Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 45)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316405--52727-3346484
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Um die Wirkung der schriftlichen Agitation zu vertiefen, nahm das Zentralkomitee auch die Hilfe der Presse in erhöhtem Maße in Anspruch. Dieses war um so schwieriger, als die unerfreulichen Verhältnisse sowohl die beiden in jüdischer Sprache erscheinenden Zeitschriften „Das Jüdische Volk" und ,;Zion" wie auch die in polnischer Sprache erscheinende Wochenschrift „Zycie Zydowskie" zur Einstellung ihres Erscheinens gezwungen hatten. Mit um so größerm Nachdruck wurde daher das in russischer Sprache erscheinende offizielle Organ der russischen Organisation ^Rasswjet" gepflegt. Seine Verbreitung hat sich daher auch in der Berichtszeit verdoppelt. Im Dezember 1907 wurde auch der „Ha Olam" nach Wüna übertragen, und entwickelte sich bald zu einem kräftigen Hilfsmittel der hebräischen Agitation. Von entscheidender Bedeutung für die schriftliche Agitation war auch der Verlag?;Kadimah", anfangs in Odessa, später in Wilna, der insbesondere durch die von ihm herausgegebene, von Dr. Sapir begründete „Kopeken-Bibliothek" der Agitation geradezu unschätzbares Material lieferte. In dieser Bibliothek erschienen 13 Broschüren in hebräischer, jüdischer und russischer Sprache, in denen alle Fragen der Bewegung eingehend behandelt wurden und die in kolossalen Auflagen zum Preise von 1 Kopeke das Stück zum Vertrieb gelangten. Die Broschüren der „Kopeken-Bibliothek" wurden übrigens auch von den nichtrussischen Organisationen sehr stark bezogen. Besondere Erwähnung verdient auch die in der sogenannten „Tatsprache" herausgegebene Broschüre über den Zionismus, die für die kaukasischen Bergjuden bestimmt ist. Diese Broschüre bildete neben einem zu gleicher Zeit erschienenen Gebetbuch überhaupt die erste Druckschrift in der Tatsprache, die mit hebräischen Lettern gedruckt ist. Augenblicklich ist auch eine Broschüre in grusinischer Sprache für die Juden in Grusien in Vorbereitung. Außer diesen Broschüren und Zirkularen verbreitete das Bureau in sehr großer Auflage eine Reihe von Flugblättern und Aufrufen für den Schekel, die Bankpropaganda usw. Die meisten dieser Flugblätter mußten in den drei Sprachen: Hebräisch, Jüdisch, Russisch erscheinen. Selbstverständlich wurde unter der schriftlichen die mündliche Propaganda nicht vernachlässigt. War sie in den ersten Jahren der Berichtsperiode etwas schwach, so wurde sie im zweiten Jahre um so belebter. Natürlich waren die Schwierigkeiten, die der schriftlichen Agitation entgegenstanden, für die mündliche noch fühlbarer. Hier waren nicht nur die äußern Umstände hinderlich, es fehlte auch an der genügend großen Anzahl Kräfte, um der außerordentlich starken Nachfrage entsprechen zu können. Von allen Seiten wurde betont, daß die schriftliche Propaganda allein keineswegs ausreiche, und daß es zur Erhaltung der Organisation und zur Verbreitung der zionistischen Ideen unbedingt, erforderlich sei, Wanderredner in großer Anzahl zu entsenden. Soweit die Kräfte und Mittel dazu vorhanden waren, wurde diesem Ersuchen entsprochen, und es wurde ein ausgedehnter Vortragsdienst eingerichtet, Versammlungstourneeh unternommen usw. usw. Besonders hervorgehoben verdient die Tatsache zu werden, daß sich gerade für diese mühevolle und zeitraubende Arbeit unter den Vorstehern der russischen Organisation eine große Reihe freiwilliger Kräfte bereit fand. Auf diese Weise war es möglich, außer den Sekretären des Centrai- Bureaus 27 freiwillige Mitarbeiter regelmäßig an die verschiedensten Orte zu entsenden. Auch die Beauftragten des Odessaer Chowewe-Zion-Komitees stellten sich bereitwillig in den Dienst dieser Agitation. Bemerkenswert ist, daß besonders aus Kaukasien und Mittelasien zahlreiche Gesuche um Entsendung von Agitationsrednern eingingen. In allen diesen Briefen wurde betont, daß hier noch ein großes Feld für die zionistische Arbeit sei. Es bedürfe nur der Entsendung hebräisch sprechender Redner, um hier große Massen für den Zionismus zu gewinnen. Der Zionismus sei in diesen Gebieten latent. Die jüdische Bevölkerung habe ein ausgesprochenes Interesse an Palästina, und zwar ein Interesse rein praktischer Natur. Ein großer Teil dieser Juden will nämlich gerne nach Palästina auswandern und ist daher für zionistische Aufklärungsarbeiten, besonders über die palästinensischen Institutionen, sehr empfänglich. Das Zentralkomitee behandelte diese Gesuche mit großer Aufmerksamkeit. Es steht in Unterhandlungen mit verschiedenen Seiten in Palästina, um von dort aus die für diese Agitation geeigneten Kräfte zu erhalten. In den Rahmen der mündlichen Agitation fallen auch die zahlreichen jüdischen Kunst ab ende, die an vielen Plätzen veranstaltet wurden. Der agitatorische Erfolg derartiger literarischer und musikalischer Veranstaltungen war im allgemeinen größer und nachhaltiger als der der Agitationsversammlungen. In letzter Zeit hat auch, insbesondere unter dem Einfluß der Umwälzung in der Türkei, die jüdische Jugend, die während der letzten Jahre durch den politischen Kampf dem Zionismus etwas entfremdet war, wieder lebhafteres Interesse für unsere Sache gezeigt. Die Arbeiten der nächsten Zeit werden gerade diesen Punkt besonders beachten müssen. Organisatorisch hat sich im russischen Zionismus in der Berichtszeit wenig geändert. Gemäß den Helsingforser und Haager Beschlüssen wurden an verschiedenen Orten besondere Schekelkomitees eingesetzt, die durchweg gut gearbeitet haben. Indessen erwies es sich an den meisten Plätzen als unmöglich, diese Einrichtung durchzuführen. Allgemeine Delegiertentage konnten wegen der äußern Hemmnisse in der Berichtszeit nicht abgehalten werden. Dagegen wurde eine Reihe von Gouvernementskonferenzen veranstaltet, Einrichtungen, die sich als sehr befruchtend und wirkungsvoll erwiesen. Die erste dieser Konferenzen fand im November 1907 in Kowno statt und war von 25 Delegierten besucht, die 12 Städte vertraten. Nach dem Vorbilde dieser Konferenz wurden dann noch mehrere andere veranstaltet, für die Gouvernements Podolien, Siedice, Poltawa, Radom, Wolhynien, Kiew usw. Diese Konferenzen entsandten regelmäßig Instruktoren und Organisatoren in die verschiedenen Plätze, die eine ausgedehnte Tätigkeit entfalten konnten. Leider hatte das Zentralkomitee für diese wichtige Seite der Arbeit keine Mittel zur Verfügung. Die finanzielle Lage der Organisation war insofern nicht ungünstig, als die im Budget vorgesehenen Einnahmen in Höhe von 30 000 Rubel für die beiden Jahre erreicht wurden. Nichtsdestoweniger machte sich die Knappheit der Mittel oft störend fühlbar. Die Schekeleinnahmen sind im Laufe der letzten vier Jahre XXIII

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.