Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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412 DiE^KELT No. 18 vertiefen, sie unablässig für diesen Strauß um ihre selbstverständlichen Rechte zu schulen, muß die Sympathie aller Juden, die das Judentum erhalten wissen wollen. Wenn sich nun so und so viele junge Männer vereinigen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, so müssen sie — sollte man annehmen — untereinander und in ihrem Herzen von der Richtigkeit ihrer Anschauungen überzeugt sein.' Die Organisation, hat Herzl gesagt, ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Will also eine Organisation als vollwichtig gelten, dann dürfen ihre eignen Mitglieder keinen Zweifel an ihrer Festigkeit und Sicherheit hegen. Baut sich eine Organisation auf der Erkenntnis vorhandener Übel auf, die sie beseitigen will, dann tut sie nicht gut, sich an Fernstehende mit der Frage zu wenden, ob sie auch wirklich im Rechte sei oder ob ihr Streben billigenswert sei. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands scheint nun nicht so ganz davon überzeugt zu sein, daß sein Plan der Jugenderziehung von klaren Voraussetzungen ausgeht und einem klaren Ziele zuläuft. Er scheint an innerlicher Unsicherheit und Willensschwäche zu leiden. Nur so ist es zu verstehen, daß er eine Rundfrage über das Thema „Sollen die Juden ihre Rechte erkämpfen? Tun sie gut daran und wie sollen sie es tun?" einleitet und ein halbes Dutzend Juden und eine Menge Nichtjuden zur Antwort einlädt. Wendet sich der Verband an Juden mit seiner Anfrage, so ist dies an und für sich verständlich. Denn die von ihm vertretenen Meinungen sind selbst in ihrer gegenwärtigen halbgaren Gestalt noch nicht die aller Juden Deutschlands. Und jeder Jude Deutschlands hat ohne weiteres das Recht oder vielmehr die Pflicht, in der uns allen so wichtigen Angelegenheit der Jugenderziehung Farbe zu bekennen. Es ist aber, wenn man den eben genannten Grund der Unsicherheit nicht gelten lassen will, schlechterdings unverständlich, die nichtjüdische Umgebung oder ihre Wortführer über unsere jüdische Rechtsansprüche zu befragen und ihre Antworten sauber in Kienruß und Leinöl einem hochgeehrten Publikum vorzulegen. Denn was besagen all diese Antworten, wenn man sie in nuce extrahiert? Sie zeigen doch nur die tief klaff enden Unterschiede in der Rechtsauffassung bei uns und den andern, die nur mit mehr oder weniger Fleiß durch Höflichkeitsfloskeln verbrämt werden. Kann man sich eine schärfere Zurückweisung denken als etwa die Antwort des preußischen Kriegsministers v. Heeringen, der dem Verband folgende Belehrung erteilt: „Auch, habe ich volle Anerkennung dafür, daß Sie sich das Ziel gesetzt haben, die jüdische Jugend zu freudiger Pflichterfüllung gegenüber ihrem deutschen Vaterlande zu erziehen. Es wird der Armee und damit dem Vaterlande von Nutzen sein, wenn die Wehrpflichtigen jüdischer Herkunft beim Eintritt in die Armee von dem Bewußtsein der Notwendigkeit treuer Pflichterfüllung durchdrungen sind." Hat denn etwa die jüdische Jugend ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber vernachlässigt? Der Kampf der Juden Deutschlands gründet sich doch eben darauf, daß sie trotz ihrer Pflichttreue rechtlos bleiben. Ebenso wünscht der Minister des Innern den Bestrebungen des Verbandes „die Jugend der ihm zugehörigen Kreise zur freudigen usw. (siehe oben» den besten Erfolg." In Parenthese sei bemerkt, daß die Veranstalter der Rundfrage die ans Unglaubliche grenzende Ungeschicklichkeit begangen haben, in dem Einladungsschreiben ihre Erziehungsmaximen so zu servieren, däß der nichtjüdische Leser notwendig auf einen tiefen Mangel des Pflichtbewußtseins in der jüdischen Jugend schließen muß. Infolgedessen wird auch die Gedenknummer, in welcher der Verband das Substrat seiner Schreibmaschinen-Denkarbeit der Öffentlichkeit vorlegt, ein Labsal für jeden sogenannten vornehmen Antisemiten, dem hier von jüdischer Seite die Bestätigung seiner Ansichten zugetragen wird. Mit welcher Freude mag er lesen, was Fürst Donnersmarck, ein Freund des Deutschen Kaisers, schreibt: „Augenscheinlich hat das Volk Israels sich in deutschem Land trotz mancher ungerechtfertigten Bedrückung und Zurücksetzung dauernd wohlgefühlt. Will dasselbe aber auch in deutschem Land von den deutschen Elementen wohl gelitten sein, so darf es nicht an der Zersetzung, sondern muß an der Erhaltung der deutschen bürgerlichen Ordnung mitarbeiten." Oder die Bemerkung des Kieler Oberbürgermeisters Dr. Fuß: „Gebildete und einsichtige Juden verhehlen sich nicht die Notwendigkeit, auf die ethische Hebung ihrer Glaubensgenossen hinzuarbeiten. . . Ebenso unerfreulich wirkt die Lektüre der übrigen Beiträge. Wenn das Heft zeigen sollte, daß der Nichtjude selten oder nie zum Verständnis der jüdischen Psyche gelangt, dann war es unnötig, denn das wissen wir schon längst. Und daß es einzelne Nichtjuden gibt, die bestätigen, daß ein Jude sozusagen auch ein Mensch ist, — auf diese Wissenschaft verzichten wir gerne, Es ist unnötig bei dem Inhalt der Gedenknummer zu verweilen und etwa mitzuteilen, daß dort auch Urteile von Männern abgedruckt sind, die bestätigen, daß auch ein Jude sozusagen ein Mensch ist. Niemandem, der die Zeitgeschichte aufmerksam verfolgt, bringt das Heft etwas neues. Uns aber und wohl jeden Juden erfüllt die Lektüre der Gedenknummer mit einem bittern Gefühl. So wird die jüdische Jugend, in der das Gefühl des Stolzes auf ihr Volkstum, der Würde ihrer jüdischen Individualität wachgerufen wrerden soll, nicht erzogen! Die Frage, ob es nötig war, all diese lieblichen Zurechtweisungen, die da von deutsch-christlicher Seite kamen, zu publizieren, wollen wir nicht erst aufwerfen. Die Aufnahme, die die Gedenknummer in der jüdischen Öffentlichkeit Deutschlands gefunden hat, muß die Leitung des Verbandes darüber belehren, daß sie auf diese Weise ihrem Programm nicht gerecht wird. j. 1. Die Unruhen in Karow Über die antisemitische Hetze in Karow berichtet die polnische Presse folgendes: Sonntag den 23. April, abends, kamen zwei jüdische Schlächter-, gehilfen aus Uhnow nach Karow, einem nahegelegenen Dorfe, um einige dort gekaufte Rinder abzuholen. In Karow worden sie von der dortigen Bauemjugond überfallen, der Wagen und das Pferd wurden ihnen gewaltsam abgenommen und einer schwer verletzt. Der andere entkam nach Uhnow und erstattete der Gendarmerie die Anzeige. Am folgenden Tage begaben sich zwei Gendarmen vom Uhnower Posten nach Karow, um die den jüdischen Schlächtergehilfen geraubten Gegenstände abzunehmen. Die Bevölkerung mit dem Schultheißen Xykola Kot an der Spitze nahm eine droh ende Haltung ein, und beharrte darauf, den Wagen und das Pferd behalten zu wollen, so daß die Gendarmen Verstärkung requirieren mußten. Obwohl die Zahl der Gendarmen auf acht anwuchs, waren sie nicht imstande, die Jiuhe herzustellen. Ihre Aufforderung. Kuhe zu bewahren, wurde nicht nur