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Die Welt · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Produkt heißt unter anderem auch „Feuilleton". Heine schuf es im Glauben an eine neuerwachte Sinneskraft. Er täuschte sich. Nun folgt eine lange Reihe, die ließ sich täuschen, denn sie wollte es, mußte es wollen. Die meisten sind Juden. Sie fühlen die Halbheit, doch sie schweigen, um ihr Weh über das Nutzlose nicht zu zeigen, das Weh der Enttäuschung. Die Nichtjuden, die darunter sind, Speidel, Kürnberger, verachten ihr Tagwerk". Sie dürfen es. Sie haben es sich nicht erbaut als Haus, worin sie eine Ewigkeit sich zu schaffen vermeinten. Ihre Ewigkeiten sind fest und groß..... Theodor Herzl — sein Werk ist es, wenn ich meine, unsere Ewigkeit denke. Er entriegelte sie, denn in ihm war sie beschlossen. Und im Tun des Tages schrieb er Feuilletons? Jenen hoffnungslosesten Schimmer, den einer schuf, weil ihn ein neuer Tag blendete und mit dem so viele spielen, weil sie in seinem kargen Schein vergessen wollen, daß sie ihren Tag begraben haben? . . . Jetzt erinnere ich mich: Vor mir liegen zwei dunkle Bücher. Ich schlage sie auf. Ich sehe, was sie in sich bergen. Das sind so altvertraute Bilder, auf kühlsilbernem Hintergrund gemalt mit Farben, die in sich hineindunkeln, so eigenartig . . . Woher kenne ich nur dieses Hineindunkeln? . . . Ich glaube, aus zwei oder drei Bildern Giorgiones' . . . oder — aus Herzls Augen... Diese Bilder schuf einer in der Eile des Tages, während er einem Volke die Ewigkeit hämmerte; und das sind „Feuilletons"? Ja doch, auf dem Umschlag steht es, und der die Vorrede zur neuen Auflage schrieb, sagt, sie seien Theodor Herzls „Lebenswerk" . . . Ja, Theodor Herzl schrieb vFeuilletons". Er hat sie selbst vor acht Jahren herausgegeben. Und jetzt, da sie wieder erscheinen, ist Herzl zur Gestalt geworden. Raoul Auernheimer aber merkt es nicht. Ihm sind die Feuilletons zur Gestalt geworden. Er bewundert das „milde Lächeln, mit dem Herzl Menschen und Dinge von der Höhe seines Intellekts betrachtet." Das Lächeln! Es ist der Ursinn von Herzls Lebenswerk. Es huscht durch die Feuilletons als Abglanz seines Lebenswerkes. Das andere aber, das Auernheimer meint, „das Betrachten der Dinge von der Höhe des Intellekts," das ist das Werg, welches Auernheimer zupft, um etwas Unbegreifliches auszustaffieren. Herzls Lächeln! Das sind seine Feuilletons. Es ist das Lächeln dessen, der sich zu den Dingen und Menschen neigt und sie ganz empfangen kann. Dieses Lächeln einer ganzen Seele gab Herzl die Kraft, die Seufzer aller Seelen zu hören. So wurde sein Lebenswerk. Und dieses Lächeln lebt in den sechzig Feuilletons als ihre Eigenart, die ihnen das Unfaßbar-Zarte gibt, das, was nicht zum Feuilleton gehört und was die groben Sinne des Tages mit dem Spielerischen vertauschen. Dieses zarte, ganz e Lächeln ist unsere Zukunft. Wir bauen sie aus Herzls Lächeln. Wann werden wir alle es verstehen? „Es gibt hier so manche kranke Spaßv ö gel, welche die Anderen lachen oder träumen machen, indes sie selber weder lachen noch träumen." So sah Herzl Menschen in seinem ersten Feuilleton „Luz, das Dorf", das ihn „berühmt" machte. Er sah mehr, als alle sehen. Er sah das schrecklichste, das aus dem Menschen wird. Und das furchtbare, — das ist unsere Gegenwart, der Oaluthsinn der Juden. Weder lachen noch träumen. Daraus entsteht dann zuweilen ein häßliches Lächeln, mit dem man die Dinge von der Höhe des Intellekts betrachtet. Hätte Herzl dieses Lächeln gehabt, nie hätte er erfühlt, daß die krank seien, die nicht lachen und nicht träumen. Wieder und wieder spricht Theodor Herzl in seinen Feuilletons von Kranken. Von Leuten, die ihre Krankheit nur in jenen geheimsten Lebensstunden kennen, da das Glück bei den Gesunden einkehrt. Er sieht Tränenspuren, da andere nur Lachfältchen bemerken würden. Er hört Seufzer und fühlt das Weh mit, wo andere das Weh nicht fassen können. In einem der ersten Feuilletons — es stammt aus dem Jahre 1891, da der Feuilletonist Herzl eben „entdeckt" war, erzählt er folgendes: An der Wunderquelle von Lourdes steht ein alter Mann und benetzt mit dem Wunderwasser seine kranken Augen. Doch er sah so schlecht wie zuvor. „Ein paarmal versuchte er es noch. Dann gab er es auf. Er zuckte die Achseln und griff zitternd nach seinem Stock. Und als er weiterging, seufzte er tief und schwer. Er seufzte wie ein Jude." Hier endet die Erzählung. Aber ihr Sinn endet nicht. Er heißt: Der da nicht glaubt und zu glauben versucht, der seufzt so entsetzlich. Der Seufzer heißt die Sehnsucht nach dem Glauben. Wo ist der Glaube, der den Seufzer in ein hohes Lied verwandelte? . . . Der Jude, der da seufzte, hat er ihn verloren? . . . Hier fängt eine Geschichte an, sie endet nicht. Die Geschichte vom Judenseufzer. Sie wurde Theodor Herzls Lebenswerk. Um es zu vollenden, muß man das Feuilleton abbrechen. So tat Herzl. Die Ewigkeit hören und das Feuilleton abbrechen — ja, das ist es, was in uns sehnend ringt, das Verlorene, das wir ewig suchen. Theodor Herzl besaß es. Auernheimer nennt es: „Die mörderische Eleganz hat sich zur stillen Vornehmheit geläutert, die 'kokette Melancholie zum Mitleid geklärt." Das mag der Weg einer Entwicklung sein, aber für Menschen, welche von der Höhe ihres Intellekts herab lächeln — über sich selbst, für Menschen, die über den Sinn der Dinge lachen, weil sie selbst nicht lachen und nicht träumen können. Herzl erlebte den Sinn der Dinge in gütigem Sich-Neigen. So können sie sich aus seinen Schilderungen von Reisen, von Meer und Himmel, von Kindern und Künstlern, von eleganten Menschen und Tieren, die wir Feuilletons nennen, nur widerspiegeln, wenn wir imstande sind, den Sinn der Dinge selbst zu erleben. Und wenn wir es jetzt in unseren schönsten Stunden schon können, so ist das Herzls Geschenk an uns. Er erhielt es durch eine eigenartige Fügung der Gottheit, die ihn jenseits des Judengaluthgeistes stellte; und uns vererbte er es. Diese erste Heiligung des Sinnes der Dinge — das ist Anfang und Ende der Entwicklung Herzls, das ist der Glanz seiner Feuilletons. Darum konnte er Feuilletons schreiben auch in jenen Zeiten, wo das Höchste und Größte ihn gefaßt hielt. Aber dadurch wachsen auch sie hoch und groß über den Tag hinaus. Anfang und Ende zugleich zu erfühlen, Leben und Tod zu erleben, dessen ist nur der fähig, der im bewußten Nichtwissen zu bekennen vermag. Herzl war fern, in so großer Ferne von denen, von denen er einmal sagt, sie „sind erfüllt von der Illusion des Wissens und geben verzückt diese Illusion weiter". Ist das nicht die Tragödie des jüdischen Galuthschaffens? Das Suchen nach der Erklärung, das Lehren und Erklären um jeden Preis? . . . Aber Theodor Herzl schrieb Feuilletons von Kindern, von armen Kindern, die reich sind, und von reichen Kindern, die arm sind, und — von seinen Kindern. Wer von der Höhe des Intellekts lächelte, wer sich zum Mitleid abgeklärt hätte, der hätte nie von Kindern schreiben können. Das darf nur, wer Kinder lieb haben kann, weil der Sinn des Menschenlebens in

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