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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Das Fest zur Erinnerung an den Exodus aus dem Nilland fand stets im jüdischen Haus herzlichen Willkomm. Auch in unsern Tagen, da der Abfall vom Judentum wie eine fressende Säure um sich greift, gibt es noch der Herde genug, an denen das Festmahl gerüstet wird. Der eine Teil, die jüdische Jugend unserer Zeit, die auf die Lebenskraft des Volkes vertraut, erkennt den tief nationalen Qrundcharakter des Passahfestes, das auf die Zeit zurückweist, in der eine atomisierte Schar zu einem seiner Ziele und seiner Stärke bewußten Volkskörper organisiert wurde, ehe sie die Wüstenwanderung antrat, die sie heimführte. Die andern aber begehen die Erinnerung aus einer schlummernden, fernher dämmernden Erkenntnis der Zugehörigkeit zu einer in ihren Wesenselementen anders gearteten Menschheitsgruppe, eine Erkenntnis, die merkwürdigerweise zweimal des Jahres nach Ausdruck strebt: Sie feiern das Fest der ungesäuerten Brode und füllen am Versöhnungstage die Synagogen, erbitten Verzeihung für die Sünden, „um derentwillen du uns aus unserm Lande vertrieben hast." Und auf das zerknirschte Bekennen des nationalen Qleichfühlens folgt dann am nächsten Tage wieder das bewußte Streben nach Untertauchen in der uns umspülenden See, das Sehnen nach den Fleischtöpfen der Fremde. In Freude und Buße also, in abstrakten Sentiments äußert sich bei ihnen die Erkenntnis des Judentums. Das dritte und konkrete Moment fügte der Zionismus hinzu: die Tat. Die Diaspora hatte uns ermüdet, der stete Kampf zermürbt. Das stolze Empfinden, dem ältesten Kulturvolk zuzugehören, hatte sich in Resignation gewandelt. Die Einheitlichkeit des jüdischen Bekenntnisses war verloren gegangen und an die Stelle der Kinder Israels, eines einzigen Volkes, waren die Israeliten getreten. Das jüdische Leben wurde von der Assimilation überwuchert, die jüdische Geschichte konnte niemanden begeistern, weil niemand sie las. Die Besten sahen verzweifelt diesen Zustand. Sie sahen, wie der Jugend das jüdische Wesen immer ferner rückte, wie ihr das Schicksal des Volkes, das durch die Ereignisse in der europäischen Staatenwelt in ein Ost- und Westjudentum zerrissen ward, zu einem gleichgültigen Schauspiel wurde, weil sie es nicht verstand. Der Zionismus machte alledem ein Ende. Er sagte; Es gibt ein jüdisches Volk, das eins und ungeteilt ist. Dieses Volk sehnt sich nach Ruhe und ungestörter Entwicklung im Lande seiner Väter. In diesen Grundsätzen, die der Zionismus deklarierte, gibt es keine Frage, sondern nur eine Antwort. Es gibt darin kein Grübeln und Sinnieren, sondern nur den Imperativ der Arbeit. Die Tat. Der Zionismus ist die Quintessenz der jüdischen Geschichte. Unsere Geschichte ist Kampf, also auch der Zionismus. Kampf, nicht Duldung; überwinden, nicht leiden. Siegen, nicht verzweifeln. Er ist alles, Furchtüberwinder, Volkserlöser. Wir sehen durch ihn ein Bild unseres Wollens, unseres Müssens, unseres Tuns. Und weil der Zionismus dies klar ausgesprochen hat und ein klares Bekennen fordert, deshalb gehört ihm die Jugend, die vor allem Klarheit der Ziele verlangt. Wie ehedem hat unser Volk wieder ein Ziel, an das es sein leidenschaftlichstes Streben setzen muß. Und daraus schöpfen wir die befreiende Zuversicht, daß unser Volk einmal sein Passahfest in dem Lande feiern wird, auf das es Moses hinwies. Wenn wir im Golus das Passahfest begehen, dann liegt auch in der Feier allein ein starkes erziehliches Moment. Wir denken an die Tage, in denen Moses ein Volk schuf, an seine rettende Tat. Wäre sie nicht geschehen, so gäbe es heute wohl kein Judentum, sondern ein paar Hunderttausend Fellachenkulis mehr. Die Einigung und damit die Rettung des Judentums vollzieht sich heute in der nach den ewigen und unanfechtbaren Prinzipien des Zionismus zusammengeschlossenen Organisation. Der Zusammenschluß des Volkes durch Moses hat das Pharaonentum überwunden, wir werden dessen Nachfolger überwinden. Je weiter der nationale Gedanke dringt, je stärker wir die Solidarität des Judentums, das Einheitsbewußtsein betonen, je inniger wir zusammenstehen, um Unrecht abzuwehren, desto höher wächst unser Vertrauen in die jüdische Kraft. Ein Volk, das auf sich vertraut, ist unüberwindlich. Es kann eingeengt und in seiner natürlichen Entwicklung gehemmt werden; es kann aber nur dann vernichtet werden, wenn es sich selbst aufgibt. Das Judentum glaubt an seine Zukunft und will sich nicht aufgeben. Es ist auf seine eigene Kraft angewiesen und das ist für ein im Innersten gesundes Volk, das da weiß, daß nur der Kampf das Leben ist, ein hohes und beglückendes Gefühl, das wir am Fest der nationalen Befreiung doppelt innig empfinden. Briefwechsel zwischen dem Engeren Actions-Comite und dem Präsidium der Alliance Israelite Universelle i. Cöln, den 21. Februar 1911. An das Präsidium der Alliance Israelite Universelle Paris. Sehr geehrte Herren! Indem ich mich auf die Unterredung beziehe, die mein Kollege im Präsidium der Zionistischen Organisation, Herrl. H. Kann, im Laufe der letzten Tage mit Ihrem Vizepräsidenten Herrn Salomon Rein ach, hatte, halte ich es für geboten, Ihnen nunmehr auch schriftlich den Standpunkt unseres Präsidiums zu dem im Gespräche zwischen den Herren Reinach und Kann berührten Thema darzulegen. Wir bedauern außerordentlich, daß die Meinungskämpfe unter den ottomanischen Juden bezüglich der großen allgemein-jüdischen Tagesfragen in den letzten Monaten in einer Form geführt werden, die dem gesamten Judentum schaden, die aber in erster Reihe für die ottomanische Judenheit gefährlich werden könnte. Es muß doch jedem Einsichtigen klar sein, daß, wenn eine starke Bewegung unter den ottomanischen Juden als eine staatsgefährliche hingestellt wird, und wenn es in erster Reihe Juden sind, die diese Gefahr betonen, das Odium derUnzuverlässigkeit und der Staatsgefährlichkeit auf das ganze ottomanische Judentum zurückfallen

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