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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Tdrktnstrasst Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Prtiso dtr Aazoigtn: ImnX aufli«g»ndaM Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzvint ttumnerH 30Hfll§r Ra7iif9Cnrfiieaa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Fflr das Ausland: 0B£Uyd|JI UldU. Deutschland ganzjährig Mk* 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 8.50, vierteljährig R 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig DoU. 1.70, vierteljährig Doli. —.85, Nr. 40. Wien, 6. Oktober 1905. — 7. Tischri 5666. 9, Jahrgang. Germane Abeles. Die allgemeine österreichische Politik hat wieder Hochsaison. Das heisst: der Streit der Völkerschaften ist' im vollen Gange und schliesslich werden die strittigen nationalen Forderungen den gegenseitigen Köpfen mit Stöcken und Steinen eingeprägt. Letzteres geschah kürzlich in Brünn, wo die Tschechen für, die Deutschen gegen eine tschechische Universität demonstrierten und einander über die gegenseitigen Ansichten Winke mit den Zaunpfählen gaben. Das sind Dinge, die uns Juden im Grunde weiter nichts angehen, ausser dass wir vielleicht gern ein paar unserer Missiönsprediger in die wütenden Volkshaufen hineingeschickt hätten, damit sie die geliebte Mission Israels erfüllten, Friede und Versöhnung unter die Völker zu tragen. Der Meinung, dass der deutsche Volkstag die Juden genau so wenig kümmerte, wie der tschechische, waren aber leider viele jüdische Faktoren Mährens und Oesterreichs nicht. Zählen wir ihre Taten vorerst auf, um sie dann in politische Todsünden umzurechnen. Da waren einmal die Bürgermeister einiger autonomer jüdischer Gemeinden, die den chauvinistischen Aufruf zur Beteiligung an den Brünner Demonstrationen unterschrieben haben. Darunter war ein Herr namens Abeles, der besonders farbecht sehwarzrot-gold gefärbt zu sein scheint. Auf seinem trikoloren Narrengewand aber hat er nun einen Fleck von schwarzbrauner Farbe. Dieser stammt von einem tüchtigen Fusstritt her, der wohl Herrn Abeles, aber nicht seine treudeutsche Gesinnung zu erschüttern vermochte. Herr Abeles hätte nämlich unter den alphabetisch geordneten Unterschriften des Trutzgermanen-Aufrufe al^ Erster figurieren sollen. Aber da die Hauptwörter auf -eles in der deutschen Grammatik nicht vorkommen, so Hess man Herrn Abeles gegen alle alphabetische Ordnung in der Masse arischer Namen verschwinden. Die zweite Untat beging die liberale österreichische Presse, die bei diesem Anlass ebenfalls ins Wikkingerhorn stiess, obwohl begründeter Verdacht vorhanden ist, dass ihre bekannten Redakteure mit dem Herrn Aböles in n&her Verwandtschaft stehen. Trotz dieses Verdachtes blutete das germanische Heldenherz besagter Eedakteure in Strömen über die blutigen Köpfe der Deutschen und sie schrieben mit Kolben gegen die Tschechen. •Man kann sich nun leicht vorstellen, dass die tschechischen Organe nach diesen Vorfällen kein Feigenblatt vor den Mund nehmen und dass sie es nicht verabsäumen, die Germanenfamilie Abeles ihrem Volke in voller Beleuchtung zu zeigen. Herr Abeles wohnt in Nikolsburg und der Wohnort der Redaktionen ist bekannt. Man muss dies den Juden sagen, «damit die Dänkesdeputationen die Adresse wissen, wenn der jüdische Nährstand in tschechischen Gegenden vom Boykott gänzlich erdrosselt wird, hingerichtet durch die gewissenlose Schreierei der Abeles', welche die Tschechen mit Gewalt in den wütendsten Antisemitismus hineingejagt haben, der jetzt nicht mehr zu reparieren ist. Wie kommen eigentlich die armen Juden dazu, für die freche Eigenmächtigkeit ihrer führenden Geister mit Fragezeichen bitter büssen zu müssen? Wo ist der Sinn dieser Politik? Wenn es noch gälte, den wankenden Liberalismus der Deutschen ein bisschen zu pölzen, wenn wenigstens eine Besserung der moralischen Prostitution, wenn endlich ein Schatten materiellen Vorteils erreicht würde! Nichts davon. Die Abeles' haben sich aufgeregt und der Wolf hat's gefressen. Den Triumph in Brünn hat die deutschnational-antisemitische Partei, den Radauantisemiten Abgeordneten K. H. Wolf an der Spitze, davongetragen. Die Liberalen konnten ja nichts davon haben, weil es effektiv keine gibt. In Mähren gibt es keine Judenfrage mehr, wreil die Juden ohne alle Frage gesellschaftlich und geschäftlich schwer gedrückt werden. Da kommen nun so ein paar verrückte Konfusionsräte und schütten Oel ins Feuer ohne alle Not und ohne allen Verstand. Verlangen denn zum Teufel hinein die beiden Volksstämme, dass ihnen die Juden irgendwie zu Hilfe kommen sollen? Der Jude ist in beide Lager hereingekommen und man hat ihm auch einen Sessel angeboten — aber vor der Tür. Alles was dort verlangt wird, ist, dass die Juden den Gegnern nicht helfen sollen. Das Zünglein an der Wage, dass die Juden an vielen Orten bilden, verbrennt sich jeden Moment. Die Cesky 2idy machen dieselben Dummheiten in böhmischer Sprache, wie die Abeles' in deutscher, weil sie die richtige Politik nicht verstehen. Es ist ein Mumpitz sondergleichen, dass irgendwo ein Zwang zur Parteinahme ausgeübt wird. Haben denn die Juden etwas davon/dass siö irgend jemandem zur Majorität ver-

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