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Die Welt · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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waltungsarbeit sollen eins sein. Im Judentum ist der Schaffende und der Erkennende derselbe, und diese Untrennbarkeit der Begriffe bedeutet den jüdischen Idealismus, die Macht der Idee, die alles durchgeistigt. Wir werden die Organisation vergrößern müssen, aber selbstverständlich vor allem das Vorhandene zusammenhalten. Wenn man ein tieferes Verantwortlichkeitsgefühl hat, so wird man sich dieser Pflicht immer bewußt bleiben: die schwer errungene Einheit, die Kräfte, die man besitzt, wird man hüten wie etwas teures und leicht zu verlierendes, wie man eine Blume trägt mit einem heiligen Gefühl der Andacht, um ihren Tau nicht herabzuschütten, kein Blatt daran zu knicken. Nur ist das selbstverständlich Pflicht jedes einzelnen, daß er auf seinem Platze beharre, auch wenn er seine Ansichten nicht sofort zur Geltung bringen kann. Das ist das Grundgesetz jedes menschlichen Zusammenwirkens. Es hängt mit der realen Ausgestaltung jeder Organisation zusammen, daß sich ihr menschliche Unvollkommenheiten ansetzen. Es bedarf daher gewiß immer einer Reinigung von allen immer wieder drohenden Mängeln. Die Ausbesserung kann aber ihrem Begriffe nach nicht gegen die Gesamtpartei und ihre Autorität geschehen, sondern nur im innigsten Anschluß an diese. Es heißt nicht eine Institution ausbessern, wenn man sich entweder von ihr lossagt oder die Mißstimmung gegen sie schürt. Wohl aber heißt es ausbessern, wenn man die Begeisterung für die Größe der Partei nährt und weckt, wenn man das Verständnis für alle ihre Lebensäußerungen vertieft und belebt. Man soll positiv bessern, nicht nörgelnd und verdächtigend. Jenes ist groß, dieses kleinlich. Sollte es wirklich angezeigt scheinen, Auswüchse und Unwesentlichkeiten zu bekämpfen, so geschähe das gewiß am besten dadurch, daß man das als wesentlich Erkannte zu vertiefen und zu verstärken sucht. Dadurch wird es von selbst das Unwesentliche überragen. Nicht durch Ignorierung, Schmähung, Mißachtung anderer, sondern durch positive Auswirkung der Fülle des eignen Programms soll jede Gruppe und jede Nuance unserer Gesamtpartei zur Geltung kommen. Positive Arbeit sei die Parole einer jeden Gruppe. Sie hat darin einen großen Wirkungskreis, sie nützt damit ihrer Würde am meisten, sie tritt damit keinem Andersdenkenden zu nahe, und sie hat die Möglichkeit, die Gesamtheit zu beeinflussen. Wir blicken mit ruhigem Vertrauen in die Zukunft, weil wir ein ruhiges Gewissen haben. Wofür wir ringen und kämpfen, das sind wirklich nicht hirnverbrannte Phantasien oder Abenteuer, Schlagworte oder fade Projekte. Wir wollen, daß jene idealen Güter unserer Nation, welche das einzig Reale derselben sind, weil das einzig Unvergängliche, uns erhalten bleiben: jene idealen Besitztümer, ohne die das Leben nicht der Mühe des Lebens lohnt. Und in dem Ringen nach diesen höchsten Besitztümern unsers Lebens: eine Heimstätte in Palästina für freie Entwicklung des Geistes und des Gewerbefleißes unsers Volkes, Pflege jenes idealen Zuges, welcher in der selbstlosen Hingebung an das historische Ideal seine höchste Aufgabe findet, — in diesem Kampfe ist der Sieg der Idee so gewiß, wie unsere ganze geschichtliche Entwicklung von ihr den Ausgangspunkt genommen hat. Darum blicken wir mit frischem Mut in das neu beginnende Jahr. Und wenn uns im Wechsel der Tagesereignisse diese oder jene Erscheinung den Ausblick trüben will, so erinnern wir uns an das Wort unsers Abraham Ibn Esra: Die „Kinder des Tages, sie kommen und gehen, man soll sie weder beweinen noch belachen, sondern begreifen.a Und wer den Prozeß der nationalen Verjüngung, in dem wir uns befinden, richtig begriffen hat, in seinem innern Beweggrunde und in seinem idealen Ziele, der wird uns recht geben, wenn,wir das beginnende Jahr mit Mut und Vertrauen begrüßen. Unsere Jugend und ihre Aufgaben Von Majer Reiler, Czernowitz Es ist nicht so lange her, daß man glaubt, daß es eine Jugtnd gibt. Das heroische Stadium der Völker macht schon in der Sprache selten einen Unterschied zwischen Jüngling und Mann und noch weiter herauf in der Kultur ist der Jüngling das werdende, schaffende, hierbei unvollkommene Element. Ältere und jüngere Generationen können gelegentlich verschiedene Wege gehen; aber auch dann wird in der Empfindung des Gegensatzes das Lebensalter der Streitenden immer hinter dern^ Streitobjekt zum mindesten zurückstehen. Brst wenn in langen Übergangsentwicklungen dieses Verhältnis öfters zurückkehrt und zuletzt akut wird, bildet sich auf der einen Seite eine Männlichkeit, auf der andern eine Jugendlichkeit um ihrer selbst willen heraus. Der jüdische Student als Separattypus, wie wir ihn heute kennen, ist ungefähr ein Vierteljahrhundert alt; er gehört in die Zeit der Entstehung der Chowewe-Zionvereine, also in ,die achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde die akademische Jugend von einem glühenden Idealismus erfaßt und ging so weit, daß sie ihre Carrtere aufgab und nach Palästina zog. Dort lebten diese jungen Männer unter den größten Entbehrungen längere Zeit ohne eine positive Arbeit zu leisten. Die Ursache ist wohl nicht schwer zu erraten, zumal ihr Idealismus an den Fanatismus grenzte und jede fanatische Bewegung ist — wie die Geschichte lehrt — eine ungesunde. Eine Jugend, welche gesund und kräftig im Elternhause emporwächst, erfüllt von einer das Zeitalter befriedigenden Weltanschauung, wird sicher, den geraden Weg vor sich, von den Vätern nur dadurch unterschieden, daß sie ungestüm, mit frischer überquellender Kraft in die Lebenswege tritt, auf welchen jene reif, ruhig und schon ermüdend wandeln. Eine rolche jüdische Jugend gibt es in unserer Zeit nicht. Bei einzelnen Individuen finden sicfi diese Züge, aber nicht als allgemeiner Charakter und jeder einzelne ist doch beirrt, innerlich nicht gefestet und lebt nur sozusagen auf einer geborstenen Grundlage. Ein großer Teil unserer Jugend ist unbefriedigt von den väterlichen Anschauungen und Verhältnissen; zweifelnd und schwankend verbraucht sie einen großen Teil ihrer Kraft, um sich vom alten Boden loszulösen und auf unsicherem Pfade ahnungsvoll, begeistert der Zukunft entgegenzugehen. Großes haben die Studenten geleistet, sie kämpften auf den Barrikaden und bluteten für die Freiheit ihres Volkes. Mit vollem Rechte sagt der Sturm- und Drangpoet Reinhold Lenz vom Studenten, „daß er ein Mann sei, der nichts ist und alles werden kann." Die jüdischen Studenten bilden einen Stand, der so lange lebenskräftig ist, als er eine Idee besitzt, die ihn nährt. Große Aufgaben harren unserer akademischen Jugend, Aufgaben, die Männer fordern, und zu solchen muß die Jugend herangezogen werden. Wir wollen in Kürze andeuten, welche Aufgaben dem jüdischen Studenten, oder besser gesagt, der jüdischen Studentenkorporation obliegen. Die Ausbildung, die Schaffung von Individualitäten ist meiner Ansicht nach die erste Aufgabe der akademischen Vereine und Verbindungen. Unsere akademische Jugend ist berufen, dem Volke Bildung, gesundes Leben zuzuführen, und muß deshalb sich selbst gründlich ausbilden. Dann werden diese reifen Elemente die Phalanx des jüdischen Volkes bilden, sie werden ihre bereits entwickelten Fähig- und Tätigkeiten in den Dienst unseres Volkes stellen. Unsere Jugend muß sich ins nationale Leben vertiefen, denn gerade aus der eignen Vertiefung quillt ein inniges Verständnis für die großen Fragen unseres Volkes, gleichwie dieses in vielen Dingen den Blick ungemein erhellt und erweitert. Unsere Jugend muß ferner die zionistische Idee propagieren, sie muß in jeder noch so kleinen Gemeinde ihren Mann stellen, muß Bildungsvereine ins Leben rufen, Bibliotheken schaffen und zumindest einmal wöchentlich in den zu gründenden LeseundToynbeehallen Vortrags- und Diskussionsabende veranstalten. Unser Proletariat ist nicht so sehr abstumpft, daß es gegen Zuführung von geistiger Nahrung sich sträufcen

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