Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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jahrhundertelang verschlossen hielt, und sie wendet die Dinge nach allen Seiten. Sie sucht so lange, bis sie findet, daß das Gute schlimm und das Schlimme gut, daß das Leben Tod und der Tod Leben ist. Jedenfalls gehört eine gewisse Höhe der geistigen Kultur dazu, um am Spiel mit dein Paradoxen sein Ergötzen zu finden. Und es ist nicht zu leugnen, daß zuweilen auf dem Umwege über das Paradoxe das Bessere und Wahrere, das heißt Glaublichere, weil sachlich Richtigere, gefunden worden ist. Es war zunächst ein Paradoxon, daß die Sonne stillstand und die Erde sich bewegte. Der Dialektiker und geistreich spielende Paradoxist Nordau ist nicht der Zionist Nordau. Aber die beiden Charaktere sind doch nicht gänzlich von einander getrennt; sie können auch nicht getrennt sein, weil sie sich in dieser merkwürdigen und ganz modernen ' Persönlichkeit zusammengefunden haben. Nordaus Exterieur hat sich in einem Arbeits- und Kämpferleben beinahe zu dem eines Erzvaters und Propheten herausgebildet Ein kühn und scharf geschnittenes, großzügiges Gesicht, das sich in gesunder Röte über Schädel Wölbung und Mittelhaupt fortsetzt, wird unten umrahmt von einer weißen Bart- und Haarfülle. Beinahe ein Erzvater und Prophet. Die große und gemessene Würde eines solchen wird unterbrochen von raschen und lebendigen Bewegungen, zum Zeichen dafür, daß dieser Vielerfahrene zwar die Autorität eines reichen Geistes für sich in Anspruch nimmt, daß er aber stets zur Aufnahme von Neuem, zur Abwehr von Ungerechtfertigtem bereit ist. Max Nordau ist nicht alt und olympisch abgeschlossen, sondern er wird merkwürdig jung, Beifall und Zustimmung suchend, die Wirkung seiner Pointen beobachtend, wenn er spricht. Er ist ein . Redner toujours en vedette. Auf Posten gegen sich selbst und gegen die Einwürfe anderer. , Und dennoch erhebt sich Nordau, der Zionist, aus aller Skepsis und aller Vielfältigkeit der eigenen Ansichten heraus zu einem reellen und mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragenen Glaubensbekenntnis; er glaubt an die Zukunft des Judentums als Nation, als Rasse, als Glaubensgemeinschaft. Er fühlt sich darin eines Sinnes mit einem zwar noch kleinen, aber kernhaften Teil der Gesarntjudenheit, insbesondere mit einer intellektuellen jungem Generation des „westlichen" Judentums in Europa und Amerika. Und er meint, das 20. Jahrhundert werde dem Judentum bringen, was das 19. und ein Teil des 18. Jahrhunderts eingeleitet und versprochen. Unser im Anfang stehendes Säkulum und das verflossene bedeuteten eine Wende in der Geschichte des jüdischen Volkes, wie die Zerstörung des zweiten Tempels und die Wanderung ins Exil eine war. Diese vor fast zwei Jahrtausenden war düster und verhängnisvoll, jene in unserer Zeit wird .zu neuem Heil führen.' In großen Zügen gab Nordau eine Übersicht über die Geschichte der Juden und ihrer geistigen und rechtlichen Zustände in der Zerstreuung. Rechtlos hielt sich das Volk aufrecht in einer Welt, deren einzelne Völker und Volksgruppen sich ihre Rechte mit dem Schwert erkämpften und behaupteten. Die Christenheit betrachtete die Heimatlosigkeit und Rechtlosigkeit der Juden als ewige Strafe für die unerhörte und ungesühnte Missetat, daß sie den Heiland ans Kreuz geschlagen, in keiner Volksgemeinschaft gingen die Juden auf, wie etwa andere, die Heimat verlassende Volksstämine. Nie wurden sie förmlich in eine Rechtsgemeinschaft aufgenommen oder bildeten eine Rechtsgemeinschaft für sich, wie es sonst sogar fahrende Leute taten. Sie lebten ihr Dasein für sich, gleichsam in einem halluzinatorischen Traumzustand. Wenn sie von ihren alten heiligen Büchern aufsahen, so teilte sich der Nebel, der schon den nächsten Tag ihres Daseins in Ungewißheit und Dunkel hüllte, und sie sahen den Messias, wie er sie in die alte Macht und Herrlichkeit einsetzte. So verträumten die Juden, nach Nordau, das Mittelalter. So wurden sie Gegenstand der grausamsten Verfolgung. Ein Glück für ihren Bestand als Volk war es, daß die Verfolgungen nicht planmäßig geschahen, und daß sie ohne politische Zentren in der Zerstreuung lebten. Man konnte nur einzelne Teile vernichten, nicht das Volk in seinem Lebenskern treffen. Die Renaissance, die Reformation und Gegenreformation brachten keine Änderung des Loses der Juden. Nur ganz von ferne hörten sie in ihren Ghetti das Brausen der neuen Zeit, den Huttenschen Jubelruf: Es ist eine Lust, zu leben! Die große Wende begann mit dem Erwachen der modernen Naturwissenschaften und der Aufklärung. Mit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden die Juden von verschiedenen abendländischen Staaten als nützliche Bürger aufgenommen, nachdem z. B. Friedrich der Große erklärt hatte, daß in seinen Ländern jeder nach seiner Fasson selig werden könnte. Nordau ging hier bei seinem geschichtlichen Rückblick weniger auf die rechtlichen und wirtschaftlichen Fortschritte in der Stellung der Juden während des 19. Jahrhunderts ein, sondern er verfolgte ihre Stellung zu den geistigen Bewegungen der Zeit. Er erinnerte u. a. an Lessings Nathan und den hervorragenden Kantkritiker Maimon, an den Freund Lessings Moses Mendelssohn. Er wies hier auf die Stellungnahme Napoleons zu den jüdischen Gemeinden; der rücksichtslose große Realist wollte nichts Geringeres erzielen als eine völlige Verschmelzung des jüdischen Volks mit der französischen Nation seines Kaiserreichs. In unsern modernen Staaten, außer in Rußland und Rumänien (entgegen den Bestimmungen des Berliner Vertrags von 1878), ist die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden durchgeführt. Anfangs unter dem neuen Rechtszustand schien es, als ob die Juden sich völlig mit dem Wirtsvolk verschmelzen wollten, und als ob eine Judenfrage überhaupt nicht mehr existierte. So war es namentlich in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Da setzte plötzlich, seit 1880, eine starke antisemitische Bewegung ein, die die jüdischen Staatsbürger, nachdem sie alles geleistet wie die andern, völlig überraschte, und die sie wieder zum Bewußtsein ihrer Besonderheit als Volk brachte. Mit sarkastischer Schärfe wandte sich der Zionist Nordau gegen die Taufjuden, gegen die Indifferenten, gegen die sogenannten Missionsrabbis. Die ersten seien vom Antisemitismus ebensowenig verschont geblieben, wie die zweiten, die zu dem Worte Veranlassung gegeben haben, daß die jüdische Religionsgesellschaft überhaupt nur aus Atheisten bestände, und die Missionsrabbis lehrten im Grunde nur dasselbe, was die christliche Kirche auch lehre: die ewige Zerstreuung des Volkes bis zum jüngsten Tag. So kam Nordau zu dem von Begeisterung getragenen Schlußwort, daß nur die (zionistische) Sammlung der nationalen Kräfte das Heil des Volkes bedeute. — Endloser, lautester Beifall belohnte den Redner. Bei der Hamburg-Amerika-Linie Anläßlich des Zionistenkongresses hatte die Hamburg-Amerika- Linie die Kongreßteilnehmer zu einer Hafenrundfahrt und einem Besuch der Auswandererhallen sowie Besichtigung des Dampfers „Amerika" eingeladen. Gegen 400 Zionisten hatten dieser Einladung Folge geleistet, an ihrer Spitze der Vizepräsident des Kongresses, Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenheim er aus Köln. In Flaggengala lag der Dampfer „Willkommen" an den St. Pauli- Landungsbrücken bereit und führte seine Gäste, bei herrlichstem, frischem Winterwetter und leuchtendem Sonnenschein durch verschiedene Hafenteile, deren imposantes Leben und Treiben die Fahrtgenossen, denen sich teilweise ein solches Bild zum ersten Male darbot, zu freudiger Bewunderung hinriß. An der Veddel wurde gelandet und unter sachkundiger Führung eine eingehende Besichtigung der Auswandererhallen mit ihren zahlreichen sanitären und gemeinnützigen Einrichtungen, ihren freundlichen Gassen und behaglichen Wohnräumen vorgenommen. Bei den Klängen der Musik drehte sich gerade ein Trupp Auswanderer im Kreise. Wie mannigfaltig die Nationalität der zeitweiligen Bewohner der Auswandererinnen auch war, so war doch das Bild der Betrachter noch bunter; denn Russen und Amerikaner,. Österreicher und Franzosen, Engländer, Italiener und Türken, und zwar Männer und Frauen, hatte der Kongreß versammelt, und sie betrachteten nun das saubere Städtchen, daß die Hamburg-Amerika-Linie da draußen geschaffen hat. Dann gings nach den Kuhwärder Häfen, wo die „Amerika" lag. Auch sie hatte über die Toppen geflaggt. Von Deck zu Deck zogen die Besucher, taten einen Blick in die Kammern und Säle, insbesondere aber auch in das Zwischendeck und vereinigten sich schließlich im Rauchsalon erster Klasse zu einem Imbiß. Dann brachte die „Willkommen" die Gäste wieder zu den Landungsbrücken, der schönsten Eindrücke voll. Welche Freude sie erfüllte, ergibt sich daraus, daß sie auf dem Dampfer spontan die zionistische Nationalhymne „Ad lo owdoh tikwosseinu" anstimmten, unter deren Klängen sie auf St. Pauli landeten. Bekanntlich war während des Kongresses ein von jüdischer Seite ausgehender Angriff gegen den Zionismus in Hamburg erschienen, auf den auch in den Kongreßverhandlungen von Herrn Dr. Bodenheimer bezug genommen wurde. (Nr. 00, Seite 00.) Die Notiz war so geformt, daß sie den Eindruck erwecken mußte, sie stamme von offizieller jüdischer Seite. Um so bemerkenswerter ist nachfolgende Erklärung, die wir im „Hamburger Fremdenblatt" vom 4. Januar finden: „Wir erhalten vom Vorsitzenden des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Herrn Levin Lion, folgendes Schreiben: „In Veranlassung des in Ihrem werten Blatt vom 31. Dezember vorigen Jahres enthaltenen Artikels „Ein Intermezzo auf dem Zionismen-Kongreß" beehrt sich der ergebenst Unterzeichnete, Ihnen mitzuteilen, daß der Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg dem in dem Artikel erwähnten öffentlichen Angriff gegen den Zionismus absolut fernsteht." Herr M. L. Genussow, Delegierter der Cape Peninsula (Südafrika), bittet uns, mitzuteilen, daß er infolge des am 25. Dezember erfolgten Todes^seiner Mutter verhindert war, am Kongreß teilzunehmen.