Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jerusalem vom Ölberg gesehen. Entwurf zu einer Radierungvon E. M. Lilien. Aus den Wurzeln unserer Kraft (Zu Liliens Bildern) Seit zwei Jahrtausenden ist das alte Volk von der alten Heimat vertrieben und in alle Welt zerstoben. Der Tempel, um den sich das räumlich enge und geistig so weite hebräische Kulturleben bewegt hatte, ist zerstört. Aber noch heute wohnt das Jüdische Volk, zerstreut und in dauernder Wanderung, doch in weitem Umkreis rings um die Trümmer und Reste jenes nationalen Heiligtums, in dem sich voreinst die Herrlichkeit jüdischer Gesittung der staunenden Welt offenbarte. Auf dem alten Tempelplatze, der für alle Zeiten mit dem Namen des großen Königs Jedidja-Schelomo verbunden ist, stehen fremde Heiligtümer, die trotz aller Schönheit dem Pilger doch nur künden, daß sie ärmliche Zeugnisse sind für die geschwundeine Herrlichkeit, die an dieser Stätte über das Land weithin sichtbar hinausragte. Aber die Söhne des vertriebenen Volkes schauen noch heute in banger Sehnsucht nach der Stätte entschwundener Herrlichkeit, und wenn sie in treuer Anhänglichkeit die Orte besuchen, auf denen unsere Könige und Propheten einherschritten, wo unsere Dichter ihre Hohen Lieder gesungen haben, so machen sie noch immer an der Stätte Halt, wo in alter Zeit das unverbrüchliche Oesetz den ungeweihten Volkssöhnen das Weitergehen verwehrte. Aber über das Halt hinaus führt uns des Künstlers Griffel. Wir gehen mit ihm an die Stelle, wo am Eingang zur Qubbet-as-Sachra, dem Felsendome der Muslimin, die Nachkommen des hebräischen Stammes ehrfurchtsvoll stehenbleiben und umkehren, um nicht mit profanen Füßen den Boden zu betreten, den unser Gesetz heiligte für alle Zeiten. Der Maler, der uns hierher führt,;.öt' jener Künstler, der von allen modernen Zeichnern am tiefsten in das Wesen jüdischen Kulturgeistes eingedrungen ist, und der seine ersten Sporen zwar auf andern Gebieten sich verdient hat, aber doch der jüdische Künstler geworden ist, Efrajim Mosche Lilien. Nicht als ob Lilien (nur für Juden malte, nicht als ob seine mächtige Schaffenskraft sich in jüdischen Gegenständen allein erschöpfen könnte, aber doch ist Lilien der jüdische Künstler par excellence. Heimatluft weht aus seinen Bildern, und frischer Erdgeruch des Landes Israel durchduftet seine Kunst Wenn uns Lilien auf den Har-Has-setim, auf den Oelberg, führt, der heute nur noch wenige Oliven aufweist, der aber dank der Arbeit von Nachkommen der alten Besitzer des Landes dereinst seinen Namen wieder mit Recht führen soll, und der Künstler läßt uns hinabschauen auf die hochgebaute Stadt Jeruschalajim, die