Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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172 DIE^ELT No. 8 Am Abend desselben Tages sprach Professor Schatz vor einer zahlreichen Zuhörerschaft im Vereine jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag über den Bezalel. Er sprach wiederum mit einer prachtvollen Wärme, mit einer imponierenden Klarheit und Sachlichkeit. Er wußte durch seine Antworten, mit denen er auf alle an ihn gestellten Fragen aus dem Publikum reagierte, ein anschauliches, greifbares Bild des „Bezalel" zu entrollen. Man wurde vollständig über die Art der Realisierung seiner Idee, im jüdischen Kunstgewerbe in Palästina einen Faktor von hervorragender nationaler, sozialer und künstlerischer Bedeutung zu schaffen, orientiert. Wieder einmal konnte es einem, wenn man Schatz sprechen und erzählen hörte, kaum faßbar erscheinen, daß es noch Leute gibt, denen unsere Wiedergeburt in Palästina nicht als Tatsache erscheint. Der Verein Bar Kochba hat seiner Liebe und Dankbarkeit zu 5chatz einen spontanen Ausdruck in der Versammlung gegeben, indem er beschlossen hat, in dem Barkochbahain des Herzlwaldes — den ersten Garten darin zu 100 Ölbäumen hat er vor einiger Zeit schon komplettiert — den zweiten Garten Boris Schatz- Garten zu nennen' und für dessen Ergänzung einzutreten. Eine ganze Anzahl von Bäumen ist schon beisammen, den Rest hofft der Verein sowohl mit Hilfe seiner Freunde, als derer, die speziell Schatz ehren wollen, binnen kürzester Zeit abführen zu können. Bezalel«Ausstellung in Lemberg Den Bemühungen des Herrn Dr. Alexander Hausmann, Obmannes des Palästina-Ausschusses im zionistischen Zentralkomitee für Galizien ist das Zustandekommen einer Bezalel-Ausstellung zu danken, die am 12. Februar feierlich eröffnet wurde. Die Exposition, die eine Woche lang offen war, wurde von der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt und der Provinz mit einem wahrhaften Enthusiasmus besucht und brachte einen immensen moralischen und materiellen Erfolg. Auch bildete sich ein Komitee zwecks Errichtung einer ständigen Verkaufsstellefür die Erzeugnisse des Bezalel in Lemberg und ganz Galizien. Professor Boris Schatz weilte während der ganzen Dauer der Ausstellung in Lemberg und hielt auch vor einem vielhundertköpfigen Publikum einen vom Toynbee-Hall-Verein veranstalteten Vortrag über „Die jüdische Kunst in Palästina". Am 14. sprach er hebräisch im Verein „Tikwah" über „Die jüdische Kultur und Bezalel". Die- Worte des Meisters, der überall Gegenstand herzlicher Ovationen war, wurden mit rauschender Begeisterung aufgenommen. Herr Linden bäum hat ein Stipendium von K 300 jährlich für einen armen Schüler der Bezalelschule gestiftet, um so das Andenken seines in der Kongreßwoche verblichenen Vaters Moses Lindenbaum zu ehren. f v 311 o o o o o o o — o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG JE o o o o o o — 4 o o o o o o Ein Aufruf Ein Komitee in Berlin, bestehend aus den Herren: Dr. Julius Becker, Dr. Martin Buber, Berthold Feiwel, Richard Lichtheim, Davis Trietsch und Dr. S. Soskin, ersucht die „Welt" um den vollinhaltlichen Abdruck eines Aufrufes. Wir kommen zunächst dem Ersuchen nach und teilen mit, daß außer den genannten Herren noch folgende den Aufruf unterzeichnet haben: Dr. Ascher-Dessau, Dr. Elias Auerbach-Haifa, Dr. Israel Au erb ach-Konstantinopel, Herbert B entwich-London, Dr. Qeorg Halpern- Hamburg, Ed. Pool-Hengeloo, Dr. Aron Sandler- Breslau, Wladimir Schabotinski-Konstantinopel, Hugo Schachtel-Breslau, Julius Simon-Mannheim, Dr.. J. Straus-München, Dr. Ch. Weizmann-Manchester und Arnold Wiener-Kattowitz. Der aus Berlin datierte Aufruf hat folgenden Wortlaut: Der Neunte Kongreß, der zu ernster Zeit zusammentrat, hat sich der Bedeutung des Augenblicks und der Verantwortung, die auf ihm ruhte, leider nicht gewachsen gezeigt. Die tiefgreifenden Umgestaltungen innerhalb des türkischen Staatswesens haben die zionistische Bewegung vor Erwägungen und Aufgaben von außergewöhnlicher Wichtigkeit und Tragweite gestellt: Der Kongreß war dazu berufen, über die wichtigsten Objekte der künftigen zionistischen Politik Klarheit zu schaffen, für einen voraussichtlich längern Zeitabschnitt Wegweiser zu sein. Er war dazu berufen, angesichts einer so bedeutsamen wie folgenschweren Veränderung der äußern Umstände, in einem vom Standpunkte unserer Bewegung vielleicht historischzu nennenden Momente alle zionistischen Kräfte zusammenzuschließen. Die zionistische Anhängerschaft sollte, erfüllt von dem Bewußtsein des ganzen Ernstes der Situation, vor ein großzügiges Arbeitsprogramm gestellt werden, dem sie mit einer neuen, machtvollen Anspannung aller Energien im System einer planvollen Arbeitsteilung zu dienen gehabt hätte. Der Neunte Kongreß hat demgegenüber völlig versagt. Er hat nichts anderes vermocht, als den status quo ante beizubehalten. Damit ist ein im höchsten Maße unerwünschter Zustand verlängert worden: Statt einer eindeutigen und klaren Politik müssen wir die Fortdauer eines programmatischen Kurses befürchten, der, von den Nachwirkungen des besonders in der Uganda-Periode kraß hervortretenden „Politicismus" beeinflußt, durch Schwanken, durch Unklarheit, durch seine Vorliebe für ein schon lange unzeitgemäßes Diplomatisieren charakterisiert war. Ein Aktionssystem bleibt aufrechterhalten, das direkt und indirekt die lebendigen und wesentlichsten Elemente zionistischer Tätigkeit, das palästinensische, das nationalkulturelle und realpolitische zurückdrängt und das administrative Moment zum beherrschenden und regulierenden macht. Eine formale Bureautecbnik droht alles Höhere, alle geistigen und seelischen Triebkräfte aus dem Zionismus zu verbannen und eine „Renaissance"-Bewegung in einen Verwaltungsapparat zu verwandeln, dessen automatischer Ablauf das Ringen um eine innere Durchbildung und Kräftigung des Zionismus, die Initative der Einzelnen und der Masse ersetzen soll. Dazu kommt "ein Organisationssystem, das, absolut auf eine Einzelperson eingerichtet, durch die Ausschaltung einer größern Mitarbeiterschaft, vor allem durch die bewußte Ausschließung des östlichen Judentums zur Verkümmerung der in der Organisation ruhenden Machtfaktoren und manchmal fast zur Sterilität führte. Um so beklagenswerter ist es, daß auf dem letzten Kongresse die schroffe und abweisende Haltung gegenüber dem ostjüdischen Elemente eine solche Steigerung erfahren hat, daß auch das innere Gefüge unserer Organisation dadurch aufs empfindlichste gelockert wurde. Es ist jetzt nicht an der Zeit, über Verlorenes lange zu klagen, über Verfehltes sich durch langatmige Kritik zu beruhigen. Man muß vielmehr alle Mühe daran wenden, die schweren Schäden zu beseitigen, und vor allem dafür sorgen, daß in der Periode bis zum Zehnten Kongresse die Bewegung nicht all das büße, was der neunte versäumt hat. Als ein unentbehrliches Mittel hierzu erscheint uns, daß alle die Zionisten, die den gegenwärtigen Zustand für anormal halten, sich zusammenschließen. Die russische und Österreichische Landsmannschaft haben ihrer Mehrheit nach auf dem Kougreß ihren auf eine gründliche Reform hinzielenden Willen bekundet und werden wohl auch jetzt in dem Bemühen fortfahren, ihren Prinzipien zum Durchbruch zu verhelfen. Wir können uns daher darauf beschränken, ohne in die administrative Form der bestehenden Organisationen störend eingreifen zu wollen, —- unsere engeren Gesinnungsgenossen außerhalb Rußlands und Österreichs zu gemeinsamer Aktion aufzurufen, also die mit uns übereinstimmenden Zionisten Deutschlands, Englands, Hollands, Belgiens, der Schweiz, der Türkei, Palästinas, Amerikas und anderer Länder. Wir halten es in diesem Augenblicke für entbehrlich, ein detailliertes Programm aufzustellen. Wir haben vor allem das Aktuellste im Auge und formulieren im nachfolgenden die vier Hauptthesen, die die wesentliche programmatische Grundlage unserer Bestrebungen bilden sollen. Es sind damit zugleich jene unterscheidenden Gesichtspunkte charakterisiert, die, durch die leider so sehr persönliche Zuspitzung der Frage verdunkelt, in Wahrheit der Scheidung der Gruppen auf dem Kongreß zugrundeliegen. I. Die innere Kraft der zionistischen Bewegung beruht auf einer einheitlichen, geschlossenen nationalen Grundanschauung. Sie kann nicht erhalten werden ohne gegenseitiges Verständnis, ohne Zusammenarbeit und ohne fruchtbare Wechselwirkung zwischen Ost und West. Dieser unentbehrliche Zusammenhang, auch früher von der zionistischen Organisation noch lange nicht erreicht, ist in den letzten Jahren auf das empfindlichste geschwächt worden. arbe Gru