Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-04-19 · 16 (19.4.1907) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316259--49213-3344167
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

No. 16 DIE^ELT 17 und Verbandssteuer rechtzeitig abgeführt und ihre Mitgliedsliste eingesandt haben. Wir werden im Interesse der Parteidisziplin diese Vorschrift strengstens handhaben. Jeder Verein hat bis 21. er.-einen Tätigkeitsbericht an uns abzusenden. Als Gast kann jeder Zionist an der Tagung teilnehmen. Gesinnungsgenossen! Wir erwarten, daß alle Vereine ihren Parteipflichten rechtzeitig nachkommen und der Distriktstag eine imposante Beteiligung aufwe:sen wird. Mit Zionsgruß : Das Innerösterreichische Distriktskomitee. Dr. Isidor Margulies, Emil Stein, Obmann, Schriftführer. Eine Konferenz der Talmudjünger in Galizien Wie die „Welt" bereits berichtet hat, haben sich in Galizien die jungen Leute des Beth-Hamidrasch und der Jeschiboth in einer Organisation zusammengeschlossen, die den Namen „Haschachär" führt und sich zum Basler Programm bekennt. Am verflossenen Chol-Hamoed Pessach fand nun in Debica (Galizien) eine Konferenz der Bachurim statt, in der die Wünsche und Bestrebungen - der Thora lernenden Jugend besprochen und Anstalten getroffen wurden, die Organisation „Haschachär" zu befestigen. Es waren 30 Delegierte aus folgenden Städten anwesend: Zolkiew, Premysl, Rzeszow, Jaslo, Pilsno, Debica, Tarnob rzeg, Tarnow, Krakau, Chrzanow. Die Konferenz wurde abgehalten im „Hotel Bornstein". Auch viele Gäste waren erschienen. Eröffnet wurde die Konferenz von Herrn Moses Wiesen fei d mit einer hebräischen Ansprache, in welcher er auf die Notwendigkeit und den Nutzen einer Organisation der Bachurim hinwies. Es wurden dann die Herren Moses Wiesenfeld iRzeszow) zum Vorsitzenden, H.Landau (Krakau) und H. Ka hau e (Tarnow) zu Vizepräsidenten, Rakower (Krakau) und Elefant (Zolkiew) zu Sekretären gewählt. Der Vorsitzende verlas die zahlreich eingelaufenen Depeschen und Begrüßungsschreiben. Auf ein an Herrn David Wolffsohn, i Präsidenten des zionistischen A.-C, abgesandtes Begrüßungstelegramm, erwiderte dieser in einem herzlichen Schreiben, worin er die Talmudjünger zu ihren Organisationsbestrebungen beglückwünschte. Nach Verlesung der Einläufe erstattete der Vorsitzende M. Wiesenfeld Bericht über dieTätigkeit der Organisation „Haschachär". Bis jetzt bestehen in Galizien zwölf Einzel vereine des „Haschachär",;i der nächsten Zukunft soll eine weitere Anzahl von Vereinen gebildet werden. In vielen Städten Galiziens, ebenso in der Bukowina und in Ungarn hat die Organisation ihre Vertrauensmänner und Anhänger. In Rußland bestehen bis nun drei Verbindungen „Haschachär", nämlich in Warschau, Lodz und \!owogrod Wolinski. Nach dem Referat Wiesenfeld wurde dem provisorischen Komitee Decharge erteilt. Melier (Jaslo) referierte über den finanziellen Stand der Monatsschrift „Haschachär". Es wurde beschlossen 1) die Administration des Blattes nach Krakau zu verlegen und 2) eine Vertgsgesellschaft „Haschachär" zu gründen. Borstein (Debica) referierte über „Organisation". Es wurde in Organisationsstatut angenommen, demzufolge der Verband der Uichurim Österreichs „Haschachär" auf dem Boden des Baseler Vogrammes steht. Der Verband wird durch ein fünfgliedriges 'entralkomitee geleitet, welches von der Jahreskonferenz gewählt ird. Das Bureau hat seinen Sitz in Rzeszow. Mitglieder der ' hganisation können nur Schekelzahler sein. Ins Zentralkomitee wurden folgende Herren gewählt: Moses Viesenfeld (Rzeszow), Isak Laufbahn (Debica), Berisch Meller Jaslo'), Abraham Landau (Krakau), Moses Elefant (Zolkiew). Es wurde auch beschlossen, innerhalb eines jeden Einzelvereins neu hebräischen Sprachklub zu begründen. Mit einem Schlußwort des Vorsitzenden und dein Absingen v-:-i" „Hatikwa" wurde die Konferenz geschlossen. Verschiedenes B i e 1 i 11. Am 23. März sprach Herr Adolf B ö h m aus Wien ■ '■> einer gut besuchten Versammlung des Vereins „Haschachär" über Palästina." Der Redner, der selbst voriges Jahr Palästina besucht i at, gab ein anschauliches Bild von den Verhältnissen des Landes, ^hilderte die Entwickelung der wichtigsten Kolonien und legte dar, \elch wohltuenden Einfluß die von den Zionisten im Lande geschaffenen Institutionen, insbesondere die Palästinabank nebst ihren Filialen und der „Bezalel" üben, und erläuterte die Aufgaben des Hlanzungsvereins an des Industriesyndikats. Seine interessanten Ausführungen übten nachhaltigen Eindruck. 50 Lichtbilder, die Ansichten palästinensischer Städte und Kolonien darstellten, trugen zum Verständnis des Vortrages bei. Auch einen praktischen Erfolg errang Herr Böhm, indem ein bisher unserer Bewegung fernstehender Herr die Ansicht äußerte, in Palästina Land anzukaufen. Herrn Böhm sei nochmals namens des „Haschachär" der herzlichste Dank ausgesprochen. Essek. Am 2. d. M. fand im Saale der israelitischen Kultusgemeinde ein Vortragsabend des zionistischen Vereines „Theodor Herzl" statt. Herr Otto Kraus (Agram) sprach über „Die Strömungen im Zionismus", indem er in fesselnder Weise die verschiedenen Strömungen innerhalb der zionistischen Bewegung schilderte und auf die Bedeutung des bevorstehenden achten Zionistenkongresses hinwies, der eine Klärung der Meinungen herbeiführen müsse. Nachdem noch Kultusvorstand Dr. Spitzer sich den Ausführungen des Vortragenden angeschlossen hatte, und Präsident J. N. Schulhof Herrn Kraus seinen Dank für seine instruktiven Ausführungen aussprach, wurde die zahlreich besuchte Versammlung geschlossen. Breslau. Die „Breslauer Zionistische Vereinigung" veranstaltete am letzten Sonntagabend im großen Börsensaale eine öffentliche Versammlung, in der Dr. Schemarja Lew in aus Wilna, Mitglied der ersten russischen Reichsduma, über „Die Juden in Rußland und Amerika" sprach. Nachdem der Vorsitzende Zahnarzt Schachtel die Versammlung eröffnet hatte, nahm der Redner des Abends das Wort. Zunächst schilderte er das gedrückte, von ständigen Gefahren bedrohte Leben der Juden in Rußland, die dort auch unter den jetzigen Verhältnissen trotz ihrer Zahl von 5 bis 6 Millionen politisch kraft- und machtlos seien. Ihre Emanzipation werde ja als historische Notwendigkeit einmal kommen, aber bis dahin würden sie noch viel zu erdulden haben. Im letzten Jahre seien ungefähr 250000 Juden nach Amerika ausgewandert. Bei einem Studium der Verhältnisse in Amerika habe er gefunden, daß dort die Juden alle bürgerlichen Rechte erlangen könnten und vielfach erlangt hätten. Aber was das wichtigste sei, werde ihnen auch dort verweigert: die gesellschaftliche Gleichberechtigung, die man nicht durch gesetzliche Akte verleihen könne. Wolle das Judentum wieder volle Geltung erlangen, wie irgend eine andere Nation, dann müsse es sich wieder eine Firma schaffen, es müsse sich wieder zu einer Nation zusammenschaaren, und das gehe nur durch den Zionismus, für den der Redner am Schlüsse lebhaft plädierte. Seinem Vortrage folgte stürmischer, lang anhaltender Beifall. Nach einer Pause beantwortete Dr. Lewin verschiedene inzwischen schriftlich eingegangene Fragen. Sodann ergriff als Opponent das Wort Herr Dr. Freund, bisher Rabbiner in Ostrowo, der demnächst als zweiter Rabbiner nach Hannover kommt, also die Stelle übernimmt, von der seiner Zeit hannoversche Blätter berichteten, daß sie nur ein Mann mit ausgesprochen antizionistischem Programm erhalten solle. Er wandte sich gegen den Zionismus, weil dieser auch atheistische Juden noch als Juden betrachte (was nebenbei bemerkt auch der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" tut), dadurch würde nach des Redners Auffassung das Judentum untergraben. Die Zionisten sollten lieber Gegenwartsarbeit treiben, und nicht die Bedrängten auf zukünftige Dinge vertrösten. Es fiel Herrn Dr. Lewin natürlich leicht, diese schwachen Angriffe zu widerlegen. Der Opponent versuchte auch nicht etwa, darauf etwas zu entgegnen, sondern kam mit neuen noch schwächeren Einwänden gegen den Zionismus so: daß doch der Zionismus sehr gefährlich sein müsse, da sich doch orthodoxe und neologe Rabbiner zu seiner Bekämpfung vereint hätten. — Der Redner geriet in ziemliche Erregung und vergaß sich an einer Stelle so wreit, von irgend etwas zu sagen: „So einen Unsinn behauptet kein Reformrabbiner, kein orthodoxer Rabbiner, so etwas kann nur ein Zionist sagen". Daß ihm dann Herr Dr. Lewin gleichfalls in einiger Erregung erwiderte, war klar, u. a. fragte ihn Dr. Lewin was für ein Rezept denn er und seine Amtskoliegen, die doch nur Sprechmaschinen der Gemeindevorstände seien, zur Erhaltung des Judentums hätten, und was er sich denn bei den Worten: „Leschonoh haboo bi-Jeruscholajim" denke? Das alles gefiel dem streitbaren Opponenten wenig, und er unterbrach den Redner immerwährend, wodurch eine große Unruhe in der Versammlung entstand, die mit Mühe nur wieder gedämpft werden konnte. Es dauerte ziemlich lange, bis die Wogen der Erregung soweit abgeebbt waren, daß man das Schlußwort des Dr. Lewin wieder hören konnte. Keine der früheren zionistischen Versammlungen in Breslau wirkte so nachhaltig wie diese. U. a. erklärte ein orthodoxer Herr seinen Beitritt zur Organisation mit der ausdrücklichen Erklärung: „Mich hat der gegnerische Rabbiner zum Zionisten gemacht."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.