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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Seite 22 „5ie # w^it m P: Er, der Führer, arbeitete, nach verschiedenen Fronten kämpfend, mit Aufopferung, mit Aufbietung aller seiner Kräfte, so auch hierin mit nachahmenswertem Beispiel vorangehend. Er verlangte von seinen Mitarbeitern viel, sehr viel, aber am meisten von sich selbst. Von seinem vierzehnstündigen Arbeitstage widmete er in der Regeil elf Stunden der Sache seines Volkes, oft aber auch mehr. Auch ist es für Eingeweihte kein Geheimnis mehr, dass er auch materielle, seine Vermögensverhältnisse weit überschreitende Opfer brachte. Seiner Aufopferungsfreudigkeit gelang auch vieles, was anderen unmöglich gewesen wäre, denn niemand konnte dem hohen Adel seiner Person widerstehen; dem Zauber eigenartiger Grösse, der über seinem ganzen Wesen ausgegossen war, vermochte niemand, der mit ihm in Berührung kam, sich zu entziehen. Nun ist er dahin; er brach unter der überschweren Arbeit im Dienste seines Volkes zusammen. Auch ihm war es nicht beschieden, die Erfüllung seiner Hoffnungen und die Verwirklichung seines Strebens zu erleben. Jedoch eines war ihm vergönnt: er durfte die grosse Liebe und die tiefe Verehrung, die ihm die breiten Schichten des jüdischen Volkes in so rührender Weise entgegenbrachten, schauen. Im Vorjahre war es, als er im Interesse seiner verfolgten Brüder die schwere Reise nach Russland antreten musste. Da durfte er es erfahren, dass in den jüdischen Zentren Russlands, die auf seiner Route lagen, Tausende und Abertausende in Sturnv.und Regen tage-, ja wochenlang die Bahnhöfe umlagerten, — seine Ankunftszeit musste aus begreiflichen Gründen geheim gehalten werden — und. diejenigen bestürmten, von denen sie annahrren, dass sie Bescheid wissen müssten, ihnen doch Gelegenheit zu bieten, ihren Führer zu begrüssen. In Wilna war es, im „Jerusalem Lithauens", wo ihn der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde, von einer unübersehbaren Volksmenge begleitet, mit überschäumendem Enthusiasmus begrüssen konnte. Der greise, achtzigjährige Gaon, Rabbi Sch'lomoh Hakanen, der Wiln?er Rosch-Beth-Dhu war es, der ihm in eigener Person den „Priestersegen" erteilte und eine kostbare Thorarolle im Auftrage der Gemeinde überreichte. Er, der Entschlafene, empfing beides unter Tränen. Wir glauben, dieser Moment war der schönste seines so schönen, aber ach! leider für uns so kurzen Lebens .... Aus der „Jüdischen Presse", Berlin; Eine markante Persönlichkeit ist dahingegangen. Lieber den ganzen Erdball hin hallt die Wehklage der Hunderttausende,' die seinen Spuren begeistert folgten, an seinem Feuereifer sich entzündeten, den über Aliles geliebten und verehrten Führer beweinen. Aber auch die abseits Stehenden, deren Gewissen und Ueberzeugung dem Lebenden entgegenzutreten gebot, weihen, bis ins Mark erschüttert, dem Toten den Tribut inniger Trauer. Lieber dasjenige, was den Inhalt seines Lebens gebildet, über sein Planen und Vollbringen wird, die Geschichte richten; seiner grosszügigen, nach den höchsten Ziekm in redlicher, makelreiner Gesinnung gerichteten Auffassung von den Erfordernissen und Pflichten, die der Jammer der Gegenwart erheischt, wird der künftige Historiker volles Lob erteilen müssen, wie die Mitwelt es ihm rückhaltlos zuerkennt. „Es irrt der Mensch, so lang er strebt." Theodor Herzl mag Unerreichbarem nachgestrebt, unerfüllbare Hoffnungen geweckt und in den Mitteln sich vergriffen haben; der heilige Eifer, den Unglücklichsten der Unglücklichen unseres Stammes ein lichteres Dasein, die Daseinsmöglichkeit zu bereiten, war es, der seine Feuerseele durchglühte, der ihm die Bahnen wies, die er wandeln zu müssen glaubte und, trotz aller Mahnungen, dass sie in die Irre führen müssen, überzeugungstneu gewandelt ist, bis tückische Krankheit ihn zu Boden warf. In unseren Tagen, die die herzensarme, gefühlsöde Teilnahmslosigkeit so vieler Tausender von Entarteten in unserer Mitte schändet, ist ein Leben, das, wie das jetzt erloschene, voll überschäumenden Idealismus ganz der Sache des Judentums zugewandt war und sich hingab, ein über die flüchtige Stunde hinaus verdienstliches, dessen Erinnerung nicht untergehen wird, wenn auch dasjenige unverwirklic.ht bleibt, was dieses Leben ausgefüllt hat . . . Aus der „Deutschen Israelitischen Zeitung": . . . Man mag den politischen Zionismus beurteilen, wie man will, niemand konnte der Person Herzls die Sympathie und Hochachtung versagen. Selten hat jemand seine jüdischen Brüder mehr geliebt als Theodor Herzl. Ihr Schmerz wair sein Schmerz, ihr Leid und ihre Not taten seinem Herzen weh. Er wollte ihnen helfen. Er hat seine Bewegung weit vorwärts gebracht und ihr Achtung und Geltung verschafft. Das kann ganz unabhängig davon, ob sie realisierbar ist oder nicht, gesagt werden. Er stand vor Kaisern und Königen, um für seine Sache, die Sache seiner Brüder zu wirken. Positive Resultate konnten jedoch bis jetzt nicht erreicht werden. Herzl war der geborene Präsident. Er verstand es, Differenzen und Meinungsverschiedenheiten auszugleichen, die widerhaarigsten Elemente mit der Gewalt seines Wortes zu bezwingen und die in, Ansichten und Kulturstufen heterogensten Teilnehmer des Kongresses in Disziplin zu halten und unter einen Hut zu bringen.. Er war ein hervorragender, edler, geist- und gemütvoller Mensch .... Aus dem „Israelit", Mainz: „Wir habe» seine Pläne vielfach bekämpft, weil wir sie für schädlich halten, aber wir haben es nie verkannt, dass Dr. Herzl es ehrlich mit dem jüdischen Volk gemeint hat, dass ihn in seiner Tätigkeit nur reine und ideale Motive geleitet haben« Er war ein Idealist im besten Sinne des Wortes und-hatte ein warmes Herz für die leidenden Brüder. Der Zionismus, den er nicht erfunden, aber doch in die Höhe gebrächt hat, hat seine Erfolge im wesentlichen ihm zu verdanken. Seine ehrliche Begeisterung entflammte die Menge, die in Verehrung und Bewunderung zu ihm wie zu einem höheren Wesen aufblickt« und sein durch und durch edles und vornehmes Wesen erwarb ihm die Achtung auch derjenigen Kreise, die seine Ideen bekämpften." Der „Jewish Chronicle" schreibt in seinem Leitartikel: „Der plötzliche Tod Dr. Herzls wird in der ganzen jüdischen Welt mit dem grössten Bedauern aufgenommen werden. Es war schon früher bekannt, dass der zionistische Führer kränklich sei, aber niemand hat den jähen Abschluss dieses gewaltigen Lebenslaufes erwartet; und das plötzliche Eintreten des tragischen Endes, seine Unzeitgemässheit wird noch viel mehr den stechenden Schmerz, den man in vielen jüdischen Häusern empfinden wird, vergrössern. Es ist schwer, sich mit dem Gedanken zu befreunden, dass diese imponierende, pittoreske Figur, die die Legende, wie auch die Mühsal ihres Volkes zu verkörperlichen schien, in die Ewigkeit übergegangen ist. Seine rastlose Persönlichkeit, die von einer Judenschaft zur anderen wanderte, mit seiner flammenden Botschaft: „Ein Banner und ein Ideal!*, wurde zu einem allgegenwärtigen, taten zeugenden Faktor im jüdischen Leben. Das plötzliche Auslöschen seiner Flamme wirkt auf uns wie eine Umwälzung, wie eine Erschütterung. Dr. Herzl hat mit seinem „grossen Argument* das Volk aufgerüttelt, wie es keine innere Kraft seit langen, langen Jahren getan hat. Es ist schwer fassbar, dass seine Lippen für ewig versiegelt, geschlossen bleiben werden. Unsere Zeitung war nicht immer mit dem toten Führer solidarisch. Aber sie hat einsehen gelernt, dass Dr. Herzl aus einem edlen Stoff geschaffen war. Schon die Auffassung des Judenstaates als einer politischen Realität war an und für sich ein Zeichen eines kühnen Geistes. Aber der Versuch, den Entwurf zu verwirklichen, zeugte von einem ungeheueren Mute, der den Mann über die Durchschnittsmenschen erhob. Als Dr. Herz 1 an seine riesige Arbeit schritt, hatte er gegen sich die Gleichgiltig-

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