Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 29 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bie & weit11 Nr. 29 wollen wir arbeiten, das ist unsere Pflicht. Wir wollen unsere Kraft anspannen bis zum äussersten. Und wenn wir einmal zu erlahmen drohen, dann wollen "wir hinausgehen auf den Döblinger Friedhof und dort Einkehr in uns halten und fragen : „ Was würde H e r z 1 sagen?" Und dann werden wir unsere Beschlüsse fassen und wollen arbeiten bis wir vom Döblinger Friedhofe in jenes stille Dorf am Karmel, das er sich ausgesucht, seine Geheine vor unseren Heerschaaren tragen werden, wie die Gebeine Josefs, als Israel auszog aus Mizraim in die alte Heimat unseres Volkes. Ing. Ussischkin—Jekaterinoslaw (russisch): Ich will in zwei Worten charakterisieren, was Th. Herzl dem jüdischen Volk gegeben hat: Einigkeit und Mut. Die jüdische Welt war vor acht Jahren in zwei Lager gespalten : Ost und West. Die grosse Masse des jüdischen Volkes, die im Osten wohnt, hat das grosse jüdische Nationalideal, das jüdische Volk im Land seiner Väter zu sehen, bewahrt, und zur Verwirklichung bringen wollen* Aber ihre Umgebung und ihr Leben hat ihnen nicht die nötigen Mittel dazu gegeben. Die west-europäischen Juden, die in einem andern Milieu lebten, haben alle diese Mittel gehabt, und zwar: Kenntnis der politischen Verhältnisse, Reichtum und Organisationsfähigkeit. Aber sie haben das alles für andere Ideale verwendet, nur nicht für das jüdische Nationalideal. Da kam Herzl und sagte: Ihr müsst Ost und West vereinigen, wir müssen das Ideal von Osten nehmen und es mit den Mitteln der Westler verwirklichen. Das war das Eine, was Herzl dem jüdischen Volke gegeben hat: Einigkeit. Dann gab er dem Volke nationalen Mut. Die Alten, die das jüdische Ideal vor Herzl getragen haben, sie haben nie den nationalen Mut gehabt, öffentlich und freimütig der ganzen Welt, gegenüber kundzutun, sie haben nur in ihren Synagogen, Bethäusern, höchstens noch in jüdischen Versammlungen davon geflüstert, aber nichts weiter. Da kam Herzl und sagte: Wir müssen unsere Forderungen vor der ganzen nichtjüdischen Welt laut verkünden. Wir müssen den nationalen Mut haben, unsere nationalen Rechte und unsere nationale Heimat vor der ganzen Welt zu fordern. Das meine lieben Freunde ist Herzls politisches Testament Wenn wir den Namen Herzls zu verewigen wünschen, so dürfen wir es nicht mit Tränen und Wehklagen tun, sondern mit der Erfüllung seines Testaments: Wir Juden von Ost und West seien wir einig und bewahren wir stets den nationalen Mut! Dr. Alexander Marmorek (Paris): In Theodor Herzl haben wir so unendlich viel, so unersetzlich Grosses verloren, dass es uns dünkt, dass nur in einem bösen Traume die Hoffnung und das Glück von Hunderttausenden auf einmal zusammenstürzen könne. Und da es doch wahr ist, so zerreisst uns ein tiefes, unsagbares Weh. Ein Strom von Tränen aus Männeraugen ist das äussere Zeichen, wie sehr wir ihn geliebt haben. In ihm war einem bedrückten Volke plötzlich der Held erschienen, der seine Kette sprengte. Er hat uns gelehrt, der erste seit so vielen Jahrhunderten, dass nicht Worte und Klagen die Judenschmach tilgen können, sondern das ausdauernde und bewusste Streben nackensteifer Menschen nach einem scharf bezeichneten Punkt, nach der einzigen Lösung. Sein Leben war eine Hymne der Tat. Nie verlor er das Ziel aus dem Auge. Den Mut im Herzen, den Geist als Waffe begann er das Werk, das grosse, unsterbliche, Das Grosse das so viel der bereits in Sicherheit Befindlichen angriffen und verhöhnten, das unsterbliche, das Millionen Herzen stark machte und edel. Man nannte ihn einen Phantasten, weil er ein Seher war, und jene lächelten, die nicht wussten, dass der geborene Volksheld sich hoch über Zeit und Raum hinwegsetzen darf, um nicht für sich, sondern für seine Brüder, mit denen ihn gleiches Blut, derselbe Stolz auf die ruhmreichste Vergangenheit und derselbe Trotz gegen die Verächter verbindet, mehr Gerechtigkeit, Sonnenschein ins Leben und das freigewordene alte Vaterland zu träumen und auch schon zu sehen. Wir wissen, dass er nicht bloss ein Seher war, wir sahen, dass er ein guter praktischer Baumeister gewesen, dass er ein Fundament mühselig gelegt hat, und im Weiterbauen, und an der Vollendung durch den bitteren Tod verhindert ward. Worauf unsere Väter vergebens gehofft, dank ihm sehen wir es mit leibhaftigem Auge: Unser Volk, mit einem Führer an der Aufrichtung der Nation wirklich schaffend. Die Erde deckt sein junges Leben. Aber aufrecht sind uns geblieben, uns und kommenden Geschlechtern, sein Vermächtsnis, sein unbändiger Willen und der Glanz seinei Erscheinung. Lebend war er schon unsterblich; als Toter gehört er schon heute der Legende. Die Masse des Judenvolkes, die Menge jener, welche mitten in Ungemach und Demütigung, mitten in der sternenlosen Nacht barbarischer Jahrhunderte im innersten Winkel ihres Herzens nie vergessen, dass sie Makkabäer sind, dass ihrer die Zukunft ist, wird sein Andenken bald mit Sagen umspinnen. Einstens, wenn das jüdische Volk auf eigener Scholle frei leben wird, wird das greise Grossmütterchen in langen Geschichten den horchenden Eakelkindern von unserem Führer singen und sagen und ihn noch mit glorreicheren Gaben ausstatten, als er schon besass und ihn über noch mehr Feinde siegen lassen, als sich ihm wirklich in den Weg stellten. Wenn aber diese Kinder Männer geworden sein werden, dann werden sie uns glücklich preisen, dass wir in der Zeit gelebt, da er gekämpft, dass es uns vergönnt war, ihm beizustehen in dem grossen Plane, ja dass wir uns gar seine Freunde zu nennen das Recht hatten. Theodor Herzl hat schon zu seinen Lebzeiten dem Volke Hohes gebracht : Er hat die Parias geadelt, weil er ihrem Dasein Inhalt gegeben und sie an einem historischen Werk mitarbeiten liess. Er hat in die letzte, in die ärmste Hütte einen blinkenden Hoffnungsstrahl geworfen, der die Mühseligen belebt. Seine Jünger und Schüler zu sein, bedeutet für uns Kraft, und durch diese werden wir das Schwierige erreichen: Theodor Herzls Reste nach Alt-Neuland zu bringen, damit sie unter Palmen ruhen, sein Grab bespült von der ewigen sich gleichbleibenden Welle des Meeres, bestrahlt von der Sonne des freien Zion. Dr. phil. Schemarja Lewin (Wilna): Sollten wir in einem Worte die Bedeutung Herzls für die grosse jüdische Masse in Russland zusammenfassen, so wäre hier der alte Name „Schaufet" am besten am Platze. Ein Richter war Herzl für sein Volk, ein Richter im edelsten, erhabensten und tiefsten Sinne des Wortes. Auf die Epoche der alten Patriarchen, die yom Dunkel umgeben und mit dichtem Nebel der Verganganhei*1 umschleiert ist, folgt die poesievolle, anziehende und lockende Epoche der Richter. Die bis dahin untereinander kämpfenden und ringenden Stämme Israels beginnen zielbewusst die grosse und schwierige Aufgabe der Vereinigung. Zwar kommen auch noch dann verschiedene Missverständnisse, Zwistigkeiten und dergleichen im Leben der verschiedenen Stämme vor, allein der Prozess der Vereinigung, schreitet da er schon begonnen, fort. In der dunklen Geschichte beginnt es zu tagen, und wenn die Lage kritisch wird, wenn der Himmel sich wieder mit dunklen schweren Wolken zu bedecken scheint, kommt im passenden Moment der Retter, der Held, der zum Richter gekrönt wird. Das Volk kennt ihn nur wenig oder ganz wenig. Seine Heldentaten verkünden aber bald seinen