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Die Welt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 52 „bie # weit11 Seite 15 Dawids Gedanken waren bei seiner Mutter: Welch unermessliehe Freude wird ihr doch seine Ankunft bereiten! Ob sie ihn wohl wiedererkennt! Er kämpfte wacker gegen Frost und Schneesturm; aber gar bald verliessen ihn die Kräfte und er konnte sich nur mühsam weiterschleppen. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, holte tief Atem und rieb sich die erfrorenen Hände. Ihm ward so wohl und warm und er hätte lange, lange dasitzen mögen. So erschöpft fühlte er sich. Dawicl wusste jedoch, dass man sich bei so grimmiger Kälte der Ruhe nicht hingeben dürfe. Man könnte leicht in einen Schlaf verfallen, aus dem es kein Erwachen mehr gibt ... _ So raffte er sich denn auf, um den Weg fortzusetzen, trotzdem seine Knie wankten und ihm die Glieder ganz steif vom Frost waren. Der Schnee knirschte unter seinen Schritten. Der Schweiss perlte auf seiner Stirne und Dawid fürchtete, jeden Augenblick umzusinken. Er imisste sich wieder hinsetzen. ,,0 Gott, gib mir Kraft. Lasse mich hier nicht umkommen," murmelte er. Sein Kopf sank auf die Brust herab. Langsam kam die Erschöpfung und lullte ihn ein. Der Ermattete riss jedoch gewaltsam die Augen auf, schnellte empor und versuchte weiterzugehen. Die glitzernde Schneefläche blendete ihn.. Die Landschaft begann vor seinen Augen einen wilden Tanz aufzuführen . . . Nach, wenigen Schritten schon fiel Dawid leise stöhnend in den Schnee. Er wusste nur noch, dass er sehr müde war und dass ihm Ruhe ungemein wohltat. Er streckte sich der Länge nach hin, schloss die Augen und wundervolle Träume umgaukelten ihn . . . * # * Dawid. sah sich mit seiner Mutter auf dem Wege zu Reb Jankel. Esther stand beim Fenster. Sie erkannte ihn schon in einiger Entfernung und eilte, trotz Schnee und Kälte, auf die Gasse hinaus. „Willkommen, Dawid," rief Esther freudig. „Ich habe mich schon so sehr nach dir gesehnt." Zusammen betraten sie das Haus. Lächelnd kam ihnen Reb Jankel entgegen und er sprach, zur Mutter gewendet : „Die Kinder haben sich so herzlich lk?b. Geben wir ihnen unseren Segen." Die Mutter zog Esther an ihr Herz und rief glückstrahlend aus: „So sei es denn mit Gott. Sie sollen uns viel Freude machen." * * * Und. Dawid sah sich vor einem mächtigen Palaste,. Die Tore öffneten sich und er betrat einen weiten, gewölbten Gang. Zu beiden Seiten desselben standen Krieger in glänzenden Rüstungen und sie verbeugen sich tief, tief vor ihm .... Dawid gelangte in einen prächtigen Saal. Auf einem Throne aus Elfenbein sass der König. Er war grau und alt an Jahren . . . Und der König küsste Dawid auf beide Wangen. Er setzte ihm seine Krone aufs Haupt und überreichte ihm die Armbrust. Sie gingen auf einen grossen Platz, der ganz voll von Kriegern war. Dawid bestieg ein grosses Pferd und im Galopp ging es nun durch Wiesen und Wälder dahin. Hinter ihm Tausende und Abertausende. Sein Harnisch blinkte im Sonnenlicht . . . Hei, wie die Trompeten schmetterten. Dawid war ganz berauscht vor Glückseligkeit . . . * * * Heber den Schläfer legte sieh die Schneedecke weich und warm . . « Ein Danaergeschenk, Der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg hat im deutschen Reichstag den Vorschlag gemacht, man möge den Juden die Bewilligung erteilen, fürderhin nicht mehr Schiessgewehr, Tornister und die anderen Kriegsutensilien tragen zu müssen und überhaupt vom Militärdienst gänzlich befreit sein zu dürfen. Im Deutschen Reiche möge ein Gesetz in Kraft treten, das die Juden der Militärpflicht enthebt. Selbstverständlich solle diese Vergünstigung den Juden nicht gratis zuteil werden, sie würden vielmehr dem Staate eine Gegenleistung bieten müssen. In Form einer Steuer. Die Juden zahlen und brauchen dafür dem Heere nicht anzugehören . . . Wenn man zufällig nicht die Ehre hat, die Parteistellung des Herrn Liebermann von Sonnen berg näher zu kennen, so könnte man leicht auf die Vermutung kommen, der genannte Herr sei ein fürsorglicher Gönner der Juden, der sie vor der Unannehmlichkeit bewahren möchte, im Kriege totgeschossen zu werden und im Frieden den Parademarsch üben zu müssen. Solche wohlwollende Gesinnung liegt aber Herrn Liebermann von Sonnenberg durchaus fern; wir wissen, dass er als Antisemit im deutschen Reichstage sitzt und dass es gestattet ist, die Lauterkeit seiner Gönnerabsichten in Zweifel zu ziehen. Zumal wenn wir die Nachsätze betrachten, die er seinem Antrage beifügte: er meinte, die Juden wurden trotz aller patriotischen Redensarten mit seinem Vorschlage zufrieden „ein; wie es mit der kriegerischen Tüchtigkeit der Juden bestellt sei, könne man aus der Fahnenflucht ersehen, die jetzt anlässlicli der ostasiatischen Ereignisse auf der Tagesordnung stehe etc. etc. Es ist sehr fraglich, ob die Juden Deutschlands — wie Herr Liebermann von Sonnenberg annimmt — ohne weiteres mit der geplanten Reform einverstanden sein werden. Die Juden Deutschlands wissen sicherlich den „Tod fürs Vaterland" genau in demselben Umfange und in demselben Sinne zu schätzen, wie die Bürger des Deutschen Reiches, die nicht mosaischer Konfession sind. Man darf der felsenfesten LTeberzeugung sein, dass irgend ein Herr Kohn mit der völlig gleichen Leidenschaftlichkeit für das Vaterland zu sterben — und zu leben bereit ist, wie Herr Liebermann von Sonnenberg. Und wenn der Fall einträte, dass dieser Herr Kohn Schulter an Schulter mit Herrn Liehermann von Sonnenberg im Schlachtgetümmel stünde, und es erklänge soeben das Signal zum Sturmangriff und die beiden nachbarlichen Herren wären genötigt, mit gefälltem Bajonett, von Kugeln umzischt, über Stachelzaundrähte und andere Verhaue in einen Wald starrender Bajonette hineinzueilen, dann wird — man darf darauf schwören! — der Herr Kohn nicht um eine N uance weniger und auch nicht mehr Vergnügen ob des Soldatenlebens empfinden, als der Herr Liebermann von Sonnenberg. Der Vorwurf, dass die Juden sich mit einer geringeren Bereitwilligkeit von einem Lydditgeschoss zerreissen lassen, als die Nichtjuden, ist sicherlich aus der Luft gegriffen. Der Antragsteller kommt also mit seinem Gesetzesvorschlage keineswegs einem dringenden Bedürfnis der Juden entgegen. Jedenfalls nicht einem Bedürfnis, das sich nicht auch im Busen der JNichtjuden gegebenenfalls regte. Es ist den Gesinnungsgenossen des Herrn Liebermann von Sonnenberg auch gar nicht drum zu tun, die Knochen der Juden vor der Wirkung der modernen Geschosse zu bewahren. Den Juden sollen Pflichten gütigst abgenommen werden, damit ihnen auch Rechte weggenommen werden können. Eine neue Stellung soll für die Juden kreiert werden: „Staatskrüppel" mosaischer Konfession! Welch' prächtiges Thema für eine antisemitische Agitationsrede würde sich ergeben: „Wir Christen bluten

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