die ihnen Gefolgschaft leisten, und etwa dreißig Schüler eingeladen waren. Das Haus des Herrn Cohn wurde während der Festlichkeit von Polizisten bewacht, und Polizisten begleiteten auch Herrn Nathan zum Feste, da Ephraim Cohn ihm eingeredet hatte, es seien Gewalttätigkeiten zu befürchten. Tags darauf, am Dienstag, den 10. Kislevv, morgens, wurde das Seminar eröffnet, und ein Polizeiaufgebot umstand das Gebäude, um das Seminar und seine Schüler zu schützen. Herr Dr. J e 11 i n wurde zu der Eröffnung nicht eingeladen und erhielt auch keine Mitteilung von der Eröffnung der Anstalt, deren Prorektor er ist! Zu dem Unterricht hatten sich dreißig Schüler eingefunden, darunter kein einziger von der obersten Klasse. Die übrigen Schüler riefen ihren Kameraden, die die kameradschaftliche Treue verletzt hatten, Schmähworte zu, und einer von ihnen ließ sich dazu hinreißen, durch das Fenster einen chemischen Stoff in den Klassenraum zu werfen, wodurch der Unterricht gestört wurde. Am Abend erhielt Herr Jellin einen Brief von Dr. Nathan, in dem dieser mitteilte, daß die Sprachenfrage und das Demissionsgesuch der Lehrer erst in einer in Berlin abzuhaltenden Sitzung entschieden werden könne, daß er — Dr. Nathan — es jedoch auf sich nehme, die Lehrer vorläufig, bis aus Berlin der endgültige Bescheid Eintreffen würde, von ihrem Dienst zu befreien. Da die Antwort Dr. Nathans nur an Jellin gerichtet war, hielten es die anderen Lehrer nicht für notwendig, - ihr Verhalten danach einzurichten. Einige Lehrer entschlossen sich also, einstweilen weiter zu unterrichten, während andere nur noch einmal die Schule aufsuchen wollten, um von ihren Schülern Abschied zu nehmen. Als die Lehrer, die demissioniert hatten, die Schulräume betraten, kam Ephraim Cohn in Begleitung des deutschen Konsuls und vieler Polizisten und begann die Lehrer zu vertreiben. Unter den Schülern und Schülerinnen brachen Tumulte und Wehklagen aus. Die demissionierenden und die im Dienste des Hilfsvereins bleibenden Lehrer beschimpften sich gegenseitig, und einer der Lehrer von der Partei Ephraim Cohns, Namens Wetzler, wollte die demissionierende Lehrerin Fräulein Lippstadt tätlich angreifen, so daß ein türkischer Gendarm zu ihrem *) Diese Denkschrift veröffentlichen wir auf S. 10—12 im vollen Wortlaut. Die Red. d. „Welt". verlassen die Schule" und zerrissen ihre deutschen Lesebücher und Schulhefte. Darauf schlossen die Gendarmen die Ausgänge der Schulen ab und ließen die Kinder nicht hinaus. Ein großer Tumult entstand darauf auch in der Straße vor den Schulen. Berittene Polizisten und Gendarmen zerstreuten die Menge, und einige Personen wurdengeschlagen. Als Nathan die Straße passierte, rief ihm eine Gruppe von Seminaristen zu: „Pfui! Sie wollen hier die deutsche Kultur mit Hilfe von Basch ibosuks verbreiten!" Nach diesen Vorgängen ruhte der Unterricht in den Schulen des Hilfsvereins, da die Lehrer und die Schüler furchtbar erregt waren. Diese Sachlage zwang uns, sogleich an die Eröffnung eines neuen Lehrerseminars und einer Mädchenschule zu gehen, ferner Unterrichtskurse für die Schüler der obersten Klasse der Lämel-Schule einzurichten. Wir haben bereits entsprechende Räume gemietet und gestern, am Sonntag, hat der Unterricht in den neuen Schulen schon (begonnen. Das neue hebräische Seminar zählt 62 Schüler, die neue hebräische Mädchenschule 161 Schülerinnen, während die Lämelschulkurse von 89 Schülern besucht werden. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen wird zweifellos noch steigen. Die Organisation der Mädchenschule wird mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden sein, da sämtliche Lehrkräfte der früheren Mädchenschule zur neuen hebräischen Anstalt übergegangen sind. Auch in der Knabenschule sind alle erforderlichen Lehrkräfte vorhanden. Nur im Seminar fehlt es einstweilen noch an ständigen Lehrern für einzelne allgemein wissenschaftliche Fächer. Einstweilen versehen provisorische Lehrkräfte den Unterricht in diesen Gegenständen. Die Polizei in der Schule Aus dem Brief einer Jerusalemer Dame Eine jüdische Dame aus Deutschland, die seit Jahren in Jerusalem lebt, entwirft in einem Briefe an eine Freundin in Berlin folgende erschütternde Schilderung von den beschämenden Vorgängen in den Jerusalemer Schulen des Hilfs- „. . . . Die Aufregungen, die sich von Tag zu Tag seit Wochen mehren, erreichten am Mittwoch, den 10. Dezember, ihren Höhepunkt, und zwar dadurch, daß Herr Direktor Cohn mit dem deutschen Generalkonsul sow i e Dr. Kahn und Polizeiaufgebot die Lehrer und Lehrerinnen aus der Mädchenschule angesichts der gesamten Schülerinnen vertrieb. Wie Sie ja wissen, hatten die Lehrer demissioniert, Dr. Nathan hatte jedoch verlangt, daß sie alle zwei Monate Kündigungsfrist einhielten. Der Lehrkörper entschloß sich dazu und unterrichtete weiter. In später Nachtstunde kam plötzlich ein Brief, daß der Lehrkörper der Mädchenschule suspendiert wäre. Dieser Brief konnte erst am Morgen in der Schule zur Kenntnis der gesamten Lehrer gelangen, als auch schon das Heraustreiben vor sich ging. Die Panik unter den Schülerinnen war sehr groß, die Lehrer schrien um die Kinder und die Kinder um die Lehrer, zumal die Polizei einen Lehrer mit dem Gewehrkolben schlug. Ich bin sofort nach Empfang der Nachricht, eine Stunde später, hinausgegangen, um mich nach dem Ergehen einer Bekannten zu erkundigen. Es war geradezu überwältigend. Zirka zwanzig Gendarmen um die Hilfsvereinsschulen herum; Kinder, Eltern, Lehrer, alles in wahnsinniger Aufregung lief, schrie, weinte durcheinander. Es war wie ein Heerlager! Und dazwischen fuhr Dr. Nathan mit einem Wagen, der vorn und hinten von berittenen Schutzleuten bewacht war, in sein Hotel. Inzwischen hat sich in dem Mädchenheim folgendes ereignet: Der Lehrkörper der Mädchenschule eröffnet morgen bereits die neue hebräische Mädchenschule, die weit größere Anzahl der Kinder geht mit; nur diejenigen, die durch ihre Eltern gezwungen werden, bleiben. Das Mädchenheim ist durch Direktor Cohn gezwungen,

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