Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIOMSTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRO. KÖLN, 4. August 1911 p-flnk aö'nn1« 3K No. 31. DER 9. AB Mit dem 9. Ab beginnt für uns eine neue Zeitrechnung, die Zeitrechnung des Qolus. Und wir zählen schon 1842 Golusjahre. Mit dem 9. Ab, dieser zweiten Zeitrechnung, entstand uns alles Zwiefache; das Zwitterwesen, die Doppelheit im Judentum. Doppelt und nichts Ganzes. Wir haben ein Vaterland und ein Land der Väter, — doch keine Heimat. Nur Pflichten haben wir beiden gegenüber und kranken an dem innern Riß der doppelten und mehrfachen Pflichten nicht weniger als wir unter der mehrfachen Rechtlosigkeit leiden. Wir haben eine Landessprache und die Sprache unseres historischen Landes, — doch ist weder die eine noch die andere unsere Sprache im eigentlichen und vollen Sinne dieses Wortes. Wir haben überdies zwei jüdische Sprachen; die eine, Umgangssprache unserer breiten Volksmassen, ist reines Golusprodukt und muß mit der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes verschwinden; die andere, die lebendige Zeugin unserer glorreichen Vergangenheit und die tiefste Ausdrucksform unseres nationalen und kulturellen Seins, die Sprache der Erlösung, unserer Zukunft, harrt noch ihrer vollen Wiederbelebung im Munde unserer Kinder. Zwei Sprachen, — es fehlt uns die eine einzige Sprache. Auch unsere Kultur und Gesittung ist von einem tragischen Dualismus durchsetzt. Im Golus mußte der echte Geist des Judentums verkümmern, doch blieb er stark genug und haftete unserem Wesen zu sehr an, als daß er die völlige Aneignung der Geistesart unserer Wirtsvölker nicht unterbunden hätte. Und so leiden wir in unserem Geistes- und Gemütsleben an einem tiefen Zwiespalt, an einem Doppel-Ich. Daher jene seltsamen und paradoxalen Erscheinungen im Leben unseres Volkes, die zu beobachten wir leider oft genug Gelegenheit haben : Juden ohne Judentum, jüdische Tempel ohne jüdischen Geist, jüdische Prediger, die unjüdische Lehren predigen. So zählen wir gar viele Stammesgenossen, deren Judentum nur hinreicht, um die Antisemiten zu reizen, döch nicht, um unsere nationale Ehre zu wahren. So entstanden uns Rabbiner, die in ihren Synagogen den «fh Ab als einen Festtag verherrlichen, da an diesem Tag das jüdische Volk die hohe Mission erhalten haben soll, über die Erde geworfen, unter allen Völkern versprengt, der Menschheit Heil zu bringen . . . Sie erkühiuen sich, auf unsere heilige Lehre hinzuweisen und legen in frevelhafter Weise das sinnige Wort aus: „Der Messias wurde am 9. Ab geboren." Mit dem 9. Ab beginnt unsere Golusgeschichte, die Geschichte unserer unglückseligen „Sendung". Oft würfen wir von einem Lande in das andere gesandt, um die Lücken im Wirtschaftsleben der Völker auszufüllen. Sobald diese unserer nicht mehr bedurften, mußflen wir den Schauplatz unserer Mission in andere Ländler verlegen. Wir wurden auch stets als Märtyrer des sozialen und ethischen Fortschritts gern gebraucht, ohne daß wir uns der Errungenschaften unseres Opfermuts erfreuen durften. Es wäre wohl begreiflich, wenn die Uölker, in deren Mitte wir leben, unsere Dienste nicht entbehren wollten. Es ist aber würdelos, wenn unseire eigenen „Konfessionsgenossen" dasHüten fremder Weilberge als Idealzustand preisen, aus der Not der Diaspora die Tugend der Mission machen. Wahrlich, auch der Fortschritt der Menschheit könnte eine viel wirksamere Förderung durch uns erfahren, würden wir als geeintes Volk auf eigener Scholle, befreit von aller Zwiespältigkeit des Golus, unsere nationale Kultur pflegen und zu immer höherer Vollendung emporführen. Wir würden alsdann unsere innere Missüon erfüllen. S o soll uns die Trauer des 9. Ab eine Ermahnung sein. Sie ist unsere Sehnsucht nach Ganzheit, nach Erlösung von der Tragik der Doppelheit. In diesem Sinne dürfen wir den Ausspruch unserer Weisen verstehen: „Am 9. Ab wird der Messias kommen."