Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316104--45965-3340796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

11 entity mentions

Nr. 30 „bis * Welt" Seite 25 werden sich vor seiner Asche beugen und das Andenken an seine Wirksamkeit in Ehrfurcht bewahren müssen/ In einem zweiten Artikel schreiben die „Nowosti": „Das wundersame Lied, welches dem jüdischen Volke von einer baldigen glücklichen Zukunft in Jerusalem sang, ist plötzlich verstummt, aber seine letzten Worte waren: „Brüder, nach Hause!" Die von Herzl erweckte Hoffnung ist aber nicht gestorben; sie wird vermutlich noch leben, lange leben. Es wird ein Volksdichter entstehen, welcher da« tragische, poetischherrliche Leben des Ritters des Geistes und des Gedankens besingen wird, welcher seine Brüder im Namen der Pflicht und im Namen der Heimat zur friedlichen Arbeit vereinigt und versammelt hat. Herzl wird im Herzen des jüdischen Volkes ewig leben. Und jeder Jude, welcher am Grabe des verstorbenen Führers Theodor Herzl ein stilles Gebet verrichten wird, wird es mit den Worten schliessen : „Im nächsten Jahr in Jerusalem!" Die „Petersburgskijä Wjedomosti" sagen in einem Wiener Briefe: „Der Flug kühner Phantasie stellte Herzl an die Spitze des jüdischen Proletariats, das nach einem neuen Vaterlande fahndete : Tausendjährige Träume wurden lebendig! Und ein Sturm der Begeisterung brach in England, Deutschland, in den entlegenen Ortschaften Russlands, im armen Galizien, überall, wo Juden leben, los. Sein Verdienst um das jüdische Volk ist gross. Er hatte nicht nur den letzten Akt des jüdischen Dramas konzipiert, sondern er hatte ihn auch in Szene gesetzt. Er glaubte an seine Mission, und die Kongresse in Basel, seine Unterhandlungen mit dem Sultan und mit den englischen Ministern, sein Gespräch mit Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem, seine Audienz bei Pius X. — das alles sind greifbare Symptome der Tätigkeit Herzl. Jetzt beweint das jüdische Volk seinen Verlust." Die „Qdesskija Nowosti" schreiben: „Herzl hat den Judenstaat verfasst. Die grössten Werke der Schriftsteller aller Zeiten und Völker können nicht wetteifern mit diesem Werke von Theodor Herzl. Welch schwindeLnder Erfolg! Sogar „Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi, doch gewiss ein geniales Werk, hat bei aller Grösse seines Gedankens, bei aller Tiefe und Schönheit seines Inhaltes keinen einzigen Kongress ins Leben gerufen. Und der „Judenstaat" von Theodor Herzl hat Millionen von Menschen aus dem Tode zum Leben erstehen lassen, ihren Geist aufgerüttelt, der veraltet und erstarrt schien, und zwang sie, zu leben, tätig zu sein und die Verwirklichung eines fernen Zieles anzustreben." lieber den Eindruck, welchen der Tod Theodor Herzls in Odessa gemacht hat, berichtet die „Odesskijä Nowosti": „Die Kunde von dem Tode des Führers der Zionisten, Dr. Theodor Herzl, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in ganz Odessa und rief unter den Juden eine erschütternde und deprimierende Wirkung hervor. Die unerwartete Kunde schien anfangs ganz unglaublich. Eine imposante Trauerfeier wurde veranstaltet. Die Synagoge war, wie die „Nowosti* meldet, dicht gefüllt, darunter von den hervorragendsten Vertretern der jüdischen Gemeinde, von vielen hunderten Juden und von der akademischen Jugend. Der Petersburger Rabbiner Dr. Drobkin hielt die Trauerrede, welche die Anwesenden tief ergriff. Er sagte unter anderem : «Das jüdische Volk hat einen schweren Verlust erlitten. In der Person des Dr. Herzl haben wir nicht nur den Führer der Zionisten, sondern auch einen hervorragenden jüdischen Arbeiter verloren, welcher den besten Teil seines Lebens dem jüdischen Volke gewidmet hat. Er legte den Grund zu einer grossen Sache; er weckte im jüdischem Volke das Selbstbewusstsein, das nun mit jedem Jahre wächst. Er hat dem Judentum die Hoffnung zurückgegeben, er hat sie gezwungen, die Geschichte der Juden zu studieren und sie kennen zu lernen. Die Tatsache, dass sich hier Vertreter verschiedener Anschauungen und Richtungen versammelt haben, beweist am besten, dass wir alle uns bewusst sind, was Herzl getan hat. Wir alle knien vor seinem Grabe nieder'" Die deutsche „St. Petersburger Zeitung" schreibt: „Wie ein Telegramm aus Wien meldet, starb in Edlach nach wochenlanger Krankheit der Schriftsteller Dr. Theodor Herzl, der als geistvoller Feuilletonist und als Theaterdichter Erfolge geerntet hat dessen besondere Eigenart und Bedeutung aber auf ganz anderem als literarischem Gebiete lag. Herzl war der begeisterte Führer der zionistischen Bewegung im Judentum und hat für seine Idee mit einer Energie gewirkt, die Achtung verlangt, auch wenn man die Anstrengungen in dieser Richtung für verfehlt hält. Seit er in seiner Broschüre „Der Judenstaat" den Gedanken des Zionismus zum ersten Male verfocht, hat er nicht aufgehört, zusammen mit Max Nordau in Paris, in Reden und Schriften unablässig für das erträumte Zukunftsreich Propaganda zu machen. Die Kongresse der Zionisten in Basel und London, die Ausarbeitung des Programms für das Aktionskomitee, ein grosser Teil der bisher erreichten praktischen Erfolge sind auf die Arbeit Herzls zurückzuführen, dessen stattliche Erscheinung ein ebenso wirksames Agitationsmittel war wie seine überzeugte Begeisterung. Die Bewegung verliert in ihm ihre stärkste treibende Kraft, und es erscheint sehr fraglich, ob sich so rasch ein anderer finden wird, der den Kampf gegen die zahlreichen ernsthaften Bedenken, Schwierigkeiten und Zweifel aufnimmt, denen der zionistische Gedanke immer begegnen wird." Der „Herold" schreibt: „Seine stete Beweglichkeit, der fortgesetzte Kampf für seine Idee haben aber wohl seine Gesundheit frühzeitig aufgerieben; so ist er, kaum vierundvierzig Jahre alt, gestorben, ein Streiter und ein Träumer, ein irrender Ritter, der umsonst die Tore seines Märchenreiches suchte." (?) Die national - russische Zeitschrift „Russj" schreibt über die Vorgänge in Kiew am Tage des Einlangens der Nachricht von dem Ableben Theodor Herzls: „Der Tod Theodor Herzls hat unter der jüdischen Bevölkerung von Kiew tiefgehende Erregung hervorgerufen. In den Synagogen und in den jüdischen Bethäusern, welche schwarz dekoriert und drapiert sind, werden Trauerfeiern abgehalten. Alle jüdischen Geschäfte und Handelshäuser wurden zum Zeichen der Trauer geschlossen. Die Kinder der jüdischen Schulen singen ergreifend Gebete vor und fungieren in den Chören. Der Kummer der jüdischen Bevölkerung ist grenzenlos." Die „Nowosti" meidet aus Minsk: „In den Synagogen und auf dem jüdischen Friedhofe wurden Trauerfeiern für Dr. Theodor Herzl abgehalten. Eine vieltausendköpfige Menge wohnte den Trauerfeiern bei. Die jüdischen Geschäfte in der Stadt waren geschlossen." „Egyenlöseg" schreibt: „Mit seiner ganzen grossen Seele klammerte er sich an die Idee, die er mehr als ein Jahrzehnt verkündet hatte. Ihm, dessen flammend Wort, dessen mächtiger Geist ein Heer um sich versammelte _ o glücklicher Sterblicher — ihn beseelte die Liebe zu seiner Idee auch auf seinem Sterbebette. Er war ein hervorragender Mensch! Wir gingen nicht seine Wege, doch mit seinen Getreuen beweinen auch wir seinen Tod. Mit wahrem Schmerze betrauern auch wir seinen Verlust. Ein Irrtum wars, was er wollte. Doch dieser Irrtum gab Kraft und Ausdauer Millionen von verfolgten und rechtlosen Glaubensbrüdern. Ehre deshalb seinem Angedenken, Ehre und Hochachtung sei seinem Namen auch im Lager seiner Gegner!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.