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Die Welt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Article
Das neue Wort
Date
1903-12-25
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 52 „bie & w^it" Seite 13 fkuilkfoi). -Das neue Wort. ßialik zugeeignet von Israel Auerbach Ich aber sage euch : Genug geweint! Genug gestöhnt und eure Hand* gerungen! Genug die Augen stier, und lahm die Zungen Und in der Brust die Seele gramversteint! Genug gewimmert durch die schwarzen Nächte Und Tags die Haare durch den Staub geschleift, Den Rücken hingekrümmt wie Hund und Knechte-- Denn — hört ihr, Brüder? die Erlösung reift!! Ich hatte euch verworfen und verflucht, Wie Scherben über Steine euch zerbrochen — Denn meinem Boten, der mein Wort gesprochen, Und meinem Geist, der euren Geist gesucht, Habt taub und blind ihr Ohr und Tür verriegelt Und die versklavten Herzen abgewandt — So hatt* ich meinen Bund mit euch entsiegelt Und über euch geschwungen meine Hand. Nun aber sag' ich euch: Genug vom Schwert! In meinen Himmel hat eu'r Weh gegriffen, Die Erde bebte auf in ihren Tiefen, Der letzte Abgrund hat eu'r Schrei'n gehört; Ich aber sah eu'r Blut wie Ströme fliessen Und Tränen weit und bitter wie das Meer Und eure Seelen wie vom Sturm zerrissen-- Und sprach: „Zu schwer das Joch! ich kann nicht mehr!* Habt ihr gespottet, habt ihr nun gestöhnt, Habt ihr gelacht, so habt ihr nun gezittert, Habt ihr gefrevelt, habt ihr nun erschüttert In Reue euch, gereinigt und^versöhnt; Und habt ihr euer Höchstes einst verhandelt Und euer Selbst verkauft um feiles Geld — So seid ihr wieder heimatwärts gewandelt Und suchtet wieder eures Volkes Zelt. Die Kinder, die, verirrt im fremden Wald, Zurückgekehrt im Mutterschoss gelegen, Die Lippen, die, entweiht auf allen Wegen, Zurückgekehrt der Väter Laut gelallt, Die Nacken, die in neuem Trotz sich strafften, Die Fäuste, die nach Schwertern umgefühlt-- Die waren's, die dem Unheil euch entrafften, So spricht der Herr — und meinen Zorn gekühlt. Genug, mein Volk! Du lagst in schlimmer Glut, Schwer war mein Hammer auf dich hingesunken — Nun aber sprang er aus, der goldne Funken, Der lange tot in deinem Rost geruht Mit deinem Schmerz ist deine Kraft erstanden, Und deine Härte wuchs mit deiner Qual — Der schwere Hammer unter meinen Händen, Der schlug mein faules Eisen blank zum Stahl! --Die Quellen, die ich allwärts aufgetan, Die Sonnen, die an allen Himmeln glänzten, Die Blumen, die da alle Stirnen kränzten, Die Früchte, die besäten jeden Plan: Erst habt Ihr wohl gelechzt und weh geschmachtet, Wahnsinn ergriff euch, dass sie euch gesperrt — —Dann habt ihr euch gefasst nnd sie verachtet, Wie Gift und Disteln selbst sie abgewehrt, Denn heH're Wasser habt ihr aufgedeckt, Und grössre Sonnen habt ihr angezündet, Und Blumen, duft'ger als der Lenz sie windet, Und Lieder wundersam in euch erweckt: In eurem Traum habt ihr sie euch bereitet, In eurem Geist aus euch für euch gezeugt — Da lag die Hoffnung vor euch hingespreitet, Daraus Erfüllung wie ein Adler steigt. Mit diesem Traum in eurem Seherblick War euch die Rute wie ein Geigenstreichen, Ein gift'ger Trunk euch wie ein Labereichen, Klang euch ein jeder Fluch wie Wunsch auf Glück; Ein jeder Pfad, den flüchtend ihr gekommen, War euch wie Wallfahrt nur zur Heimatruh, Die Toten, die die Erde aufgenommen, Die decktet kaum ihr wie zum Schlummer zu--- Einst sprach ich: „Weil du zagst, sei Zittern dein! Weil du dich schämst, sollst du zuschanden werden! Weil du dich biegst, sollst du zerbrochen werden! Bist du ein Wurm, sollst du zertreten sein!" — Nun aber ist dies Wort als nie gewesen. Ein neues Wort geht aus und vor mir her. Mein Israel! dieweil du mir genesen, So höre mich! also spricht Gott der Herr: „Bist du die Faust, so werde ich dein Schwert! Bist du das Schwert, will ich dein Kämpfer werden! Bin ich dein Kampf, eo wirst du Sieger werden! Glühst du, bin ich die Flamme, die verzehrt! Weil du die fremden Quellen nicht gewollt. So will ich dich aus Edens Quellen tränken, Und weil du nicht gebuhlt nach fremdem Gold, Will ich dir deine goldne Heimat schenken!"--- Mir aber sagte Gott: „Knecht, heb' die Hand, Dort, wo gen Osten sich die Wolken neigen, Und einen weissen Falken lasse steigen, Dort, wo die Sonne aufgeht, über Land. Dann sprich: „Mein Volk! Wie über diese Hügel Den Falken trägt die Schwinge fort und fort So trägt dich deines Gottes Adlerflügel!!" Also erging an mich des Herren Wort. Johann Gottfried Herders Stellung zum Judentum. Einer der grossen Aufklärer des 18. Jahrhunderts» Johann Gottfried Herder, wird in diesen Tagen anlässlich seines 100. Todestages überall, wo deutsches Wort und deutsche Sitten, ja, überall dort, wo das Wort Menschlichkeit nicht fremd ist, gefeiert. Da verlohnt es sich wohl der Mühe, die Beziehungen diesesMannes zum Judentum, an dem die schönste Humanität nur zu oft Schiffbruch leidet, näher ins Auge zu fassen. Nicht, dass ich damit dem in gewissen jüdischen Kreisen leider so beliebten Brauch Vorschub leisten wollte, sich mit Vorliebe auf die schönen Aussprüche liberaler christlicher Denker zu berufen, im übrigen aber die jüdischen Dinge so gehen zu lassen, als ob sie am besten bestellt wären. Ganz im Gegenteil, eine Darlegung der Stellung Herders zu Juden und Judentum soll ganz anderen Zwecken dienen. Es ist immerhin gut, für uns Jüdisch- Nationale, dass wir, denen von allen Seiten nur Hass und Feindschaft entgegengebracht wird, ab und zu an die Worte grosser Männer erinnert werden, um uns selbst den stark befehdeten Glauben an uns und unser jüdisches^Schrifttum zu bewahren. Es ist auch nötig für die Fahnenflüchtigen

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