Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Jugend als männliches Alltagskleidungsstück in Mode war. Sein Konservatismus erstreckte sich auch auf die Politik und auf das Tragen gefalteter Hemden. Das Rauchen hatte er schon vier oder fünf Dezennien vor seinem Tode aufgegeben. Als Hundertjähriger stand er um elf Uhr auf, nachdem er sich die Post im Bette hatte vorlesen lassen, machte eine kurze Spazierfahrt, empfing Besuche und zog sich um neun Uhr zurück. Auf seinen Orientreisen ließ er sich von einem Arzt begleiten, daheim verließ er sich zumeist auf den Dienst einer geschulten Wärterin. Bis zuletzt war sein Qeist tätig, sein Körper rüstig. Die Sehkraft, das Qehör und die Stimme ließen nichts zu wünschen übrig. Die Gestalt war trotz ihrer respektablen Größe uur wenig gebeugt. Wenigen Menschen ist es vergönnt, 101 Jahre alt zu werden; noch geringer aber ist die Zahl derjenigen, die auf ein so ungewöhnlich langes Leben mit so unzweifelhafter Befriedigung zurückblicken können. Einst pflegte man im Hinblick auf die zwei ersten jüdischen Moses — den Spender der zehn Gebote und den mittelalterlichen Autor Maimonides — zu sagen: ,,Von Moses bis Moses war niemand gleich Moses." Später wurde dieser Spruch auf Moses Mendelssohn angewendet. Mit demselben Rechte läßt er sich auf Moses Montefiore anwenden, der in einer jüdischen Geschichtsperiode lebte, die derjenigen, in welcher Maimonides tätig war, an Wichtigkeit nicht nachstand. Er war ein fester Charakter, ein Mann des Herzens und der Tat, — kurz, eine der sympathischsten Erscheinungen des neunzehnten Jahrhunderts. Nicht ohne Grund wurden in Australien und den Vereinigten Staaten anläßlich seines hundertsten Geburtstages mehrere Städte ,,Montefiore" genannt. Abgeordneter Dr. Heinrich Gabel Das Leichenbegängnis Aus Lemberg wird uns vom 4. August berichtet: In imposanter, würdiger Weise hat heute nachmittag das jüdische Volk Galiziens seinen verstorbenen Vorkämpfer zu Grabe getragen. Aus allen Städten und Orten Galiziens, aus der Bukowina, vom kleinsten jüdischen Verein wie von den großen Kultusgemeinden waren Deputationen in Lemberg erschienen, die sich hinter dem Sarge Dr. Gabeis zu einem fast unübersehbaren Zug zusammenschlössen. Sämtliche zionistischen Organisationen waren in dem Trauergefolge vertreten. Hinter den Angehörigen des Verstorbenen gingen die Mitglieder des galizischen zionistischen Zentralkomitees und Abgeordneter Dr. Straucher, dann folgten die Deputationen sowie ruthenische Sokoiisten. Auf dem Wege, den der Kondukt nahm, hatten überall die Juden ihre Läden geschlossen und in dichten Spalieren die Straße bis zum Friedhof besitzt. Die jüdische Studentenschaft besorgte den Ordnerdienst. Im ganzen nahmen 30 000 Menschen an der Feier teil. Auf dem Friedhof stimmte Herr Oberkantor Halpern das Hl mole rachmim an. Dann wurde die Bahre, flankiert von zionistischen Akademikern, zum Grabe geleitet. Am Grabe Dr. Gabeis wurden mehrere Gedenkreden gehalten, so besonders vom Lemberger Rabbiner L. Brau de, Rabbiner Dr. Gutmann, Rabbiner Gedaljah Schmelkes (Przemysl), Dr. David Schreiber für das zionistische Zentralkomitee sowie im Namen des Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees Herrn Wolffsohn, vom Abgeordneten Dr. Strauch er, dem Obmann des Jüdischen Klubs, und von Longin Cegielski, dem Nachfolger Dr. Gabeis im Mandat des Buczaczer Wahlkreises. Dieser ruthenische Redner dankte dem Toten für seine treue Vertretung der Forderungen seiner ruthenischen Wähler und gab die Erklärung ab, als zukünftiger Abgeordneter die jüdische Sache treu zu unterstützen. Sodann sprachen Herr Leon Wechsler aus Buczacz im Namen der Wähler und der engern 'Freunde Dr. Gab eis, Dr. Majer Ebner aus Czernowitz, Herr S. Herz für die jüdisch-soziale Partei „Poale Zion", Dr. Schneider für die zionistische akademische Jugend und Herr Tieg er (Hebräisch) für den Verein „Tikwath Zion", worauf das Grab geschlossen wurde. Die riesige Menschenmenge, die an der Feier teilnahm, folgte in tiefster Ergriffenheit den gehaltenen Reden. Während der ganzen stundenlangen Feier, die sich in drückendster Hitze vollzog, herrschte musterhafte Ordnung. Unter den der Witwe Dr. Gabeis zugegangenen Kondolenzen befinden sich Zuschriften des Ministerpräsidenten Baron Bienerth, sämtlicher Minister und fast sämtlicher Parteien des Re:chsrats. Der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Abg. Romanczuk, nahm an der Spitze einer starken ruthenischen Abordnung an der Leichenfeier teil. In der „Jüdischen Zeitung", Wien, widmet Dr. Fritz Löhner (Beda) dem verblichenen Dr. Heinrich Gabel folgenden formschönen Nachruf: Er prunkte nicht. Er war ein Mann im Feld, Ein Landmann, schaffend für die späte Saat, Ein stiller Kämpfer und ein schlichter Held; Das Wort war ihm verhaßt. Ihm galt die Tat! In dieser Seele glomm die heilige Glut, Die unser Meister wundergleich entflammt, Und uie der Meister, gab auch er sein Blut, Sein Herzblut für das Volk, dem er entstammt! Nicht viele seinesgleichen trägt die Welt, So gut, so echt, so ehern, so^ gerad---- Er prunkte nicht. Er war ein Mann im Feld, Ein treuer Bruder, der das Seine tat. Kondolenzdes Aktionskomitees Das zionistische Aktionskomitee hat am 7. August an Frau Charlotte Gabel in Wien folgende Zuschrift gerichtet: Sehr verehrte gnädige Frau! Wir haben bereits Gelegenheit genommen, Ihnen zu dem Schicksalsschlage, der Sie so jäh getroffen hat, telegraphisch unser Beileid auszudrücken. Wir wollen Ihnen, verehrte gnädige Frau, heute nochmals versichern, wie sehr wir mit Ihnen fühlen, wir, denen das unerbittliche Geschick einen treuen Mitarbeiter, einen warmen Freund entrissen hat. Er war der Sache unseres vielgeprüften Volkes mit Herz und Seele ergeben. Er teilte seinen Schmerz, aber auch seine Hoffnungen, und er teilte mit uns die Sorge für die Zukunft unserer Nation. Mit seinen Freunden, seinen Wählern, deren Vertrauen ihn an verantwortungsvolle Stelle berufen hatte, steht die gesamte zionistische Organisation, d^s ganze jüdische Volk in tiefem Schmerze an dem Grabe Dr. Heinrich Gabeis, der mitten aus einem tatenreichen Leben voll strengster Pflichterfüllung plötzlich abberufen wurde. Vielleicht ist das Mitgefühl und die trauernde Teilnahme einer ganzen Nation imstande, Ihnen, sehr verehrte gnädige Frau, einen wem auch geringen Trost in Ihrem Leid zu bieten: e^"> rn* noru >sn Nehmen Sie die Versicherung unserer respektvollsten Hochachtung, die wir der Gemahlin unseres Mitstreiters zollen, von dem Ihnen sehr ergebenen Aktions-Komitee, (gez.) David Wolffsohn. Kondolenz des Nationalfonds Seitens des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds wurde an Frau Gabel folgendes Schreiben abgesandt: Hochgeehrte gnädige Frau! In tiefster Ergriffenheit haben wir von dem Ableben Ihres unr unsere Bswegung so hochverdienten Herrn Gemahls erfahren. Wir gestatten uns, Ih en, hochgeehrte gnädige Frau, unsere innigste Anteilnahme an dem schweren Verluste auszudrücken. Möge Ihnen das Bewußtsein, daß das Andenken Ihres verewigten Herrn Gemahls in unserm Volke nie erlöschen wjrd, einigen Trost in Ihrem Leid bringen. Wir empfehlen uns mit vorzüglicher Hochachtung das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds, (gez.) Dr. Boden heim er.