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Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 1. März 1907 p-)ir6 PlW« VW ")D No. 9. Die Landespolitik der österreichischen Zionisten Es wäre eitles Bemühen und unnütze Haarspalterei, wollte man heute noch lange Diskussionen darüber anstellen, ob und inwiefern sich eine jüdische Politik hier im Lande mit dem Streben nach einem eigenen Lande in Palästina verträgt. Von einer jüdischen Politik war bis vor ungefähr einem Jahre überhaupt nicht die Rede. So gab es in Galizien z. B., wo mehr als 2 3 des österreichischen Judentums wohnen, bloß eine israelitische Politik, geführt von manchen israelitischen Knechtseelen, die in der törichten Überzeugung, daß alles, was uns kennzeichnet, als traurige Notwendigkeit zu betrachten ist, alles Fremde das erträumte Ziel unserer Bestrebungen bilden soll, bei der polnischen Schlachta im Namen der jüdischen Masse elende Sklavendienste verrichteten. Hs existierten zwar noch außerdem mehrere Gruppen im Judentum, deren Anschauungen es nicht entsprechen konnte, ihr Volk dem derikalen Adel auszuliefern; auch diese aber sträubten sich hartnäckig vor der Anerkennung der jüdischen Nationalität und überünchten immer das jüdische Wappen mit der Farbe der „polnischdemokratischen" oder „polnischen Volkspartei", indem sie bald diesem, bald jenem politischen Wetterleuchten nachliefen. Und die ^alizischen Zionisten teilten sich indes in zwei Lager. Die einen verdammten grundsätzlich jedwede politische Regung, „da dies den Tendenzen des Zionismus durchaus widerstrebe", die andern hingegen wollten abwarten, vorerst beraten und bedenken, diskutieren ind abstimmen. Und all diese Kunktatoren haben sich nicht die Tatsache vergegenwärtigt, daß der Strom des Lebens immer vorwärts flutet, daß er keinesfalls in seinem Gange sich aufhalten üßt, um abzuwarten, bis die Theoretiker ihre Skrupel beseitigt md ihre Abhandlungen beendigt haben werden. Und im Gegensatze zu den letzteren waren eben die wenigen 'ionisten, die seit jeher die Notwendigkeit der Landespolitik gepredigt haben, diejenigen, die an das große Dichterwort denkend Nur die Lebenden haben Recht!" — ihren Blick auf das pulsierende eben gerichtet hatten. Und deswegen ist auch die realpolitische vrbeit der Zionisten an Ort und Steile nicht die Laune einiger uhrer, nicht der Wille dieser oder jener Parteigruppe und nicht ie Folge eines mit Majorität gefaßten Beschlusses, sondern vielmehr ein Produkt des Lebens. Allein auch theoretisch läßt sich diese jüngste Strömung im ionismus sehr gut deuten. Denn wenn es wahr ist, daß wir eine igene Nation bilden mit ihren spezifischen Interessen und Bedürfnissen, dann sind die Zionisten, die stets die Eigenartigkeit jener spezifischen Interessen und Lebensbedingungen hervorheben, vor allen andern berufen, diese Interessen zu wahren und für die Besserung dieser Lebensbedingungen einzutreten. Und in diesem Falle kommt es nicht einzig und allein darauf an, an den politischen Wahlen teilzunehmen; und die landespolitische Tätigkeit darf auch niemals zu einer Mandatsjägerei ausarten, obwohl wir auch anderseits keinen Grund haben, in simulierter Bescheidenheit uns gegen die Annahme von Mandaten zu sträuben. Es ist eben eine neue Lebensanschauung, die das jüngste Geschlecht umbildet, die zum bisherigen Gegenwartsprogramm der Zionisten, das sich auf die Erweckung des Nationalbewußtseins einschränkte, ein zweites Moment hinzufügte: das unablässige Wirken und Handeln. Und zu handeln gibt es überall, wo nur Juden in größerer Zahl wohnen. Wir müssen endlich ins ökonomische Getriebe eingreifen, um die brausende See des Elends und Jammers ein wenig zu beruhigen. 72 0 o der galizischen Bevölkerung beschäftigen sich mit Ackerbau. Der Bodenbesitz zerfällt einerseits in immer kleinere Stückchen, anderseits aber wächst er in einzelnen Händen zu mächtigen Latifundien zusammen, deren Eigentümer jedoch durch ihre Mißwirtschaft und ihr ausschweifendes Leben den Lastenstand ihrer Güter immer verschlimmern und es dann versuchen, durch die Ausbeutung des Bauers und des Arbeiters ihre Einkünfte zu bessern. Und so verschärft sich immer mehr der Konflikt zwischen dem kleinen Landwirt und dem Dorfarbeiter von der einen, und dem Großgrundbesitzer von der andern Seite. Und der arme Jude wird dann von beiden Parteien zum Sündenbock auserkoren. Der adelige Pole versteht es nämlich wunderbar pfiffig, den Juden als den Urheber des ökonomischen Niederganges des Bauernstandes darzustellen, und die vom Antisemitismus durchseuchten Blätter kommen ihm gerne zu Hilfe. Und der Bauer in seiner Verdummung glaubt naiv an alle Märchen, die ihm die verruchte jesuitische Presse vorschwatzt, weil er den Juden hie und da als den protzigen Gutsbesitzer, und fast überall als den strengen Pächter kennt, der unmittelbar auf dem Gute regiert und von ihm das Geld einzieht. Der Landmann wieder, dem die Not den Wanderstab in die Hand drückt, trifft den Juden in der Rolle des Emigrationsagenten, der ihm den letzten Groschen für das Reisebillet und für seine Vermittlung „wegpreßt"; der kleine Dorfwirt haßt im Juden den hinterlistigen Advokaten, der als Rechtsvertreter im Exekutionswege ihn oftmals seiner geringen, unbeweglichen Habe beraubt; und der Dorfsknecht, der in der Stadt auf der Suche nach Arbeit herumzieht, beneidet den Juden als den reichen Hausbesitzer oder Inhaber des großen prächtigen Ladens. V

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