Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 \/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 27. Dezember 1907 tmrt üWtf HDD d"d No. 51. 1907 Die bürgerliche Zeitrechnung eignet sich ausschließlich für eine Betrachtung über die Lage der Juden unter den Völkern. Es ist ein trauriger Rückblick. Biutäugig, flammenumweht glotzt der Pogrom mit seinem Medusenhaupte aus den Ereignissen von 1907 hervor. Schwere Leiden bedrängten unsere Brüder in Rumänien. Nach einer Reihe roher Überfälle, die, wie es heißt, nicht ihnen, sondern anderen galten, die sich aber nichtsdestoweniger in ihre Haut eingebrannt haben, wurdb die gesetzgeberische Axt gewetzt, um den Stamm ihrer wirtschaftlichen Existenz durchzusägen. Grauenvoller gestaltete sich die Lage in Rußland. Die Pogrome wurden chronisch, die Banditenstreiche der Echtrussenhorden in Odessa alltäglich. Ruchlose Hände, oder der harte Zufall, braute ein Feuermeer, das viele alte Gemeinden zerstört hat Und das traurigste: „Die Ideale sind zerronnen,Ä Anfang 1907 schien die Gleichberechtigung nahe und wie weit entfernt scheint sie jetzt! In Marokko ließ das Jahr unsere Brüder von den wildesten Schlägen eines mordgewohnten Pöbels gepeitscht, geschändet und entseelt, scharenweise nach den Hauptstädten fliehen und fesselte in Persien eine Revolution an einen goldenen Traum der Freiheit. Das Elend, der Schandfleck ist geblieben, das Freiheitsmärchen verschwand. Um ein gastliches Dach flehen die irregehenden Wanderer. Sie glauben, daß das Recht des Gastes, welches man auch unter den Wilden ehrt, sie schirmen wird. Hunderttausende strömen nach den lichten Ufern einer neuen Welt. Aber es entsteht eine Frage der Einwanderung und sie wächst wie eine Lawine. Man hört vorläufig nur Worte dieser Frage, aber das sind Donnerschläge. Langsam beginnt man Maßregeln gegen den Einlaß zu ergreifen. Es wird auch tatsächlich eng und enger; man sucht künstlich zu zerstreuen, aber die Knäuel ballen sich zusammen. Man will, ja man muß dem Unglücklichen rauben, was ihm am teuersten ist: seine Geselligkeit. Und er windet sich, wie ein Wurm, dem man sein einziges Gut nehmen will. Auch im Westen ist es nicht rosig, Wenn man noch optimistisch ist, so ist man es vor Feigheit. Der deutsche Judentag hat die Lage der Gleichberechtigung geschildert. Nur die Jeremiaden kann die Jahreschronik verzeichnen. In Österreich ein Erfolg jüdischer Wahlen, das Keimen neuer Kräfte zum Rechtskampf, gewiß erfreuliche Keime — auf die Früchte muß man warten. Im selben Österreich hat der Antisemitismus eine nie geahnte Höhe erreicht, das galizische Elend dauert an. Traurig ist das Fazit. Und wenn wir die Kraft und die Ausdauer zum unermüdlichen Lebenskampf finden, so finden wir sie nicht in den äußeren Verhältnissen, die vielleicht nie so trostlos waren, sondern in uns. A \ 1*