Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 21 NEBELT 481 zur Führung ihrer eigenen Aufgaben und in der Mitbestimmung zur Lösung der gemeinsamen Fragen folgen wird. In diesem Sinne können wir warten. Eine große und herrliche, im besten Sinn moderne Aufgabe hat die Türkei zu lösen. Sie wird ihr aber nicht gerecht, wenn sie ein Kulturelement vom Range der Juden von vorneherein ausschalten will. Die hochentwickelten europäischen Staaten können trotz aller antisemitischen Unterströmungen nicht auf die Mitarbeit des Judentums verzichten. Sie alle kennen genau den Wert der jüdischen Kraft. Und diese Kraft kann die Türkei gewinnen. Dies liegt in unserem wie in ihrem Interesse. Das Judentum will sich national konzentrieren, um sich in seiner alten Heimat von dem zweitausendjährigen Qolus zu erholen, um wieder zu gesunden. Es bedarf des Schutzes eines starken und einigen Staatswesens, und diesen findet es einzig und allein in der Türkei. Die Türkei wieder muß ihre asiatischen Gebietsteile wirtschaftlich heben. In dieser Aufgabe trifft sie sich mit dem Judentum. Diese Erwägungen sind so logisch und unanfechtbar, daß man es gar nicht verstehen kann, wie es möglich war, daß die türkischen Machthaber all den Ausstreuungen gegen den Zionismus auch nur einen Augenblick lang Glauben schenken konnten. Die Kammerdebatte, von der wir sprechen, zeigt, daß dieses Mißtrauen im Schwinden ist. Verschiedene Deputierte bemühten sich, die vorgebrachten Entstellungen zu widerlegen. Es zeigte sich überhaupt, daß die Kammer bereit ist, den Zionismus denn doch tiefer zu ergründen, als ihr dies durch die betrügerischen Manipulationen unserer bekannten Feinde möglich ist. Der jüdische Deputierte Mazliach beantragte die Einsetzung einer Kommission, „die die zionistische Frage studieren und die Wahrheit ans Licht bringen soll, damit endlich einmal den Machenschaften unserer Gegner ein Ziel gesetzt wird". Der Armenier Vardkes schloß sich ihm an und verlangte, daß bis zum Einlangen des Berichtes dieser Kommission jede Erörterung des Zionismus unterbleiben möge. Wir begrüßen diesen Antrag von Herzen. Er ist ein sehr wesentlicher Erfolg unserer unausgesetzten Aufklärungsarbeit in Konstantinopel. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß die türkische Öffentlichkeit über unser Programm und unsere Ziele sich Klarheit suche. Wir werden ihr jedes geforderte Material zur Verfügung stellen. Sie wird dann die Loyalität unserer Bestrebungen erkennen, die dem Judentum zur Rettung, dem ottomanischen Staat aber, mit dem wir durch tiefste Dankbarkeit verbunden sind, zu unnennbarem Vorteil gereichen werden. * * * Die Debatte nahm folgenden Verlauf: Am 16. Mai beschäftigte sich die türkische Kammer wieder mit dem Zionismus. In der Nachmittagssitzung kam bei der Beratung des Budgets des Ministeriums des Innern der Deputierte Ruhi-ül- Halidi aus Jerusalem zu Wort. Er begann mit der Mitteilung, daß er sich über den Zionismus auszusprechen wünsche. „Ich bin — sagte er — „kein Antisemit, aber Antizionist. Ich bin auch Abgeordneter zahlreicher Juden, von denen viele telegraphisch gegen den Zionismus protestierten. (Der Deputierte verliest ein sich auf diese Erklärung beziehendes Telegramm eines Arbeiterverbandes von Smyrna.) Mehdi Effendi (Kerbela): Sind diese Telegramme an Sie gerichtet? Ruhi Bej: Nein. Der Präsident: Das genügt, lassen Sie die Telegramme und fahren Sie fort! Ruhi Bej, der aus einem Manuskript liest, führt weiter aus: Die Juden teilen sich in zwei Elemente, die Spaniolen (Sefardim), die durch [die Inquisition aus Spanien vertrieben wurden, und die deutschsprechenden „Aschkenasim", die aus Osteuropa hierher kamen. Zur Zeit Sultan Bajasets II. haben sich überall viele Gemeinden gebildet. Die Auswanderung der Juden hat mit der antisemitischen Bewegung in Europa begonnen. Unter Antisemiten versteht man diejenigen, die gegen die Abkunft Sems sind. Zwischenrufe: Also auch gegen die Araber! Ruhi Bej: Die Zionisten wollen jüdische Kolonien in Mesopotamien und in Syrien anlegen, um ein jüdisches Reich zu gründen, dessen Zentrum Jerusalem sein soll. Das jüdische Nationalgefühl ist allen Juden durch die Lektüre der Bibel eingeboren. Ich werde Ihnen einige Stellen aus der Bibel mit Bezug auf Jerusalem vorlesen. Hafis Ibrahim: Herr Präsident, wir beraten das Budget. Wir brauchen keine solchen Dinge zu hören, die wir in der Geschichte lesen können. Ruhi Bej verliest die Übersetzung einer Bibelstelle unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit. Dann fährt er fort: Moses Mendelssohn war der erste, der die Theorie vom Mangel des Nationalgefühls aufgestellt hat, indem er die Ansicht aussprach, der Judaismus sei nur eine Religion, und jeder Jude gehöre zur Nation des Landes, in dem er geboren sei. Dadurch wurde das Nationalgefühl bei den Juden erweckt(I), ebenso durch die Verfolgungen, denen sie in Rußland, Rumänien und andern Staaten ausgesetzt waren. Das beweisen auch die letzten Ereignisse in Kiew. Ahmed Bej (Lasistan): Wäre es nicht besser, Ihr Memorandum im Amtsblatt zu veröffentlichen, als uns hier Zeit verlieren zu lassen? Der Präsident: Nicht im Amtsblatt, aber anderswo! Ruhi Bej: Im Jahre 1880 jagte Rußland 600 000 Juden aus den Dörfern nach Polen. Da ließen sich zahlreiche Juden in Palästina nieder, wo sie Kolonien gründeten. Theodor Herzl veröffentlichte 1886 ein Buch: „Der Judenstaat," in dem er die Grundlinien für den unabhängigen Staat gezogen hat. Auf einem ersten Kongreß in Basel wurde der „Schekel" erhoben, ein Beitrag, der durch die „Jewish Colonial Bank" einkassiert wird. Gegenwärtig sind in Jerusalem 80 000 Juden und nur 9000 Muselmanen. Die Kolonien verwalten sich selbst. Es gibt dort keine Regierungsvertreter. Sie sind ganz unabhängig. Nali (Monastir): Ist die Sicherheit dort vollkommen? Ruhi Bej: Jawohl! Der Präsident: Dann haben sie ja recht gehabt! Ruhi Bej: Die letzte jüdische Vereinigung ist die Gesellschaft „Makkabi", die überall ihre Zweigvereine hat und die Pflege des Turnens betreibt, um die Jugend an den Militärdienst zu gewöhnen. (Unruhe und Zwischenrufe. Der Redner verläßt die Tribüne, ohne seine Vorlesung beendigt zu haben). Said Bej (Jerusalem) ergänzt die Ausführungen Ruhi Bejs. Er zitiert die in dem Buche Ussischkins enthaltene Theorie; Ussischkin legt sich den Titel „jüdischer Fürst" bei (!). „Der Zweck der Zionisten", erklärt er, „besteht darin, in Syrien eine jüdische Nationalität zu begründen". Die Zahl von 16 000 Juden, die Syrien im Jahre 1300 aufzuweisen hatte, ist auf 100 000 gestiegen; die meisten von ihnen sind Ausländer. Es gibt unter ihnen auch Ackerbautreibende, und das von den Juden besessene Land beträgt mehr als 100 000 Dunam. Die Alliance Israelite gibt selbst zu, daß Palästina keine Juden mehr aufzunehmen vermag, so daß diese für die Einwanderung andere Gegenden der Türkei wählen müssen. Wenn alle Juden sich naturalisieren ließen, so wären wir ganz zufrieden. Die Juden sind ein arbeitsames Volk, dabei sparsam und fortschrittlich gesinnt. Sie haben höhere Lehranstalten für Ackerbau und Industrie gegründet und nützen dem Lande durch di eselben außerordentlich. Wir würden uns sehr freuen, wenn die Juden die osmanische Staatsangehörigkeit erwerben würden und sich, abgesehen von Palästina in andern Wilajets niederlassen wollten." Masliah Effendi: Ich will mich nicht über den Zionismus aussprechen, da ich selbst Jude bin und man mich daher nicht für unparteiisch halten würde. Vor allem müssen die Geister aufgeklärt werden. Leider sehe ich aber, daß man zu weit geht. Der „Silah" und der „Sungu" haben den Salonikier Juden den Vorwurf des Zionismus gemacht. Man gebraucht dieses Wort als Schreckgespenst und als Angriffswaffe. Die Frage muß klargestellt werden. Das Land gehört ebenso gut den Juden wie den Türken und Griechen. Ruhi-ül-Halidi sprach von der Bibel gerade, als ob er die heutigen Juden verantwortlich machen wolle für das, was darin steht. Wenn Ruhi will, so braucht er die Bibel ja nur zu verbrennen. (Protestrufe.) Mein Kollege ist gläubig, und er vergißt, daß der Koran die Bibel als heilig betrachtet. Ich frage Ruhi Bej