Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bis # weit" Nr. 31 Im „Jewish CommentB schreibt Mr. J. de Haas: „Herzl ist nieht mehr. Es war Theodor Herzl der verkörperte Genius des jüdischen Volkes. Die Jahrhunderte bringen uns dann und wann eine menschliche Blume, eine Blume, die der Ausdruck des ganzen Gartens ist. Die Natur ist nicht überschwänglich. Sie nimmt, gibt aber nicht so viel wieder... Es ist eine Tatsache, eine schwarze, traurige Wirklichkeit und wir können es nicht anders machen. „Er war". Die ganze Welt kannte seinen Namen, jeder Jude wusste etwas über seine grosse Persönlichkeit. Herzl ist tot! Dieser Jude, der von Staaten geträumt hat, der aus dem blauen Himmel und dem weissen Schnee der Berge eine Fahne gemacht hat; dieser Idealist mit einem endlosen Ideal — ist tot! Der Gedanke ist unerträglich.. Zion, wer wird dich trösten? Dein erlesener Vorkämpfer ist gefallen." Der „Boston Morning Globe" bringt einen grossen Artikel über den Tod Herzls und bespricht auch die Haltung der Bostoner Zionisten in dieser allgemeinen Trauer des jüdischen Volkes. Ebenso die anderen Zeitungen in Boston. Die Boston Post bringt einen sehr interessanten Aufsatz vom jungen amerikanisch-jüdischen Schriftsteller Bernard Richards über Herzl. „Lasemaine Religieuse" in Genf widmet Dr. Herzl einen grösseren Artikel. Sie drückt ebenfalls die Hoffnung aus, dass der Zionismus trotz allem gedeihen werde. „La Semaine Literaire" in Genf bringt einen Artikel von der Feder Dr. D. Pasmaniks über Herzl, als Führer und Gründer des Zionismus. Das spaniolische Blatt „El Dia" in Philippopel, schreibt: „Der Einzige ist nicht mehr! Der Einzige, der sich zum ersten Mal nach einem langen Zeitraum des Golus im jüdischen Volke erhoben hat, um uns zu heilen, um für uns einzutreten, um im Namen des jüdischen Volkes vor den Mächten zu sprechen, er ist verschieden. Die einzige Persönlichkeit, die sich auf die Schultern die Last unseres ganzen Volkes, des in alle Weitteile zerstreuten Israel, aufgebürdet hat; der Einzige, der es vermochte unsere vertrockneten und verstreuten Gebeine zu einem lebenden, festen, tätigen Körper zusammenzufügen; der Einzige, der mit seinen wohlerwogenen Worten und seiner erhabenen Tätigkeit die Herzen von Millionen seiner Brüder erfreute, den Augen tausender von Juden Tränen der Freude entlockte —--er wird jetzt vom ganzen Volke beweint, wie verwaiste Kinder ihren Vater beweinen . .. In diesen Tagen des Unheils, den Tagen der nationalen Trauer, ist die Krone von unserem Haupte gefallen, unser dritter Tempel ist zerstört worden. Nach 2000 Jahren des Straucheins, der Uneinigkeit, nach zwanzig Jahrhunderten der Dämmerung, der Unsicherheit, der Erniedrigung und der Knechtschaft, waren wir auf dem Wege zu einer glänzenden Zukunft, zu einem prächtigen Lichte. Wir schüttelten ab den Staub, wir begannen den Weg zu wandeln, der zur Freiheit führt —und wieder ist es um uns finster geworden. Wir stehen in der Mitte des Weges und wissen nicht, wohin gehen. Allzufrisch ist die Wunde. Es ist unmöglidh kaltblütig über die Zukunft des Zionismus nachzudenken. Wir hoffen, dass Gott sein Volk nicht in der Verzweiflung lassen werde . . . Wir fürchten uns nicht vor unseren Gegnern, die da behaupten, mit Herzls Tod sei auch der Tod des Zionismus genommen... Wir beherzigen den Gedanken, dass ein Volk, welches einen Herzl hervorbringen konnte, alle Hindernisse am Wege überwinden werde, dass es siegreich immer vorwärts schreiten werde zu seinem edlen. Ziele. Unter dem Titel „Unser Führer — Dr. Theodor Herzl" bringt das spaniolische Blatt in Sophia „El Sionisto" einen Trauerartikel. Es heisst dort u. a.: „Ja, Herzl verstand es, eine neue nationale Richtung zu geben, uns zum wahren Judentum, nicht zum missverstandenen, zurückzuführen., Herzl verstand es, uns fest aneinanderzufügen, in uns das Solidaritätsgefühl wachzurufen; Herzl hat uns Ehre gewonnen, unsere ersten Rechte als ein Volk zur Geltung gebracht, hat alle unsere Verzweifelten, Betäubten, unsere Vergessenen und Verspotteten in einer politischen Körperschaft vereinigt... Herzl hat uns eine Tribüne geschaffen, von der wir sprechen können. Dr. Theodor Herzl! Der grösste Jude in den neunzehn Jahrhunderten des Golus! Dr. Herzl! der Jude der Tat und nicht bloss der Hoffnung! Und dieser Herzl ist tot! Nein! Wir alle sagen mit Zangwill: „ Herzl kann nicht sterben — er ist unsterblich"! Am Grabe Dr. Theodor Herzls. Gypressen rauschen leis' im Morgenwind; Die Sonne glühet auf dem heil'gen Ort der Gräber. Da naht ein Zug, so düster, schweigend, traurig, So gross, wie man ihn nie hier hat geschaut. Vieltausend Juden sind's, die ihren Führer tragen, Den Führer, nicht im blut'gen Schlachtenstreit, Nein, den, der friedlich mit des Geistes hoher Kraft Jahrtausend alte Rätsel wollte lösen, Und der mit klarem Wort geführt sie stets zum Sieg, Zum Sieg des edlen nationalen Geistes. — Stumm tragen sie, stumm stehen sie am offnen Grabe, Erschüttert und ergriffen noch vom Schlag, Den plötzlich diesem Volk das Schicksal schlug. Sechs rohe Bretter bergen ihn, den teuern Toten, Den Liebling dieses weit zerstreuten Volks, Sechs Bretter den, der eine neue Welt Mit ganzem Herzen seinem Volke wollt' erringen. Und keine Rede tönt, — so ist s der Wunsch des Toten, — Kein Lob aus Freundes und aus Jüngers Munde Dem über Lob und Tadel längst Erhab'nen Ertönen sollt' in dieser Trauerstunde. — Und alle stehen stumm. — Nur in den Mienen zuckt's Und in den Herzen brennt der stille Gram! — Da hört man durch das Rauschen eine Stimme, Erst flüsternd, immer lauter dann: „Wo Menschen schweigen, müssen Geister reden! Ihr, die ihr euren Besten heut' uns bringt, Verstummen lasst am Grab die laute Klage! Nur haltet fest an dem, was er euch gab! Betrauert ihn, beweint ihn, doch verzaget nicht! Er wollt' es nicht und will nicht, dass ihr zweifelt! Nur seine Erdenhüir tragt ihr ins Grab, Der Geist, er lebt euch und wird ewig leben! Des Meisters Wort bedenkt, in seinem Geiste wirkt! Der gerne euch in das Land geführt, Aus dem ihr einstens kamt, ihn bringt ihr hin, Wenn seinem Werke einst Erfüllung ist gegeben! Er aber, der so manchen Herrscher hat gewonnen Für seinen Plan, er stehet jetzt vor dem, Der aller Herrscher König ist, Und trägt ihm eure Wünsche vor! D'rurn, Juden, trauert, doch bleibt stark im Hoffen, Wer diesem Geist nachstrebt, dem steht Altneuland offen!" Die Stimme schweigt. — Und mit Gebet vereinet Schwirrt Trauersang sanft zitternd durch die Luft! Und an des toten Geisteshelden Gruft Steht schmerzerfüllt ein Volk und weinet, weinet, weinet. Bremen, Juli 1904 E. Schragenheim.