Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 18 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 flbie & W^lt Seite 11 würdige Aufgabe, Gewissheit zu verschaffen, in welchen jüdischen Familien zur Zeit des Dranges nach Assimilation Grillparzer verkehrte, worauf es nicht schwer fallen würde, die Gestalten"herauszufmden, welche er abkonterfeite. Den Schluss bildet ein Aufruf des Referenten, auch für die jüdischen Frauen wie in zionistischen Vereinen und in der Toynbeehalle Zentren zu schaffen, in welchen das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewusstsein der Verantwortung geweckt und gepflegt werden sollte. Der Vortragende, welcher mit seinen äusserst instruktiven und geistreichen Ausführungen die dichtgedrängte Besucherzahl fesselte, erntete am Schlüsse ehrlich verdienten, rauschenden Beifall. E. W Berlin. Mittwoch den 20. d.M. fand eine überaus zahlreich besuchte zionistische Versammlung statt, auf der Dr. Klee über die Verhandlungen des grossen „A.-C." referierte. Redner weist hin auf die grosse Spannung in der ganzen zionistischen Bewegung, mit der man die diesmalige Konferenz erwartete und auf die allgemeine Zufriedenheit infolge ihres Ausganges. Keine Seite sei hier von ihren prinzipiellen Ueberzeuguogen zurückgetreten, das habe auch niemand verlangt, es sei blosa das, was eigentlich ohnehin selbstverständlich war, konstatiert worden : dass auf rechtmässigem Wege zustande gekommene Beschlüsse für jeden Zionisten absolut bindend seien; dass prinzipielle Fragen stets Gegenstand freier Diskussion seien; dass jedoch die Diskussion in entsprechendem Tone geführt werden müsse, insbesondere persönliche Angriffe entschieden zu vermeiden seien. Da der grösste TVil der Zeit der gegenseitigen Verständigung gewidmet war, konnte natürlich wenig konkrete Arbeit geleistet werden. Das günstige Resultat sei hauptsächlich erzielt worden dank der lobenswerten loyalen Leitung, der zufolge, wie aus den Berichten ersichtlich ist, die russischen Zionisten sich in genügendster Weis« aussprechen konnten u^d der offenen, klaren und unzweideutigen Haltung unseres Führers Doktor Herzl. Bei der Konferenz sei man glücklicherweise darüber übereingekommen, dass die (nach Ansicht des Redners) seit jeher unbegründete Scheidung der Zionisten in westeuropäische oder „RaehmonesB-Zionisten und osteuropäische oder „nationale" Zionisten eine ungerechte sei. — Glücklich sei für jeden Fall das Resultat dieser Beratungen zu nennen, da unsere Bewegung sich noch den Luxus innerer Reibungen und Spaltungen nicht leisten kann und zur Erreichung nur eines Teiles der grossen zionistischen Aufgaben eine intensive, einträchtige Arbeit erforderlich sei. Nachdem noch mehrere Redner an der Diskussion teilgenommen hatten, wurde die Versammlung gegen Mitternacht geschlossen. Montag den 25. d. M. fand eine neue zionistische Versammlung statt zur Beratung der Propaganda des Zionismus in Berlin. Frankfurt a. M. 25. April. Heute abend hielt die hiesige Z.-V. eine öffentliche Versammlung ab, in der Dr. Klee aus Berlin das Referat hatte über die soziale Lösung der Judenfrage. 450 Personen. Redner behandelte das Thema, dessen Lösung nur im Zionismus liege, vom moralischen, historischen und politischen Gesichtspunkte. Von allen drei Gesichtspunkten ergebe sich die Notwendigkeit des Zionismus. Er widerlegte die oft gehörten Einwände der Undurchführbarkeit und des Konflikts zwischen Patriotismus (treuer Staatsbürgerschaft) und Zionismus (treufm Volksbewusstsein), Dass es keine spezielle deutsche, englische, russische etc. Judenfrage gebe, bewies er treffend durch das Paadigma, der Teilung Polens. Posensche Juden seien deutsche, litauische seien russische Juden. Die zufällige Trennung könne keine Volksunterschiede bewirken. Er geisselteMie Antisemiten- oder hier auch genannt Ahlwardtfrucht und legte den Unterschied der Auffassung des Begriffs Jüdisches Volk* durch Zionisten und Antisemiten dar. (Volk— fremdes Volk). Der Zionismus habe vieles erreicht, was man nie hoffen zu dürfen glaubte und werde noch mehr erreichen. Wir leben in einer grossen Zeit und sollen — mit diesen feurigen Appell, schloss er das Referat, sorgen, dass eine grosse Zeit nicht kleine Menschen finde. Disskussion keine. Schlusswort: Aufforderung an die Frauen, mitzuarbeiten. Minutenlanger,tosender Beifall. Vorsitzender Sondheimer. N.-F. M. 25. Neue Mitglieder 30. K o 1 Ii n e r. Buenos Aires. „Liga Dr. Th. Herzl" und Gesellschaft zionistischer Damen „Deborahtt 20. März Massenversammlung im Saale „La Argentina". 500 Besucher, Redner waren die Herren: Li ach o witzky, EHalpern, E. Kaplan, A. Crenovich, Frl. Zeitiin u. a. Vertrauensvotum für unseren Führer. Ueber 100 Schkolim neu verkauft. Pcüilletoi)* Catulle Mendes' neues Drama. Während man in jüdischen Kreisen und speziell in ■zionistischen darüber diskutiert, ob und wie eine nationale jüdische Kunst möglich sei., schafft der jüdische Genius aus.sieh selbst heraus, unbewusst und ohne jede Tendenz, bloss seinem künstlerischen Instinkte folgend. Werke der Schönheit, jüdischer Kunst. Ein jüdischer Dichter, der in Frankreich und für Frankreich schafft und dichtet, dessen Wesen das modernste in der literarischen Welt von Paris ist und ein bekannter jüdischer Komponist haben sich zusammengetan, um mit vereinton Kräften ein Kunstwerk zu schaffen. Trnd aus ihren vereinten Bemühungen, ist ein j ii d. i s c h e. s Werk entsprungen. 0 a t u 1 1 e M e n d 6 s hat ein musikalisches fünfaktiges "Drama gesehrieben und 0 a m i 11 e E r 1 a n £ e r hat es in "Musik gesetzt. Und das Stück heisst ,Xe fils de TEtoile", der Sohn des Sternes — Bar-Kochba. Wer kennt nicht die lichte Gestalt, des Fehlen, der so unglücklich sein Leben beschloss, des Helden, der sein Volk vom Joche befreien wollte und es zum völligen "Ruin führte, dessen Auftreten das letzte Aufzucken des jüdischen. Unabluingiahoitsgeistes war, der mit seinem Tode das Geschick der "Nation für immer besiegelt bat. des Hehlen, der als Bar-Kochba — der Selm des Sternes — in die Geschichte eingetreten ist, um als Bar-Kosiba — der Sohn der Lüge — seinen Geist auf dem Schlachtfelde auszubauchen! Wer kennt nicht diese färben gl üb ende, lebensprühende, übersprudelnde, jauchzende und stöhnende Zeit, wo das Judentum die letzten Kräfte aufbrauchte, um in einer übermenschlichen Anstrengung die Fesseln, die ihm der römische Machthaber auferlegte, zu sprengen und wieder frei zu werden. Und es treten damals die schönsten Typen des Judentums auf:.jene zehn Weisen, die für die Thom den grauenvollsten Martertod erlitten und an ihrer Spitze, von der Glorie des Märtyrers umstrahlt, jener gewaltige Geistesriese, der Rabbi Akiba hiess. Rabbi Akiba! Welchen Zauber hat für uns dieser "Name! Ein Befreier und ein Stürmer auf allen Gebieten des Lebens. Ein subtiler Dialektiker, der seine haarscharfe Analyse an den höchsten und heiligsten Traditionen waede und vor nichts zuThekschT'cekte, der den starren Geist des Judentums zu beleben und. aufzurütteln suchte. Der sagenumhüllte Akiba ben Josef, ein Sohn des Volkes, ein Demokrat, der verkörperte, schönste Typus des jüdischen Volkes. End. wie leidenschaftlich konnte er werden, dieser Halacha- 1 ehrer, wie begeistert! Dreissig Jahre lang predigte er. dass der Tag der Erlösung nahe sei. Dreissig Jahre lang bereitete er das ungeduldige, ungläubige, verzweifelnde Volk auf die grosse Stunde vor — denn er sah den Stern kommen, immer naber und näher. End Bar-Kochba kam. der Sternensohn. Und unter seinem Banner scharten sich die vierundzwanzigtausencl Schüler Rabbi Akibas zusammen und der greise Meister selbst wanderte nach Gallien und nach ..Aspamia", um den versprengten Söhnen Judas zu verkünden, dass „der Stern Jakobs erschienen sei"---- Welch ein grandioser Stoff! Welcher Reichtum an Bildern. Aber unser Volk war kein bildnerisches, kein sagenwebendes. Es fehlte ihm an der breitangelegten, mythenbiIdenden Phantasie. Wohl hie und da ein Strich, der an die Mythe erinnert, wohl ein Faden, der durch die nüchterne Erzählung mit silbernem Tramuglanze des Märchens durchschimmert, aber die Fäden waren zu vereinzelt und zu schwach, um zu einem Chwobe verflochten zu werden. Was hätUm nicht die Griechen oder die Germanen aus diesem historischen Material gemacht? Eine Rias, eine