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Die Welt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Article
Der Zionismus in Wien und anderswo
Date
1903-12-25
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 52 „bie & weit" Seite 11 Man sagt uns, dass unser Bemühen fruchtlos und vergebens sei. Man kann es sagen, es steht Behauptung gegen Behauptung. Was man aber nicht probiert, wird nicht erreicht werden* Wir haben schon Vieles erreicht, insbesondere, dass wir die todesstarre jüdische Masse zum Leben gebracht haben und dass wir so viele jüdische Kraft, lebendige Kraft losgelöst haben, die sich willig in den Dienst des Volkes stellt (Beif.) Dass wir jene Juden, die etwas geworden sind im Leben, dazu geführt haben, dass sie ihre Kräfte nicht nutzlos und danklos andern Völkern, sondern ihrem eigenen Volke widmen wollen. Wir sind zur Erkenntniss gekommen, dass das Bleiben jener Juden, die sich im Osten befinden, in ihren Vaterländern ein Ding der Unmöglichkeit sei. Es ist das Grundprinzip unseres Programmes, ihnen ein neues Land zu schaffen, in dem es keine Judennot geben soll* Die Berichte aus Kischenew sind nur blasse Berichte. Sie müssen russische Brüder und Blutzeugen gehört haben, um zu erfahren, dass die Not nicht eine bloss lokale ist. Noch vor einem Jahrzehnt war es leicht, sich diesen Verhältnissen durch Auswanderung zu entziehen und Hunderttausende sind nach Amerika, nach England ausgewandert. Schon hat Amerika seine Grenzen gesperrt und England ist im Begriffe es zu tun. Wo ist da noch ein Tor, das den Juden offen stünde? Als die Greuel in Kischenew die ganze Schauerlichkeit der Lage der russischen Juden aufgedeckt hatten, da war das „goldene Herz" des Juden sofort hilfsbereit mit — Geldunterstützung, aber kann Geld aliein hier helfen? Heraus aus dem Hexenkessel! war der einstimmige Notschrei der Unglücklichen. Aber der Beschluss der in Frankfurt zusammengetretenen Konferenz jüdischer Philanthropen lautete dahin, die Juden müssten im Lande (Russland) verbleiben, und eine Verbesserung ihrer Lage anstreben. Man wird da an den Wunsch des Berliner jüdischen ßanquiers erinnert, der von einem „minderen" Juden verlangte, sein Sohn solle Steinklopfer werden, damit der Banquierssohn Leutnant werden könne. Da kam der VI. Kongress und brachte ein Schreiben Plehwes, worin dieer sagte, dass die Regierung des Zaren nichts Besseres wünsche als die Auswanderung der Juden. Nun sollte man doch meinen, dass man ein anderes Auskunftsmittel sucht und sich sagt: Lasst uns tun, nachdem es von der Regierung des Landes verlangt wird und was soviele Millionen Juden mit Begeisterung verlangen, lasst uns nach einem Stückchen Erde suchen, auf welchem das Volk ruhig existieren könnte. Aber nein, im Trotze wollen sie es gerade nicht tun, weil es ein Wunsch der Zionisten ist. Und dieser kindische Trotz, er hat wahrhaft törichte, kindische Ausbrüche. Da kamen dreissig Kinder aus Kischenew nach Wien. Kinder von Gemordeten, Kinder von zugrunde Gerichteten, die wir Zionisten nach Palästina schicken, um sie dort in einer Schulfarm zu erziehen. Es sind jedenfalls unschuldige, armselige Kinder, die schon so viel Not trotz der zartesten Jugend erlitten hatten. Auf dem ganzen Wege waren sie Gegenstand der Unterstützung, der liebevollsten Fürsorge in allen Gemeinden, wo sie sich aufhielten. Die zionistische Organisation hielt es für ihre Pflicht, sich — nicht aus Not — auch an den Vorstand der Wiener Gemeinde zu wenden, er möge sein Scherflein beitragen für die armen Kinder. Aber die Bitte kam von Zionisten und ein Rosch- Hakohol — ich hätte beinahe gesagt ein Rosehe-Hakohol (Lebhafter Beifall) — weigerte sich, dieser Bitte zu entsprechen und schämte sich nicht daran Lästerungen der Zionisten und der armen Kinder anzuknüpfen (Entrüstungsrufe.) Die Lastträger von Triest, die haben ihm geantwortet. Sie weigerten sich, Lohn anzunehmen für die Beförderung des Gepäckes der armen Waisen, und die Verwaltuner des christlichen Armenhauses von Triest spendete jedem Kinde einen* warmen Kotzen für die Seereise. (Lebhafter Beifall.) Dies alles habe ich angeführt, um Ihnen zu zeigen, wie wir zur Kultusgemeinde und wie diese zu uns steht. Uns kann man nur die grosse Liebe zu unserem Volke und unser Streben, seine Lage zu verbessern, vorwerfen und das Bestreben, Eines zu wahren, an das die Herren in der Kultusstube gar nicht denken, die Ehre unseres Volkes» So wollen wir nicht das erbärmliche Schauspiel bieten, das wir allen Spott ruhig hinnehmen und geduldig auf künftige, bessere Zeiten warten, sondern wollen diese bessere Zeit selbst herbeiführen. Das ist das Ziel des Zionismus. Er erstrebt für das jüdische Volk, für alle jene Juden, die sich in ihren Wohnsitzen nicht assimilieren wollen oder können, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Man hat uns oft vorgeworfen, unser Streben sei eine Utopie, ein Traum. Alles, was verwirklicht werden soll, muss zuerst ein Traum sein in dem Kopfe des Schaffenden, Auch ein Projekt zum Baue eines Hauses ist zuerst ein Traum im Kopfe des Architekten. Wenn dieser Traum die Bedingungen der Ausführbarkeit hat, wird er zum Projekt zum Unterschiede vom Phantom, das die Köpfe unserer Gegner erfüllt, und das in der Hoffnung auf ewigen Frieden unter allen Wesen auf Erden besteht, wozu sie die Juden zu erziehen die Mission hätten! Der Zionismus ist ein Projekt, indem er bemüht ist, für eine Idee die Realisierungsbedingungen zu schaffen, und wir hoffen, sie immer weiter auszugestalten. Wir haben vorerst das Volk geschaffen, indem wir die vereinzelten Splitter wieder vereinigt haben. Was Baron Hirsch mit seinen Millionen nicht erreichte, das haben wir arme Intellektuelle erreicht: Wir haben aus diesen Splittern ein Ganzes zusamrnengeschweisst. Wir haben unsere Anhänger und Genossen in der ganzen Welt. Wir haben die Möglichkeit geschaffen, ein Land zu bekommen. Wir haben bei allen Regierungen vorgesprochenwund"überall das vollkommene Erfassen unserer Idee gefunden."Fast für alle Regierungen ist die Judenfrage eine Frage, tdie ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. (Beif.) Als wir seinerzeit zuerst von unserem Plane sprachen, Palästina wieder zu erlangen, da fanden wir überall ein mitleidiges Lächeln und die Ganz-Gescheidten, die das Gras wachsen hören, sagten : „Ja, aber Russland wird nie zugeben, dass Palästina jemals den Juden gehören solle/ Und nun der Brief P1 e h w e s, der ausdrücklich erklärt hat, dass Russland nicht nur nichts dagegen habe, dass die Juden Palästina wieder erlangen sollen, sondern ihnen sogar diplomatische Unterstützung bei der Pforte verspricht. Wir haben bei den verschiedenen Regierungen Verständnis gefunden für unsere Sache, wenn auch noch kein Resultat zu verzeichnen ist. Aber inzwischen ist ein ganz anderes Angebot gekommen, das zeigt, dass unser Bestreben, unser Wollen auch bei anderen Völkern Unterstützung findet. Die englische Regierung hat uns zuerst die Aussicht eröffnet auf die Sinaihalbinsel, welche heute unter ägyptischer Hoheit steht Da dies nicht zu erlangen war, hat die englische Regierung in ihrem grossen Wohlwollen ein Land in Ostafrika angeboten, welches allen Anforderungen europäischer Kolonisten angeblich entsprechen soll und zur Aufnahme einer sehr grossen Zahl jüdischer Kolonisten geeignet wäre. Wir können über diese Frage noch nicht ein endgiltiges Urteil fällen. Wir schicken zuerst eine Kommission in das Land und wir werden die Juden erst dann hinausschicken, wenn wir von der Durchführbarkeit der Kolonisierung überzeugt sind. Das sind die Bemühungen der Zionisten und ich glaube, Sie werden in meinen Worten nichts gefunden haben, was nicht jeder unterschreiben könnte. Hier in dieser Versammlung ist ein Herr anwesend, der mir auf meine Einladung erwiderte: Aber das sage ich Ihnen gleich, in den Verein trete ich nicht ein. Dfcs erinnert mich an die Geschichte von Galilei, der seine Inquisitionsrichter bat, doch in das Fernrohr zu sehen und sich von der Richtigkeit seiner Behauptungen selbst zu überzeugen. Die Richter aber wollten sich nicht überzeugen lassen und weigerten sich daher, durch das Fernrohr zu sehen. Ich will hoffen, dass die Juden nicht so borniert sein werden, wie die Inquisitoren und unsere Bestrebungen objektiver betrachten wollen. Dann werden sie alle-in unsere Reihen treten und sie vergrössern zum Heile des wieder seiner selbst bewusst gewordenen jüdischen Volkes. Von den Gemeindewahlen in Köln. (Tel.) In der dritten Klasse haben wir und unsere Verbündeten mit kolossaler Majorität gesiegt (655 gegen 370). In der ersten und zweiten Klasse siegten die Gegner mit 90 gegen 55 und 20 gegen 13 Stimmen. Die Gegner haben noch die Macht in der Gemeinde nnd wird die Assimilation ihre Triumphe feiern, bis wir sie samt dem Drei- Klassensystem hinauswerfen. Ein Telegramm aus Minsk. Der Verein „Zioni" veranstaltete mit Erlaubnis des Gouverneurs eine grossartige Makkabäerfeier für Kinder mit glänzendem Erfolge. Mehr als 600 Gäste waren erschienen.

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