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Die Welt · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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tives vorgeworfen. Aber wäre sie auch irgendwie berechtigt, sie müßte doch schweigen vor diesem großen Werke, das dort geschaffen wurde. Nicht feindselig kritisieren, sondern liebevoll fördern und ermutigen und aufmuntern sollen war die Vollbringer einer großen Tat und Schöpfer eines großen Werkes. Ein Gedenktag Von Dr. Otto Abeles. Der 23. November war für uns ein Gedenktag. Es waren fünfundzwanzig Jahre seit dem Tode unseres Leopold Kompert, der in Wien begraben liegt. Wenn man den Namen dieses jüdischen Dichters und Streiters nennt, sieht man die Barrikaden des Jahres 1848. Leuchtende jüdische Gestalten, zum Greifen nahe, stehen plötzlich vor dem Epigonen, sein Auge feuchtet sich und er weiß nicht, ist es die Intensität der Lichtquelle, die ihm den Blick verschleiert, oder ist's die Wehmut des Gedenkens. — — Ein berühmter Augenzeuge, Franz Grillparzer, überliefert, daß sich die Rebellen um den ersten Platz beim Angriff stritten und daß die Schwächlichen begehrten, vorangestellt zu werden, damit, wenn sie erschossen wären, die Stärkeren sich auf die Kanonen werfen könnten. Und dort vorne, ganz vorne, standen Judensöhne. Was war das für eine Auslese von Adeligen aus dem Ghetto! Herzen schlugen unter dem gelben Fleck, so stahlhart, als wären sie auf alten Bauernhöfen der Alpenwelt gediehen und nicht in der armseligen Enge einer „Gaß"'. Mutig und frei war ihr Geist, als hätten ihn Generationen von Herrenmenschen gezeugt und nicht die unzähligen Geschlechter von Sklaven, die in Kellerverließen vor der Willkür der nächsten Stunde zitterten. Leopold Kompert, der jüdische Hauslehrer aus Münchengrätz, der die Kinder des Grafen Andrässy erzog, kam im Jahre 1847, 25 Jahre alt, nach Wien und stand bald an der Seite jener unvergeßlichen jüdischen Jünglinge der Tat, Blum und Spitzer, die als die ersten der Freiheit ihr Herzblut opferten, an der Seite Ludwig August F r a n k 1 s , des hochbegabten Poeten M o r i t z Hartmann und der herrlichen Charaktergestalt eines Adolf F i s c h h o f, auf dessen fruchtbaren Gedanken von der nationalen Autonomie die modernen Politiker Oesterreichs weiterbauen. Kompert erstritt mit ihnen die konstitutionellen Bürgschaften, die Preßfreilieit, die Koalitionsfreiheit, die Freiheit der Religionsübung und jene ,,Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze", die bekanntlich jetzt, nach nahezu 60 Jahren, für uns Juden noch immer bloß auf dem Papiere steht. Er wurde im verjüngten Oesterreich ein geschätzter politischer Journalist — und da ging mit diesem Manne etwas überaus Merkwürdiges vor sich. Während rings um diesen Vorkämpfern herum die frisch emanzipierten Juden ganz Europa brüderlich umarmten, ohne zu bemerken, daß sich der andere Teil nach dem ersten Rausch solcher Liebkosung zu erwehren begann, während man sein Judentum geflissentlich zu vergessen versuchte und Kompert selbst in der Redaktionsstube über das neue Kosmopolitentum schrieb, spann er sich daheim in der Kammer immer tiefer ins jüdische Leben ein, wie er es in seiner weltfremden Abgeschlossenheit zuhause in Böhmen beobachtet hatte, und schuf seine jüdischen Erzählungen. Just, als die Juden nach dem Wirbelsturme der Märzrevolution mit überströmender Begeisterung im Herzen und dem Pergament der „Gleichberechtigung" im Arme ins Lügenland der Assimilation einzogen, just im Jahre 1848 erschien sein erstes jüdisches Buch „Geschichten aus dem Ghetto". Seiner Werke selbst *) sei in diesem Zusammenhange nur im Vorübergehen gedacht, weil man sie eingehend würdigen müßte, um ihnen gerecht zu werden. Er hat das ausgezeichnete, durchaus tüchtige, charakterfeste und gesunde Landjudentum der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit sonnigem Humor gezeichnet und das innige, gemütvolle jüdische Familienleben jener Zeit mit gütiger Liebe und — was besonders überrascht — mit naturalistischer Anschaulichkeit verewigt. Mit den süßlichen, farblosen, tendenziösen Kalendergeschichten und Schablonennovellen, an denen diese Zeit nur allzureich war, ist seine Dichtung nicht zu verwechseln. Auch der naheliegenden Betrachtung, welche traurige Metamorphose wohl die meisten seiner Helden in der Zwischenzeit durchgemacht haben, sei hier geflissentlich ausgewichen. Am 23. Todestage Komperts wollen wir uns nur dem Flochgefühle überlassen, daß die Vorkämpfer der Judenemanzipation, daß Männer wie Leopold Kompert, der sich ganz in sein Volkstum hineinlebte, als die Freiheit erfochten war, und Adolf Fischhof, dessen klarer Kopt sich auch nicht einen Augenblick vom Trugbild der Assimilation betören ließ, mit beiden Füßen im Judentume wurzelten. Diese Männer haben nicht ihrem Volke den Weg in die Freiheit gebahnt, damit er den Elendmassen eine unendliche, leidvolle Landstraße werde; und es war nicht ihr Wille, sondern das Teufelswerk eines unseligen Irrtums, daß ein Teil derjenigen, die das gute Ghettogold mitbrachten, bis in jene Niederungen gelangten, wo die Selbstverachtung wuchert und der Bruder den Bruder verleugnet. Der Geist der Kompert und Fischhof spricht uns aus den klassischen Sätzen, die Theodor Herzl auf dem II. Zionistenkongresse [münzte: „Es konnte nicht der geschichtliche Sinn der Emanzipation sein, daß wir aufhören sollten, Juden zu sein, denn wir wurden zurückgestoßen, als wir uns mit den andern vermischen wollten. Der geschichtliche Sinn der Emanzipation mußte vielmehr der sein, daß wir unserem befreiten Volkstum eine Heimstätte bereiten sollten. Das hätten wir früher nicht vermocht; wir könen es jetzt, wenn wir es mit aller Kraft wolle n." Wir können es jetzt — und das danken wir jenen, auf die sich gerade unsere Gegner immer wieder berufen. * Heber das verirrte Geschlecht der Väter hinweg reichen die Enkel den Großvätern die Hände. Wir sind Fleisch von ihrem Fleische, wenn wir auch klein sind, weil zwischen ihnen und uns eine kranke Generation wirkte. *) Die bekanntesten Bücher seines achtbändigen Lebenswerkes: „Böhmische Juden", ,,Geschichten einer Gasse", „Geschichten aus dem Ghetto", „Neue Geschichten aus dem Ghetto".

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