Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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ganz bedeckt wurden. Noch unter der Schneedecke aber sprachen sie weiter: Als wir noch jung waren .... Ob's dem *Dr. Byk und der 70jährigen „Allg. Ztg." nicht auch fso geht, *dass das neue jüdische Leben sie allmählich zudeckt,^ohne dass sie es wahrnehmen?-- In Oesterreich geht indessen der Kampf der Zionisten und Nationaljuden um die jüdische Kurie weiter, mit immer wachsender Energie geführt. Man darf sich nicht verhehlen, dass auch ein Sieg oder teilweiser Erfolg in diesem Kampfe nur einen Schritt nach vorwärts bedeuten wird. Niemand wird sich auch darüber täuschen, dass die Arbeit eines Häufleins jüdischer Abgeordneter gegen eine überwältigende, feindlich gesinnte oder asemitische Mehrheit einen grossen und oft vergeblich verschwendeten Aufwand von Mut, Geduld und Tatkraft erfordern wird. Auch die Gewährung einer inneren jüdischen Autonomie würde die Juden vor schwere Probleme stellen. Ein Volk, das systematisch in hundert Teile zerrissen, in verschiedene Kulturen hineingezwungen, mit allerhand fremden Gewohnheiten und Anschauungen vollgefiittert wurde, ein solches Volk kann gewiss nicht leicht seine passive Besonderheit in ein aktives Eigenleben umwandeln, selbst wenn man an dieses Eigenleben nur die relativen Ansprüche des „Golusu stellt. Aber eingekeilt in das Gewirr der österreichischen Volksstämme bleibt den Juden nur die Wahl, sich, während die Räder sich drehen, zu ducken und zu biegen, bis sie schliesslich doch zermalmt werden, oder sich im Kampfe als Juden durchzuringen, auf die Gefahr hin, vor immer neue Kämpfe gestellt zu werden, auch vielleicht da und dort einen der Brocken einzubüssen, den die Herren von der „Toleranz" früher den Juden hinwarfen. Dafür aber wird auch das Kleinste, das die Nationaljuden erringen, einen wirklichen Gewinn darstellen, und wenn schon nicht materiell, so doch moralisch das Judentum in ganz ausserordentlicher Weise stärken. Diese Funktion nennen die alten Hintertreppenleute, die Herren, die jetzt wie einst die Urgrossväter oder Grossväter in den polnischen Dörfern, „im Palais des Polenklubs «Handel, Kauf, Handel' schreien", die Wiederherstellung des Ghetto's. Und fühlen sich schon wohl, wenn sie in fremden Höfen von den Hunden nicht angeknurrt werden. Es gab ein jüdisches Gesetz, dass man den Sklaven, die im siebenten Jahre die angebotene Freiheit nicht nehmen wollten und es vorzogen, im Hause des Herrn am Sklaventisch zu bleiben, die Ohren durchstechen solle. Wer gedenkt nicht Heinrich Heine's, der einmal Mosche Rabbenu, unsern „grossenMeister", angerufen hat, dass er einen Riesenhammer schwinge und all die Sklavenohren durchbohre? DIE GEGENWAERTIGE SITUATION DES ZIONISMUS Rede, gehalten in Glasgow von L. J. GREENBERG. Anlässlich der Jahresversammlung des englischen Zionistenbundes, die Sonntag in Glasgow stattfand, hielt Mr. L. J. Greenberg in einer abends abgehaltenen Massenversammlung eine einstündige Rede über die gegenwärtige jüdische Situation, über die Fortschritte des Zionismus und über das Verhältnis des Zionismus zu anderen jüdischen Parteien, inbesondere zum Territorialismus. Mr. Greenberg führte zunächst aus, dass manche von dem Ableben Theodor Herzl's einen Niedergang des Zionismus befürchtet hätten. Sie waren im Irrtum: „Der Nekrolog des Zionismus kann erst am Tage seines endgiltigen Triumphes geschrieben werden. Auch dann wird er nicht sterbe", er wird nur aus dem Bereich der Mög 'ichkeit in den der Wirk ichkeit übergehen. „Männer kommen und gehen, ich aber bestehe für alle Zeiten," so stand am Bache geschrieben, und die Quelle des Zionismus liegt in einem beständigen, nie versiegenden Strom . . . Herzl baute seine Organisation auf eine beständigere Grundlage, als die seiner eigenen Persönlichkeit. Dies ist es, was unseren Gegnern nie klar geworden ist. Die neue Leitung könne und wolle mit Herzl keinen Vergleich aufnehmen, aber er sei der Meinung, dass mit der Person des jetzigen Präsidenten eine gute Wahl getroffen worden sei. Mr. Greenberg äusserte sich dann ausführlich, welche Schwierigkeiten die neue Leitung zu überwinden gehabt hätte und wie gut sie sie überwunden habe. Er gedenkt sodann der Neu-Einrichtung der Organisation und der Wieder- Aufnahme der politiscnen Arbeit. „Die Fäden sind wieder aufgenommen worden," sagt er, „und wir haben Grund zu erwarten, dass wir in naher Zeit ein Wiederaufnehmen dessen erleben werden, was in der Sprache der Diplomatie „Beziehungen" heisst. So kann man denn in den gegenwärtigen Leiter der Bewegung die besten Hoffnungen setzen ... Es gelang, die schändliche Lüge zu widerlegen, die in gewissen Kreisen eifrig verbreitet worden ist, die nämlich, dass die Zionistenbewegung jedenfalls gehindert und dass ihr ursprünglicher Zweck verkleinert worden ist durch die Beschlüsse, die auf dem letzten Kongress gefasst wurden oder die augenscheinliche Torheit, die Herr Lucien Wolf vor kurzem aussprach, — der, wenn sich nur immer Gelegenheit bietet, eine grossartige Dummheit zu sagen, sich nie die Auszeichnung entgehen lässt, sie zu äussern, — dass der Zionismus In Trümmern liege. Wenn unsere Bewegung gehemmt und geschwächt aus dem Kongress hervorgegangen wäre, wenn unser Mut gesunken und unsere Beharrlichkeit gemindert wäre, so wären daran nicht die damals gefassten Beschlüsse schuld. Es hätte dies daran gelegen, dass der kleinliche Geist der Ghetto-Politik noch immer einige Zionisten beherrschte, die, als sie sich geschlagen sahen, als sie fanden, dass ihre Ansichten nur von einer kleinen Minderzahl geteilt wurden, sich auf der Stelle an die Gründung einer neuen Organisation machten, deren Tätigkeit sich darauf beschränkte, die Beschlüsse des Kongresses in ein falsches Licht zu stellen, die Bewegung zu verleun den, unsere Arbeit zu hindern und unsere Kräfte zu lähmen Lag der geringste Grund zu einem solchen Verfahren vor, das in solchem Widerspruch stand mit ihrer Versicherung, die sie so oft und so laut wiederholt hatten, — sie seien dem Zionismus treu, und mit ihrer beständigen Behauptung, sie seien dennoch Anhänger unserer Bewegung? . . . Ein besonderer Punkt, auf den ich Sie mit Bezug auf den letzten Kongress aufmerksam machen möchte, ist, dass der ganze Kongress beschloss, dass, wenn es für unsere Zwecke nötig befunden werden sollte, aktive Kolonisierung durch Juden zu betreiben, eine solche Kolonisierung entweder in Palästina oder in den benachbarten Ländern betrieben werden solle. In jedem Falle wurde das Feld unserer Wirksamkeit kein enges, denn, wie Dr. Max Nordau neulich in einem Briefe an die „Times44 hervorhob, der Beschluss des Kongresses, der Palästina und die benachbarten Länder zu Zwecken der Kolonisierung bezeichnete, bezog sich auf ein Gebiet, das 200 AAillionen Bewohner erhalten kann, eine Bevölkerung, die fünfmal so gross ist, wie die des Vereinigten Königreiches, und 200 mal grösser als die Zahl, die der grösste Optimist je für Juden veranschlagt hat, die unter den günstigsten Verhältnissen sich in absehbarer Zeit in irgend einer Kolonie niederlassen würden. Wie dürfen Leute es wagen, zu behaupten, die Beschlüsse des letzten Kongresses hätten die ursprünglichen Zwecke der Bewegung gehemmt und verkleinert, einfach weil unserer kolonialen Tätigkeit eine räumliche Grenze gesteckt worden ist. Sie gleichen dem Juden, dem einmal ein anderer Jude Vorwürfe machte, weil er Schweinefleisch gegessen hatte,* und der darauf antwortete: „Nun, man muss doch irgend etwas essen!u . . . . Der Redner fährt dann fort: Meine Damen und Herren, ich. habe auf einige der Schwierigkeiten hingewiesen, unter denen die neue Leitung die Pflichten übernahm, die ihr durch den Kongress auferlegt wurden. Es waren hauptsächlich innere Schwierigkeiten. Es war uns aber kaum möglich gewesen, mehr als die gewöhnliche Routine-Arbeit zu verrichten, die mit dem Beschluss des Kongresses zusammenhing, als ein Unheil, beispiellos in unseren Tagen, und in der Vergangenheit nie an Ausdehnung und Wirkung übertroffen, über unser Volk hereinbrach. Eine furchtbare Judenmetzelei fand statt, in Russland, wo hauptsächlich durch den Krieg, in dem das Glück sich so sehr