Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bie # Weit" Nr. 42 kcit lange-erwartet wird. Ist das ein Grund, die Sehächtfeder zu ergreifen? Diese Landnahme hatte als Programm ihrer Ausführung alles das, was der wissenschaftliche Sozialismus als seine Triumphe feiert. Das heisse Streben des Zionismus ist dahin gerichtet, dem Kapitalismus, dem Morder der Moral, den Eingang zu verwehren. Ist es da ein Verbrechen, mitzutun, oder nicht vielmehr ein Gebot? Wenn alles Form Sechtens ginge, müssten wirkliche Sozialisten fanatisch werden, wenn sie Gelegenheit haben, dem Sozialismus, die von der Menschlichkeit gesegnetste, von der modernen Wissenschaft am liebreichsten betraute Gelegenheit zu schaffen, der Welt das Muster eines Staates zu zeigen. Ja, richtig, wir haben Bourgeois! Bei den Sozialdemokraten sind die reichen Leute einfach Parteigenossen, welche Millionen besitzen. Bei uns sind es angeblich verbohrte Anhänger des Kapitalismus. Dass sie sich Brüder fühlen mit den Arbeiterverbänden der prächtigen Poale Zion, dass sie mit jeder Art Opfer praktischen Sozialismus treiben, wird von Parteibajazzos einfach übersehen. Die Posse, die den Mitwirkenden ein so trauriges Ende bringen wird, könnte sonst nicht weitergespielt werden. Diese Posse heisst „Internationale", ist von Juden verfasst und gespielt und hat als Inhalt und Tendenz ein Stück verlogener jüdischer Assimilation. Die Lehren und Zeichen der Zeit werden aber hoffentlich viele von den Mitwirkenden veranlassen, zum wahren Sozialismus zurückzukehren und sich des Grundes der Feindschaft jüdischer Sozialdemokraten gegen den Zionismus zu schämen, der nichts anderes ist als dass man sich feige seines Volkstums schämt. —y. Der Wahlrechtskampf und die Juden. Ii*) Wir haben unseren letzten Artikel mit der Frage geschlossen, mit welchen Aussichten die Ju len in den Kampf ums allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eintreten* Präzisieren wir diese Frage: Welchen Nutzen erwarten die Juden von der Reform des Wahlrechtes für sich selbst? Ich weiss : die solehermassen mit rücksichtslosem Egoismus formulierte Frage wird als erste Antwort viel Entrüstung hervorrufen. Bei den Juden und bei den Nichtjuden auch. Von den Nichtjuden lässt sich gerechterweise nichts anderes erwarten. Sie sind es gewöhnt, dass der Jude, ohne viel nach seinem Vorteil zu fragen, bei jeder Gelegenheit und mit jeder Partei, die es sich nicht geradezu verbittet, „voll und ganz" mitgeht; dass schon die Erlaubnis, mitgehen zu dürfen, ihn glücklich macht. Die Entrüstung der Juden erwarte ich deshalb, weil ich weiss, dass sie wirklich aus purer, dumm-ehrlich* r Begeisterung mitgehen. Aus einem Triebe heraus, der ihnen alles Kommende, Werdende auf ein rosenrotes Feld projiziert; als die geborenen Kämpfer und Demokraten, die gleich das Wasser in die Augen bekommen, wenn wo immer von Unterdrückung die Rede ist. Aus ihrer schönen Begeisterung heraus werden sie meine Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Muss denn in der Politik alles nach dem Nutzen gehen? Hat es nicht immer Leute gegeben, die für die Freiheit und für die Freiheiten anderer Nationen kämpften und ihr Leben für die fremde Sache liessen? Gewiss, es hat zur Ehre der Menschheit immer schwärmerische Byrons gegeben; Karbonarinaturen mit edlen Herzen und grossen, rührenden Gesten. Heinrich M.inn schildert einen prächtigen Typus davon in seiner „Herzogin von Assy", den Marchese di San Bacco. „Wo *) Siehe „Die Welt" Nr. 41, immer in der Welt der alte Sturmvogel erschien, da drohte ein Aufstand, eine Umwälzung . /. Freiheit war das Stichwort, auf das er losbrach, so oft es erscholl . . Er hatte es als Knabe vernommen und war der Familie entlaufen. . Er war sehr arm, denn er hatte die Freiheit des Menschengeschlechtes ebensogut mit seinem Vermögen bezahlt wie mit seiner Jugend,* Jawohl, solche Menschen hat es stets gegeben, die in allen Weltteilen für die Freiheit kämpften, die für irgend ein Königreich Dalmatien das Schwert zogen, denen dieser Kampf Inhalt und Beruf des Lebens und zugleich Lohn an sich war. Aber ein ganzes Volk von Byrons, von Marchesi di San Bacco — welche Dummheit, welche Abgeschmacktheit! Eine Rasse, die frei* willig politische Landsknechtdi'-nste leistet — welch törichter Anachronismus! Die Byrons, die Marquis di San Bacco wurdt-n hochgeehrt, umjubeit; hoffien wohl auch, ihren Wechsel auf Unsterblichkeit bei der Ewigkeit einzureichen. Und die Landsknechte wurden bezahlt und desto besser, je mehr sie sich selber galten, je höheren Preis sie für ihre Dienste forderten. Und keiner verachtete den Landsknecht, der den Dienst nicht nahm, weil er ihm zu gering entlohnt schien. Aber unsere Juden! Haben sie Ehre davon, dass s>ie nicht nach dem Preis ihrer politischen Dienste fragen? Keineswegs. Man verachtet sie öffentlich und mit Recht, wie jeden Arbeiter, der ein Lohndrücker W, und man verlacht sie heimlich, wo sie sich zur Gratisarbeit herandrängen. Und wenn die Juden über die Frage, auf welchen Lohn sie für ihren Sukkurs im Wahlrechtskampfe rechnen, aus närrisch-idealen Gründen entrüstet sind, so haben sie zwar die Genugtuung, ihre Entrüstung von den Nichtjuden geteilt zu sehen — aber nur so lange, als sie die ganz anders gearteten Gründe der nichtjüdischen Entrüstung nicht erkennen wollen. Hätten sie den Willen der Erkenntnis, so wurden sie sich (um in dem schon gebrauchten Bilde zu bleiben) als die jämmerlichen Arbeiter erkennen, die nach dem egoistischen Wunsch ihrer politischen Ausbeuter nicht verführt und t icht aufgeklärt werden dürfen, damit die Fortieistung dieser unbezahlbaren unbezahlten Arbeit auch weiterhin gesichert sei. Die allgemeine Entrüstung darf uns also nicht hindern, unsere Frage nach dem jüdischen Interesse an der Wahheform mit Nachdruck zu wiederholen. * * * Der jüdische Standpunkt gegenüber der Wahlrechtsreform müsste sich zunächst durch die Erwägung bestimmen lassen, in wessen Namen die Reform hauptsächlich verlangt wird und wem sie hauptsächlich politischen Nutzen zu bringen berufen ist, Es ist kein Zweifel: Obwohl von den meisten Reform-Interessenten auf die triste Lage des Staates hingewiesen und die Wahlrechtsreform als allein wirksame und mögliche Staatsreform empfohlen wird, ist es in Wahrheit nicht der Staat, dessen Nutzen da gesucht wird. In Wahrheit handelt es sich um die bisher rechtlosen Massen, die sich ebenfalls einmal an die Tafel der politischen Macht setzen wollen, und um die Parteien, die Aussicht haben, von diesen Massen mit der Vertretung ihrer Interessen im Parlament betraut zu werden: also um die Klerikalen, die in den Landarbeitern, die Sozialdemokraten, die in den Industriearbeitern bequeme und sichere Wähler schätzen, dann noch um die Christlichsozialen, die zu dem kleinen und leicht zu betörenden Mann von Wien, den sie schon im Sacke haben, auch noch den kleineren und ebenso leicht zu betörenden dazubekommen möchten, und allenfalls um die Jungtschechen, die sich's getrauen, in ihren breiten Volks-