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Die Welt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Article
Johann Gottfried Herders Stellung zum Judentum
Date
1903-12-25
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 lfbie # w^it" Nr. 52 unter uns Juden, die ununterbrochen nach der Aussen weit hinüber schielen un d alles Jüdische verachten, dass man es ihnen des öfteren ins Gedächtnis ruft, wie Vertreter dieser Aussenweit über uns Juden und über sie, die Abtrünnigen, gedacht haben. Es kann aber auch nicht schaden, unseren heutigen „arischen" Schriftstellern ihre eigene Kleinheit, das schmähliche Geschäft ihres Schmähertums an dem Beispiel grosser Männer vor Augen zu führen. Und für all das ist Herder ein Schulbeispiel. Man liebt es, ihn gerade in seinen Beziehungen zum Judentum in einem Atemzuge mit Lessing zu nennen. Und es ist richtig, diese beiden Männer waren und sind die einzigen wirklichen Vertreter der Humanitätsidee unter allen Dichtern und Denkern Deutschlands. Wie Lessing war auch Herder durchdrungen von dem Glauben an die Gleichheit aller Völker und Religionen, wie Lessing erhob auch er seine Stimme für die Unterdrücktesten und Geknechtesten, die Juden. Beide waren in derselben Sphäre der Unduldsamkeit aufgewachsen, die trotz Aufklärung in Fürsten-, Gelehrten- und Volkskreisen gegenüber den Juden zuhause war, und doch wurde beiden der Kampf für die Juden eine Lebensaufgabe. Doch während Lessing — eine Folge der verschiedenen Geistesanlage — den grossmütigen Juden aufs Theater brachte und so Figuren schuf, die ja in der Wirklichkeit immerhin nicht bestehen mussfeen, in dem Verhältnisse, in dem eben Dichtung und Leben zu einander stehen, hielt sich H e r d er an Tatsachen, an das, was die Juden bisher im Wettkampfe der Völker geleistet hatten, um daraus als Dichter und als Mensch seine Konsequenzen zu ziehen. Herders ganze geistige Anlage, seine Erziehung und sein Studien gang zog ihn zu einem Ideale hin, dass er in einer verschönerten Religion, einem hingebungsvollen Glauben sah. Er war durch und durch Monotheist, ohne die beschränkenden Fesseln eines einseitigen Glaubensbekenntnisses, er suchte sein Ideal bei allen Religionen und nahm es, wo er es fand. So kam es, dass der protestantische Konsistorialrat ein begeisterter Verteidiger und Verehrer des jüdischen Schrifttums und ein warmer Fürsprecher der Träger der jüdischen Offenbarung, der Juden, wurde. Man kann seine Tätigkeit auf diesem Gebiete, ohne fürchten zu müssen, in die Schablone zu verfallen, ruhig in zwei Teile gliedern, in die Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum und im Zusammenhange damit in die dichterische Verwertung desselben, dann in seine Auffassung von den Juden selbst, seine rein menschliche Stellung zur Judenfrage. Herders ganze Bildung war von der Bibel, dem alten Testament, aufs stärkste beeinflusst. Von der frühesten Jugend war ihm „diese einfachste, herzlichste und älteste Poesie der Erde" ein Geleitwerk bis ins höchste Alter. Seit Reuchlin gab es unter den deutschen Dichtern keinen so tüchtigen Kenner des Hebräischen, seit Luther keinen so eifrigen Uebersetzer der B'bel wie Herder. Er hatte sich die bilderreiche, markige Sprache des alten Testamentes so zueigen gemacht, dass er in den fernliegendsten Disziplinen und Themen Bilder der Bibel und ihre Worte einflocht und zitierte — durch seinen Lehrer und Freund Hamann wurde er auf die Bibel aufmerksam gemacht und schon als 18 jähriger Jüngling übersetzte er den Gesang des Cyrus. Als unmittelbare Frucht seiner hebräischen Studien erschien die Archäologie der Hebräer, die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes und das Hohelied Salomonis. In diesem sieht er das Hohelied der Liebe, das erste und schönste, das jemals gesungen wurde. Gekrönt wurden diese Studien durch sein grosses, leider nicht vollständiges Werk vom Geist der hebräischen Poesie. Dass dieser Mann die grösste Verehrung vor dem jüdischen Schrifttum hatte, ist nur natürlich. In langen Aufsätzen weist er auf die Schönheit der Psalmen, auf die Erhabenheit der jüdischen Literatur hin, stellt Vergleiche zwischen den grossen Propheten und den jetzigen Predigern an: „Was ergreift Ihr?" ruft er den Theologen zu, „wenn ich da den Vortrag der Propheten, im mindesten und grössten, den Himmelsflug Jesaias', wenn er wie der Adler zur Wolke jetzt steigt, jetzt hinunter zur Zederwipfel sich senkt, und die Trauerpredigt Jeremias, g&nz in Tränen und Elend verfasset und das Ausmalen Ezechiels. Wenn ich sie im allgemeinen prophetischen Gesichtspunkt erfasse : wie national alles! wie zeitgemäss! individuell! Laster und Fehler gerade ins Auge gegriffen, nichts weniger als Ausführungen allgemeiner Tröster; aber dagegen wie scharf! wie treffend! wie bestimmt!. . Das Wort in ihrem Mund ist Feuer, ist wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt. Und jetzt Ihr!K .. . Wie er hier die Theologen auf die Schönheiten der Bibel aufmerksam macht, so verweist er in den Fragmenten die deutschen Dichter auf die hebräischen Dichtungen, von denen sie Poesie lernen sollen. Er verlangt vor allem gute Uebersetzungen der Bibel und gibt in seinem Werke selbst einen Versuch dafür. Doch die Bedeutung seiner Arbeiten liegt darin, dass er keine einfachtn Verdeutschungen lieferte — und auch das wäre schon eine beachtenswerte Leistung — sondern, dass er mit dichterischem Gefühl die Schönheiten der hebräischen Poesie ins rechte Licht setzte, das jüdische Schrifttum in ein modernes deutsches Kleid brachte. — Haben wir bis jetzt die Stellung des Dichters'zu den Dichtungen betrachtet, so erübrigt uns noch, das Verhältnis des Menschen zu den Menschen, welchen er seine liebe Bibel verdankte, zu beleuchten. Da spiingt uns die bei Herder sich des öfteren wiederholende Aeusserung in die Augen, nach der ihm die Juden „ein eigenartiges, s<hcn in seinen Gebeten als ein von allen Völkern unterschiedenes Volk" waren. „Ein fremdes, asiatisches Volk" nennt er es an einer Stelle1), allerdings nicht in dem gehässigen Sinne, den neuere Tendenzschriftsteller2) diesen Worten gern geben möchten, sondern ein eben „aus Asien zu uns nach Deutschland gekommenes scharfsinniges Volk, ein Wunder der Zeiten!4 Er ist keineswegs blind gegen die Fehler der Juden und weiss nicht genug ihr unersättliches Streben nach Geld, ihren Wucher zu tadeln, der sie, so meint er, sogar der Industrie unzugänglich macht. Doch staunt er gleichzeitig über ihre Widerstandsfähigkeit, ihre Emsigkeit und kommt zu dem Schlüsse: „Sammelte jemand eine Geschichte der Juden aus allen Ländern, in die sie zerstreut sind, so zeigte sich damit ein Schaustück der Menschheit, das als ein Natur- und politisches Ereignis gleich merkwürdig wäre. Denn kein Volk der Erde hat sich wie dieses verbreitet: Kein Volk der Erde hat sich wie dieses in allen Klimaten so kenntlich und rüstig erhalten;"3) aber, fügt er später hinzu, kein Volk hat sich so mit Verleumdung seines Ich an andere Völker anzuschmiegen versucht wie gerade die Juden, die trotz aller Unterdrückung nirgends sich nach eigener Ehre und Wohnung, nirgends nach einem Vaterlande sehnten/ So findet er von uns Juden keinen grösseren Fehler als die Heimatlosigkeit, das Fehlen eines bewussten Nationalismus. Und da er die Schrift eines englischen Philosophen David Hartleyzu Gesicht bekommt, der es wahrscheinlich findet, dass die Juden einst in Palästina wieder werden eingeführt werden, ruft er ihnen zu: „Glück zu also, wenn ein Messias-Bonaparte sieghaft sie dahin zurückführt, Glück zu nach Palästina!14 *) Adrastea V. Bekehrung der Juden. 2) Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrh. VI. Kapitel. „Der Eintritt der Juden in d. christl. Zeit". 3) Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, XII. 3.

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