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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Nr. 29 „bi* # Weit" Seite 21 hervorragenden Führers auch das Schicksal der zionistischen Bewegung besiegelt sei. Die Faktoren, welche die Bewegung mächtig anwachsen Hessen, sind heute noch die gleichen und der nationale Gedanke hat bereits in einem grossen Teile der Judenschaft so tiefe Wurzeln getasst, dass ein Sturm diese nicht auszureissen vermag. Andere Männer werden das Werk des Verstorbenen in dessen Geiste weiterführen und so seinem edlen, uneigennützigen Schaffen für das Wohl seines Volkes das schönste Denkmal setzen. Aus der „jüdischen Rundschau": Allmählich wird es uns doch zur Gewissheit, dass das waihr ist, woran wir nicht glauben können, und was wir nicht begreifen. Ist es denn möglich, dass Theodor Herzl nicht mehr unter uns weit? Immer wieder drängt es sich uns auf, dass es nur ein böser Traum ist, der vergehen muss. Und immer wieder hämmert es uns in den Ohren, dass es doch Wirklichkeit ist, bittere, traurige Wirklichkeit, dass der Mann von uns genommen ist, der unsere Hoffnung war und unser Stolz, unsere Ehre und unser Kämpfer. Theodor Herzl, der Mann, an dem unser Volk hing, wie an einem Abgott — der Grosse des Jüdischen Vokes hat uns verlassen und zu Waisen gemacht. Denn ein Vater ist von uns genommen worden, ein Vater des jüdischen Volkes, und als vaterlose/ Waisen lässt er uns alle zurück, das Volk, das sich in der kurzen Zeit seiner gewaltigen Wirksamkeit gewöhnt hatte, auf ihn wie auf einen treuen Vater zu bauen- . .•.< - ^jil'jtujfcd' Allzufrüh und fern der Heimat müssen wir ihn einbetten in die ka'Hte Gruft, der eben noch in seiner Jugendkraft vor uns einherscbritt, unseres Volkes besten Toten, Er hat das Land nur von fern schauen dürfen, das er für sein heimatloses, gehetztes Volk erkämpfen wollte. Wenn es eine Tragik in der Geschichte der Völker gibt, so ist das Geschick des Judeuivolkes gewiss das an Tragödien reichste. A'ber selbst in der jüdischen Geschichte gibt es kaum eine Episode, die in ihrer Tragik an die erschütternde Grösse des Unglücks heranreicht, das uns so eben betroffen. Und doch werden wir erst, wenn wir versucht haben, ohne den sorgenden Vater, der von uns genommen, sein WerK fortzusetzen, allmählich ermessen lernen, wie tief die Wunde sitzt, die das grausame Schicksal unserem Volke geschlagen. Von dem Tage an, wo Herzl unter uns getreten, ungerufen und nicht geworben, aus seiner eigenen, angeborenen Liebe zu seinem Volke heraus, fühlten wir, dass der Meister gekommen sei, dem wir alle uns willig beugen müssten, der grosse Mann, auf den das jüdische Volk achtzehn lange und bange Jahrhunderte des Elends und der Zerstreuung geharrt und gehofft hatte. Zuerst fühlten wir es, dann verstanden wir es-, dass ein überragender Staatsmann uns geboren sei, ein Mann, vor dem unsere Grössten klein waren, ein Vater des Volkes, 'dessen Lasten er nun willig trug und das zum erstenmale begriff, dass es in ihm teilnehmen durfte am Willen der Völker. Vaterlos hat er uns gelassen, er, auf den wir vertrauten, und dem wir gewöhnt waren zu folgen, wie Kinder dem Leiter ihrer Jugend. Und er war uns mehr noch als ein Vater. Wie er unsere Lasten trug auf seinen starken Schultern, wie er unsere Sorgen und Kümmernisse in seinem weisen Haupte erwog, wie er für uns arbeitete und schaffte, so hatte er auch für die kleinen und kleinsten, wie für die grossen und grössten Schmerzen seines Volkes jenes weiche und sanfte Empfinden, jene Liebe und Weichheit, wie sie nur eine Mutter für ihre Kinder hegt. An seinem treuen Busen konnte das Jüdische Volk im Grössten wie im Kleinsten seine Sorgen und seinen herben Kummer still einer Mutter vertrauen, die mit allein mitfühlte und deshalb mütterlichen Trost gewährte, wo sonst kein Trost aufkommen konnte. Vaterlos und mutterlos lässt Theodor Herzl das Jüdische Volk, vaterlos und mutterlos uns alle, die wir ihn 'geliebt haben und ihn lieben werden, so lange ein Atemzug in uns ist. Eine schwere Familientrauer hat uns betroffen. In jedem Hause, das dem Judentum treu ist, wird der'Tod unseres Herzl als ein schweres Familienunglück empfunden, und wie er seine Frau und seine Kinder und die greise Mutter einsam zurücklässt, so trifft sein Verlust nicht minder uns, deren Ruhmestitel und Stolz er allein ist. Seit den Tagen, wo unser Reich in Trümmer sank, wo das verbannte Volk sich in alle Himmelsstriche zerstreute, haben wir keinen Mann unter uns gehabt, der so einmütig die Liebe des ganzen Volkes auf sich vereinte, der weithin sichtbar war vor allem Volk, kein gekröntes Haupt, aber der geborene und auserkorene Fürst des Volkes. Unmöglich ist es uns, wo die Leiche unseres Vaters vor uns liegt, zu sagen, was er uns gewesen. Er war unsere Hoffnung und unser Stolz, unser Eines und unser Ahes. Denn in ihm verkörperte sich, was es in unserem Volke an leiblicher und geistiger Schönheit gab, in ihm krystallisierte sich die hoffnungsfreudige Zukuniftssicherheit unseres kummervollen Wanderstammes. Schön war er an Körper, bezaubernd schön von Antlitz, und wer ihri einmal gesehen, konnte niemals wieder den unendlich feinen und festen, und doch so wunderbar weichen und traurigen, milden Ausdruck seiner schwarzen Augen vergessen. Er war uns so der edelste Idealtypus unseres Stammes, dessen Schönheit sich in dem einen Manne vereinigt zu haben schien. Und doch war seine Seelenschönheit unendlich viel grösser als alle Schönheit seines Leibes und sogar seines Auges. Er war der Inbegriff aller edlen Stammestugend und der Liebe des Jüdischen Volkes, mit der es trotz aller Abirrungen unwandelbar an seinem Volkstum und an seinem Lande hängt .. . So lange das Jüdische Volk seine noch unfreiwillige Wanderschaft fortsetzt, wird es niemals der stolzesten Hoffnung vergessen, die es in seinem Exilisleiden hegen durfte, wird es stets der herrlichen Zeit eingedenk bleiben, wo es eines Herzl sich erfreuen durfte. Sein Andenken wird die Leuchte sein auf dem weiteren Leidenswege, der unserem Volke noch bevorsteht. Aber wenn es uns erst gelungen sein wird, das Ziel zu erreichen, zu dem er uns mit dem weithin wehenden Banner voranschritt, dann wird unsere schönste historische Erinnerung die edle Gestalt sein, die jetzt von uns genommen, und die in unserem Herzen und in unserer Seele niemals auch nur das Geringste von ihrem Glänze verlieren wird. Wir werden das Ziel erreichen, zu dem Theodor Herzl der Führer war. An seinem Grabe pflianzen wir die Hoffnung auf. Was sterblich an ihm ist, übergeben wir der Erde des fremden Landes, urn es dereinst in ein wiedererrungenes Heimatland mitnehmen zu können. Aber seine treue Liebe vermag kein Grab einzuschliessen, nicht sein liebendes Herz, das dem Volke schlug, das ihm gehört. Und ebenso bleibt unsere Liebe zu ihm unvergänglich. So lange wir leben, werden wir ihn lieben! Heinrich Loewe. Aus dem „Frankfurter Israelitischen Familienblatt": In den historischen Trauertagen des jüdischen Stammes, in denen von jeher unser unglückliches Volk altes Unheil ereilte, ist der grosse1 Führer gefallen; er, der mit kühnem Adlerflug uns zu den lichten Höhen einer besseren Zukunft emportrug, der mit dem tiefen Glauben an sein Volk es erat gelehrt hat, an sich selbst zu glauben. Und so fliessen denn zu den alten Tränen neue, und durch die neue Wunde b'liuten die alten wieder. Wie Moses einst, wurde auch er in fremdem Kreise auferzogen und ,,erst als er zum Manne herangewachsen war, begab er sich zu seinen Brüdern und sah ihre Not". Er kam und verkündete die frohe Wundermär der Befreiung aus Elend und Schmach — und merkwürdig! das Volk, das totgesagte — es glaubte! Es glaubte die mit tiefem Glauben verkündete Botschaft, es fasste neuen Mut und neue Hoffnung — es raffte sich zur Arbeit auf. Von dem Kap der guten Hoffnung bis zu den Eisfeldern Sibiriens regte sich neues Leben, die zerstreuten Glieder strebten mit Macht zueinander hin, aus allen Weltteilen reichten sich die Zersprengten die Hände zum erneuten Bruderbünde, zum Kampfe und zur Arbeit für Israels Recht und Israels Ehr'.

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