Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W.15, SJCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRG. BERLIN, 13. Oktober 1911 urnM? y'Dnn 'x nt?n «'O No. 41. ZIONISMUS UND ORIENTPOLITIK Noch immer lastet -der A3p der Ungewißheit auf der politischen Welt. Jede Stunde hurm neue Ueberraschungen bringen, und alles Orakeüai woermag den Nebelschleier nicht zu lüften, der dk maK'fcs'te Zukunft verbirgt. Es ist ja kein Geheimnis, da 13 iucb die zünftige Diplomatie oft genug die allernächsten §io«litischen Ereignisse nicht vorauszusehen vermochte, al eit nie ist ihr Blick so unsicher, als wenn sie im Diribcl der orientalischen Welt Richtung und Weg zu finden suoclt. Die Völkerpsychologeii sprechen es immer wieder aus,.- daß der Europäer nicht imstande ist, die Seele der Japsa ner, Chinesen, Inder oder sogar der Völker des näherem Orients bis zu völligem Verständnis zu ergründen. 'Lindl doch wäre solche psychologische „Einfühlung" die mühwuendige Voraussetzung für den Politiker, der die Mditltel seiner Politik genau abzuwägen, ihre Wirkungen ge-auHU zu berechnen versuchen wollte. So erklärt sich die ragKimde, tastende Methode der europäischen Diplomatie, dk s.idh bei jedem Schritt vorwärts erst überzeugen muß, oobndler schlummernde Vulkan, auf dem sie steht, nicht schreckliches Leben gewinnen -wird. Daher die Verhüllung ührer auf ständige Machterweiterungim Orient gericHctKen Pläne durch ein künstliches Gewebe von Intriguuc«, (Baher das heiße Werben urn das Zutrauen der Völikicj,, auf deren Kosten doch schließlich diese MachterweilerrLmg vor sich geht Mehr noch als die gegen»ttge Eifersucht, die vielleicht durch das bewährte System der „Kompensationen" zu überwinden wäre, hält die; Furcht vor dem Unbekannten, vor den nur geahnten Kräften der orientalischen Welt die Staatsmänner EiitM)||)*as von entscheidenden Schritten zurück, und so ist anzunehmen, daß auch die gegenwärtige Krise zu keiner tjnod gültigen Lösung, sondern zu einer weiteren Verschtepf iiiimg der Probleme führen wird, die die „orientalische Fr;age" bilden. Die Verschiebungen der .Machtverhältnisse im nahen Orient, deren Zeugen wir süncl„, haben naturgemäß auch für den Zionismus eine gewissoe Bedeutung. Wir haben es bereits an dieser Stelle .Luissgesprochen, daß wir die Vorgänge der letzten Wach ein üic-f beklagen müssen, denn sie hemmen die NeuenH/idkl «mg der Türkei, deren Anfänge wir freudig begrüßt haben. Wir konnten uns der Hoffnung hingeben, daft die türkische Regierung mit der fortschreitenden Konsolidierung ihres Besitzstandes unser Werk mehr und mehr würdigen werde. Wir versprachen uns Gutes von unserer aufklärenden Tätigkeit, und wir bemerkten bereits in manchen politischen Kreisen der Türkei, wie die phantastische Auffassung der zionistischen Bestrebungen einer ruhigen Betrachtungsweise wich. Diese Linie der Entwicklung ist durch die Tripolisaffäre unterbrochen worden. Alle Anstrengungen der türkischen Regierung müssen im Augenblick auf die Wahrung ihres Prestiges, auf die Verhinderung einer weiteren Schwächung gerichtet sein, und kriegerische Rüstungen werden die Millionen verschlingen, die der friedlichen Entwicklung der Landeskultur hätten dienen können. In diesen Zeiten der Erregung ist es für uns Zionisten notwendig, das Wesen unserer Bewegung klarzustellen und darauf hinzuweisen, daß unsere Tätigkeit zwar dem Wechselspiel der Politik Rechnung tragen muß, daß sie aber in ihrem Wesen unverändert bestehen bleibt. Auch wir treiben Kolonialpolitik, aber sie dient keiner Grenzverschiebung und keinen Machterweiterungstendenzen, sondern der wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung Palästinas, in der wir das Heil für unser Volk und zugleich eine höchst wertvolle Stärkung des Reiches erblicken, zu dem Palästina gehört. Wir hegen nicht die Befürchtung, daß unser Werk jemals ernstlich bedroht werden könnte, denn es ist ein Werk des Fortschritts und der Gesittung, das unabhängig von allen Tageskämpfen der Politik in jener neutralen Sphäre sich vollzieht, in der jede reine Kulturtat, jede wirtschaftliche und soziale Leistung vor sich geht. Der Wechsel von Ministerien, der Uebergang der politischen Macht von einer Partei zur andern, Veränderungen des Regierungssystems können die Grundsätze nicht berühren, nach denen wir nach wie vor zu handeln entschlossen sind. Keine Regierung, die im Geiste unserer Zeit die wirtschaftliche und kulturelle Hebung Palästinas anstrebt, wird an der Tatsache vorübergehen können, daß die Verwirklichung der zionistischen Pläne ein arbeitsames, mit dem Boden seiner Väter innig verwachsendes Bevölkerungselement nach Palästina führt, das dem Staatsverbande, dem es sich einzugliedern gewillt ist, nur von höchstem Nutzen sein kann. Kultivierung der Einöden,