Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 27 DIEWELT 17 üdischem Gebiete angesiedelt zu werden. In und um Jemma, in Qalilaea. zwei Stunden von Tiberias und vom Berg Tabor ebenso weit entfernt, gab man ihnen Land. Der Gesundheitszustand der dort angesiedelten Juden ist ein recht günstiger, wenn auch die Malaria in ihren leichten Formen häufig auftritt. Die russischen Bauern aber wiesen bald eine Reihe tödlich verlaufener Malariafälle auf. Dadurch wurden fast alle derartig entmutigt, daß sie das Land verließen. Diese Tatsache ist so interessant, daß man an ihr nicht ohne den Versuch, sie sich zu erklären, vorübergehen kann. Bekannt ist von den Tropen, daß^ sich hier die Nordländer nicht recht akklimatisieren können und nach dem dritten Geschlecht aussterben. Auch betreff der Deutschen in Palästina stand schon ein ähnlicher Hinweis in „Alt-Neuland". Allerdings können noch andere Gründe mitgespielt haben, wie der Alkoholmißbrauch, dem sich jeder russische Muschik hingibt und der sicher mit der Zeit die Widerstandfähigkeit gegen jegliche Infektion bedeutend reduziert. Ob mit der Zeit eine stärkere Anpassung hätte erfolgen können, laßt sich an der kleinen Zahl der Zurückgebliebenen rückschließend wohl kaum sagen. Die Zähigkeit der Geriin war jedenfalls nicht so groß wie die der Juden von Chederah, der bekannten jüdischen Sumpfkolonie. Bei dem Dutzend der noch in Palästina weilenden Gerini erübrigt sich die Frage, ob durch sie eine rasche physische Regeneration der Juden und die Vermählung mit dem mütterlichen Grunde erfolgen würde. Im allgemeinen sonderten sich schon auf den Auswanderern-' Schiffen die Palästinafahrer, die Juden aus Nord- und Südrußland, aus Galizien, der Bukowina wie Rumänien — sie bildeten ein Ganzes. Und auch in Palästina lebten und leben die Gerim für sich. Heute allerdings besucht ihre Jugend die jüdischen Dorfschulen und lernt Hebräisch und beherrscht den Jargon. Die erwachsenen Töchter werden meist Dienstmädchen. Alle sind fromm und leben nach den jüdischen Satzungen. Wenn auch ihre Kolonisationstätigkeit Schiffbruch erlitt und ihre Bedeutung für das große Ganze geschwunden ist, so kann vielleicht doch ihr eigener Entwickelungsgang uns noch die eine oder andere Überraschung bringen und die Wissenschaft um einige interessante Daten bereichern. Felix Theilhaber, München.; O0 _ *=^^L NACHRICHTEN Rumänische Barbareien Die „Vossische Zeitung" schreibt: „Man sendet uns die Obersetzung eines Artikels der rumänischen „Cronica Israelita" mit der Schilderung eines Vorganges, den man für unmöglich halten würde, wenn es sich nicht eben um Rumänien handelte, das Rußland den ■raurigen Ruhm streitig machen will, in Barbarei und aller Menschlichkeit verleugnender Grausamkeit die Führung zu haben. Wir wünschen die Aufmerksamkeit der ganzen gesitteten Welt auf den in dem Artikel geschilderten Vorgang zu lenken; vielleicht daß der Widerhall, den dieser weckt, den für die Ehre des halbasiatischen Barbarenstaates verantwortlichen Personen die Schamröte ins Gesicht treibt." Der Artikel selbst lautet: Aus Dorohoi wird uns geschrieben: „Daß die Juden der Moldau während der Bauernaufstände wie durch ein Wunder von einem Massenmassacre verschont blieben, wollen ihnen manche hier nicht verzeihen. Deshalb durchleben die Juden der Moldau jetzt sehr kritische Augenblicke. Täglich haben wir neue Verfolgungen, Miß- Bräuche und Torturen zu verzeichnen, über welche mit Schweigen hinweggegangen wird, aus Furcht, sie könnten die Lage der unglücklichen Juden noch verschlimmern, welche, wie es scheint, jedes Recht auf den Schutz der Gesetze verloren haben. Man schaudert, wenn man von den russischen Metzeleien und Brutalitäten hört, aber was wir weiter unten zeigen, beweist, daß, was die Grausamkeit betrifft, sich unser Land gar nicht von dem unterscheidet, was im Lande der heiligen Knute vorgeht. Folgendes hat sich in Dorohoi im 20. Jahrhundert ereignet: Freitag, am 5. Mai, befahl der Kommandierende des 8. Infanterie-Regiments Drogosch Nr. 29, Oberst Maresch, begleitet von seinem Gehilfen, Oberstleutnant -Minkulesku, das ganze Regiment, Offiziere, untere Chargen und Soldaten, möge ausrücken und vor den Kasernen unweit der großen Chaussee ein Karree unter freiem Himmel bilden, — als ob er eine Ansprache an das Regiment halten oder einen Tagesbefehl an dasselbe verlesen wollte. Zur größten Überraschung der jüdischen Soldaten befahl aber der Kommandant, diese möchten aus der Front vortreten und sich entkleiden. Die jüdischen Soldaten standen nackt da. Ein Feldwebel, der einen Knüppel schwang, erschien plötzlich vor der Truppe. Darauf erhielten sechs christliche Soldaten den Befehl, aus der Front zu treten. Darauf, auf ein Zeichen des Obersten, ergriffen diese christliche Soldaten einen der jüdischen und warfen ihn zur Erde. Drei halten ihm den Kopf, drei die Füße, und der Feldwebel bearbeitet ihn mit dem Knüppel. Vergeblich schreit und fleht der mißhandelte Soldat; vergeblich schreien auch die anderen jüdischen Soldaten, welche ein gleiches Schicksal erwartet; vergeblich alarmieren sie die vorübergehenden Zivilisten, die gerade des Weges kamen . . . Das Blut fließt in Strömen aus den Körpern von acht unglücklichen jüdischen Soldaten. Sie werden ohnmächtig, aber die Mißhandlung wird fortgesetzt, bis sie halbtot in die Kaserne oder in den Arrest getragen werden. Alles dies wurde unter dem Vorwande gemacht, die Juden leisteten nicht den richtigen militärischen Dienst, sondern gingen auch nach Hause. Nachdem die geschilderten Grausamkeiten vollzogen waren, wurde befohlen, daß alle christliche Soldaten, welche sich kräftig spüren, vortreten sollen. Diese traten in großer Anzahl vor (da es sich herumsprach, es handle sich um die Tötung der Juden), und es wurde ihnen befohlen: jeder soll die Überwachung von drei Juden übernehmen, sie Tag und Nacht nicht aus dem Auge lassen, sie in den Kasernen und außerhalb derselben beobachten, und wenn einer von ihnen auch nur das kleinste Vergehen sich zu Schulden kommen ließe, soll er aufs Haupt geschlagen, getötet oder erschossen werden. Dies alles auf die Verantwortung der Vorgesetzten. Jeder wird die Situation der jüdischen Soldaten in diesem Regimente begreifen. Wir wollen keine Kommentare machen, aber wir fordern vom Kricgsminister eine Untersuchung, nicht etwa weil wir auf Gerechtigkeit hoffen. Wir wissen allzu gut, daß man wegen einiger Juden nicht einen Obersten strafen wird. Um aber die Geister und die Atmosphäre zu beruhigen, die sich in der Kaserne gegen die jeden Augenblick in ihrem Leben bedrohten jüdischen Soldaten gebildet hat, veröffentlichen wir diese Tatsachen." Die Legalisierung der russisch=zionistischen Organisation vor dem Senat Im russischen Blatt „Sew.-Sap. Golos" ist eine Verfügung des Senats vom 1. Juni No. 5186 abgedruckt folgenden Inhalts: Nach Anhörung des Rapports des Ministers des Innern, der die Aufhebung des Mehrheitsbeschlusses der Minsker Gouvernement- Verwaltung verlangt, wronach die Registrierung des Zionistischen Vereins gestattet werden soll, und des weiteren nach Anhörung des Oberprokurors — hat der Senat wie folgt befunden: 1. Wie aus dem Berichte des Ministers des Innern ersichtlich ist, zeigt die Tätigkeit der zionistischen Organisationen das Streben, die jüdischen Massen abzusondern mit dem Zwecke, aktiv anzukämpfen gegen die jetzt geltenden Bestimmungen des Rechtslebens, was zur Verschärfung der nationalen Feindseligkeit gegen die eingesessene Bevölkerung führt. 2. Deswegen muß jede Organisation der Zionisten in Vereinen als nicht erlaubt angesehen werden laut dem klaren Sinn des Art. 6 der vorläufigen Rechts Verfügungen. Indem wir daher die vom Minsker Gubernium getroffene Verfügung, den „Minsker zionistischen Verein" zu registrieren, als ungesetzlich befinden, hat der Senat beschlossen: Diese Verfügung aufzuheben und hierüber dem Minister des Innern einen Ukas zuzustellen. Der „Warschawskij Dniewnik" vom 2. Juli berichtet in der gleichen Angelegenheit: „Der Senat hat sich wie folgt ausgesprochen: Da aus den vom Ministerium des Inneren vorgelegten Mitteilungen ersichtlich ist, daß die zionistischen Organisationen die Absonderung der jüdischen Volksinassen zum Zwecke des aktiven Kampfes gegen die gegenwärtige Rechtslage der Juden erstreben und damit den Iiass gegen die autochthone Bevölkerung entfachen, so müssen alle zionistischen Organisationen verboten werden." Briefkasten der Redaktion Landeskonferenz, Bielitz: Herzlichen Dank, Zionsgruß. W. Infolge der ausführlichen Berichterstattung über den österreichischen Zionistentag mußten zahlreiche Einsendungen, insbesondere zur Rubrik: „Aus der Bewegung", zurückgestellt werden. Aus technischen Gründen mußte ferner der National» fonds Ausweis für die nächste Nummer reserviert werden. Redaktion: Berthold Feiwel. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln,