Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRO. KÖLN, 13. August 190* \y\inb D Wc* 1*2 No. 33 DER NATIONALFONDS ALS ERZIEHER Die so populäre Institution des Nationalfonds findet in der Regel ihre sachliche Behandlung vornehmlich in den letzten Spalten dieses Blattes. In den scheinbar trockenen Zahlen der Spendenausweise ist jedoch soviel verborgene Hingebung, Liebe und Enthusiasmus weiter jüdischer Volkskreise enthalten, daß es wohl der Mühe wert erscheint, sich einmal auch die Struktur dieser Kreise zu vergegenwärtigen, die mit unermüdlichem und wachsendem Eifer an der schönen Mosaikarbeit des Nationalfonds beteiligt sind. Man wird hieraus nur frische Kraft schöpfen, um sich dauernd auf der Höhe unseres großen Ideals zu behaupten und an dessen Verwirklichungsmöglichkeit in keinem schwachen Augenblick zu zweifeln. Welche Schichten sind es, die mit wahrem Bienenfleiß an der Vermehrung unseres Volksschatzes arbeiten? Es sind nicht die Reichen unseres Stammes, ja nicht einmal in beträchtlichem Maße die Wohlhabenden; zumeist sind es die Minderbemittelten, ja die Ärmsten, die regelmäßig mit ihren Beiträgen den Nationalfonds bedenken. Erhebender noch als die Leistungen der Spender, ist die Arbeit der Sammler, die sich fast durchweg aus unserer Jugend rekrutieren, die Herzl treffend „unsere Hoffnung" genannt hat. Man muß nur einmal, namentlich im Osten, gesehen haben, wie unsere jungen Studenten und Mittelschüler auf Hochzeiten und sonstigen Familienfesten, in den Bethäusern und äuf Friedhöfen mittels Büchsen und Marken unsere kleinen, schwer um ihre Existenz ringenden Leute durch ihren Enthusiasmus hinreißen und zur Opferwilligkeit begeistern. Wer sich dieses Bild vor Augen hält, der wird in den N.-F.-Ausweisen nicht mehr bloß trockene Zahlen erblicken. So erfreulich das stetige Anwachsen des Fonds ist, so wird der wahre Volksfreund doch auch einen andern überaus wichtigen Faktor nicht übersehen dürfen. Wir meinen das erzieherische Moment. Jawohl, der Zionismus ist vor allem der große Volkserzieher, nicht nur dort, wo er den breiten Massen Toynbee- und Lesehallen, hebräische Schulvereine und eine jüdische Presse, politische Aufklärung und höhere Schulen bietet. Er ist auch dort Erzieher, wo er nicht als Geber, sondern scheinbar als Nehmer dem Volke gegenübertritt. Ist es nicht ein erhebender Gedanke, daß soviele Tausende Juden in aller Welt sich dauernd und frei- ' willig eine Volkssteuer auferlegen, bei der als Steuererheber unsere hoffnungsvolle Jugend fungiert! Und dieser Jugend gegenüber verschließt sich kein warmfühlendes jüdisches Herz. Mögen es Männer oder Frauen, Alt oder Jung, Sephardim oder Aschkenasim, Fromme oder Unfromme, „Oestier" oder „Westler" sein. Mit der Länge des Goluth nahm die Differenzierung und Zersplitterung der jüdischen „Zedakah" fortwährend zu. Wenn der Jude wohltätig war, so widmete er eine Spende seinem Bethause, einem Hospital und wenn es hoch ging, der Gemeinde. Darüber hinaus ging sein Horizont nicht. Da tritt nun der Zionismus als Erzieher auf und einigt alle Juden in der Opferwilligkeit für eine Idee, die dem Einzelnen keine momentanen persönlichen Vorteile bietet, sondern deren Verwirklichung einst dem ganzen Volke zugute kommen wird. Eines ist freilich wahr, das Können dieser zahlreichen aber leider ungenügend bemittelten Schichten steht noch in keinem entsprechenden Verhältnis zu ihrem heißen Wollen. Es ist die alte Geschichte. Die Reichen und Großen in Israel, die könnten, wollen nicht. Und die Armen, die wollen, können noch nicht. Wir sagen, noch nicht, denn es ist ein Irrtum zu glauben, daß ein Volk nicht kann, wenn es ernstlich will. Daß dieser Wille aber vorhanden ist und immer stärker wird, dafür legt die wachsende Popularität des Nationalfonds unwiderlegliches Zeugnis ab. Es wäre aber auch weit gefehlt anzunehmen, daß unsere Reichen auf die Dauer ein uneinnehmbares Bollwerk bilden werden. Wohl sehen wir mit schmerzlichem Neid, wie bei andern Völkern, namentlich den kleinern, die durch Besitz und Einfluß Mächtigen an der Spitze marschieren. Wer die Geschichte der nationalen Bewegungen kennt, weiß jedoch, daß in den meisten Fällen die Reichen sich erst dann einzustellen pflegen, wenn bereits die großen Massen des Volkes ihre nationale Lebens- und Widerstandskraft unzweideutig bekundet haben. l