Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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EIN SCHRITT NACH VORWÄRTS Zur Debatte in der türkischen Kammer Die Diskussion, welche am 16. und 17. Mai in der türkischen Kammer über unsere Bewegung stattgefunden hat, zeigt ein völlig verändertes Bild der Situation. Die Märchen über den jüdischen Separatismus, die ein arabischer Deputierter aus Jerusalem aus einem ihm von irgend jemandem zusammengestellten Memorandum vortrug, hörte das Haus mit Unwillen an und zwang schließlich den Redner durch unaufhörliche Schlußrufe zur vorzeitigen Beendigung seiner Verlesung. Diesem Herrn, ebenso wie seinem Nachfolger, der ebenfalls unser Feind ist, ging es übrigens wie weiland Bifeam. Sie zogen aus, um uns zu fluchen, und mußten segnen. Der eine mußte zugeben, daß in den jüdischen Kolonien Ruhe und Sicherheit herrsehe. Der andere pries in rühmenden Worten die wirtschaftliche Bedeutung der arbeitsamen und intelligenten jüdischen Kolonisten in Palästina. Das ist für uns um so wertvoller, als ja diese beiden Deputierten aus Palästina stammen und sich ihr Urteil über die Arbeitsmethoden der jüdischen Siedlungen selbst bilden konnten. Viel ungenauer ist ihre Kenntnis des Zionismus. Da fabelt der eine von einer Theorie des Herrn Ussischkin, der sich als jüdischer Fürst bezeichnet habe. Das ist genau so wahr, wie daß Dr. Philippson an der Spitze des Zionismus steht und daß die Zionisten in ihren Staatsplan auch schon Mesopotamien und Syrien einbezogen haben. Legenden und Lügenden, die durch die fortwährende Wiederholung nicht wahrer werden. Die Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung zeigt sich deutlich. Dort, wo die Abgeordneten sich aus eigener Anschauung über den Stand der Dinge unterrichten konnten, fällten sie ein Urteil, das ihre eigene Theorie über den Haufen wirft. Dort aber, wo sie diese Demarkationslinie überschreiten, stehen sie sofort im Banne jener Phantastereien, die weniger für uns als für das türkische Staatswesen gefährlich werden. Denn sie münden letzten Endes in eine Verhetzung der Nationalitäten gegeneinander. Sie erzeugen eine mißtrauische Stimmung, die nur schwer eingedämmt werden kann. Vor wenigen Monaten hat man in Rußland die Mohammedaner, die sich national organisieren wollten, als Feinde des russischen Staates erklärt. In der Türkei selbst sind heute die Zionisten die Staatsfeinde. Von den Zionisten bis zu den Juden im allgemeinen ist nur ein kleiner Schritt. Und wenn einmal diese gefährliche Suggestion erwacht ist, so ist die Gefahr immanent, daß sie von den Juden weitergreift und bald in den Arabern, bald in den Griechen, Armeniern, Bulgaren, Albanesen Staatsfeinde erblickt. Das wäre der Kampf aller gegen alle. Die Türkei ist wie der österreichische Nationalitätenstaat darauf angewiesen, daß die einzelnen Völker sich der historischen Entwickhing unterwerfen. Sie müssen ihre eigenen nationalen Aspirationen den Forderungen des Staatsganzen entsprechend einschränken. Das Staatsganze aber hat die Pflicht, die Bedürfnisse der Nationen zu erkennen und einen weisen Ausgleich herzustellen. Das ist ein sehr schwieriges Problem, das die österreichische Staatskunst seit dem Erwachen des konstitutionellen Lebens unausgesetzt beschäftigt. Dieses Problem wird auch der Türkei erwachsen, wenn einmal der Sinn und das Verständnis für die Verfassung tiefer im Volksempfinden verankert sein wird. Eine vorausblickende Regierung müßte aber schon heute darangehen, den Zeitpunkt, in dem dieses Problem erstehen wird, selbst zu bestimmen und den Staat darauf vorzubereiten. In Österreich ist der Fehler begangen worden, daß die am Beginn der Verfassungsära herrschende Nation,, die deutsche, es nicht verstand, die nationalkulturellen Ansprüche der andern Völker rechtzeitig kennen zu lernen. Sie stand infolgedessen dem nationalen Radikalismus, der kurz nach der bosnischen Okkupation einsetzte, ungerüstet gegenüber und kämpft seit diesem Zeitpunkt nicht mehr um die Macht, sondern um ihre Existenz. Die Türkei kann an diesem Fehler ihre eigene Aufgabe ermessen. Sie muß die Lebensbedürfnisse der Völkerschaften, die im Laufe der Geschichte zu dem osmanischen Staate zusammengewachsen sind, erfassen und sie mit den Ansprüchen des Staates vereinen. Sie muß sich also mit jeder Nation auseinandersetzen und dies, weil ja die Erhaltung des Staates ihre Aufgabe ist, nur in wohlwollendem Sinne. Sie muß zentrifugale Kräfte in zentripetale wandeln. Das ist die große historische Mission der türkischen Staatsmänner, die ein Gebiet zu verwalten haben, in welchem Orient und Okzident einander treffen. Staaten, die nicht national oder territorial einheitlich sind, können sich dem Prinzip der nationalen Gerechtigkeit nicht verschließen. Die Eidgenossenschaft hat ihren Völkern ein geliebtes Heim geschaffen. Die britischen Kolonien, die fast unabhängig sind, stehen an britischem Reichsbewußtsein hinter keinem Bewohner Englands zurück, und eben jetzt bereitet England die Verleihung des Home rule an Irland vor. In Österreich ist die Forderung der nationalen Selbstbestimmung zur gemeinsamen Parole fast aller Bürger geworden. Nur Rußland hat sich bisher dieser Einsicht nicht angeschlossen und tritt in der grausamsten Art seine Völkerschaften, Polen, Finnen, Juden, Deutsche und Mohammedaner, zu Boden. Dort hat die Willkür, die straflos gegen Juden ausgeübt werden konnte, das Empfinden für rechtliche Sicherheit untergraben. Zu welchen Ergebnissen dies geführt hat, weiß jeder Beobachter der Zeitereignisse. Die Geschichte Europas lehrt, daß man nirgends über ein Volk von kultureller Reife hinweggehen kann. Diese Lehre ist auch der Türkei bekannt, und der Minister des Innern hat ja selbst in der Kammer das Programm seiner Regierung dahin definiert, daß sie die einzelnen Nationen nicht antasten wolle und nicht daran denke, sie gewaltsam zu türkisieren. Das ist das Programm einer ihrer Aufgaben bewußten Regierung. Wir verstehen und achten die Beweggründe, die es verhindern, daß die ottomanische Regierung dieses Programm schon heute bis in die letzten Konsequenzen durchführt. Sie muß zunächst die vielen äußern Feinde abwehren, die die Integrität des Reiches bedrohen und aus der Revolution nicht erkannt haben, daß an die Stelle des Absolutismus das Volk getreten ist. Wir vertrauen aber darauf, daß das Reich nach der Sicherung seiner Existenz auch innen so erstarkt sein wird, daß es dem Beispiel der fortgeschrittenen schweizerischen und englischen Nationen in der Selbstbestimmung seiner Völker