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Die Welt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Article
Aus der Rede Mr. Greenbergs
Date
1903-12-25
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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Seite 4 „bie # weit" Nr. 52 Aus der Rede Mr. Greenbergs bei der Chanukah-Feier der vereinigten „Bnei-Zion"- und „Sehnrath- Zion"-Vereine in London 14. Dezember 1903. . .. Die Juden sind ein kritisches Volk, vielleicht ein hyperkritisches Volk. Sie erziehen sich selbst in der Idee, dass ihre Ansichten so gut sind als die irgend jemandes, und in der Regel sogar ein bisschen besser. Er (Greenberg) halte sich verpflichtet zu sagen, dass so eine Haltung ihre Vorteile hat. Sie gestatte den Menschen, für ihre eigenen Vorteile einzustehen und gebe die Möglichkeit der Erörterung aller daran stossenden Fragen. Mit Bezug auf das Ostafrika-Projekt aber hat sie doch nicht die äusserste Grenze der Frage erreicht, und es wäre möglich, dass sie es nie erreichen wird. Bis jetzt besteht alles, was getan wurde, darin, dass ein edles und grossmütiges Anbot oder eine solche Anregung seitens der britischen Regierung (lauter Beifall) mit jenem Gefühle der Dankbarkeit entgegen genommen wurde, welches im Herzen jedes Juden sich regen muss, wenn er sich erinnert, dass es zum ersten Male seit 2000 Jahren sich ereignet, dass eine Regierung mit Juden unterhandelt (Lauter Beifall). Und was war das Votum des Kongresses? Es war einfach die Erklärung, dass das Anbot der britischen Regierung in Betracht gezogen, und wenn notwendig, eine Kommission nach Ost-Afrika gesendet werden solle. Drei oder vier Erwägungen mussten im Geiste Dr. Herzls und des Kongresses auftauchen, als die Angelegenheit vorgebracht wurde. In erster Reihe hat ein Land, das als jüdische Niederlassung dienen soll, ein weites Territorium zu sein, um die herrschende Zusammenpressung der Juden im Osten Europas zu beheben. Weiters muss es ein Land sein, dass eine Anziehung ausübt, nicht auf jene, welche von Wohl- oder Mildtätigkeit abhängig sind, sondern auf jene, welche unabhängig sind, und ihren eigenen Weg in der Welt gehen wollen. (Beifall). Ferner muss das Land ansiedlungsfähig sein, d. h. ein Land sein, in dem weisse Menschen wohnen und leben können. Endlich muss es mit autonomen Rechten ausgestattet sein, ohne welche kein Territorium auf die Zionißten eine Anziehung ausüben kann. (Hört! Hört!) Aber noch etwas anderes war zu erwägen. Das Land muss durch das eigene Volk erworben und mit dem Enthusiasmus des eigenen Volkes bevölkert werden, und er (Greenberg) möchte wiederholen, was er schon mehreremale erzählte, dass — als er während des Basler Kongresses in den Beratungssaal der russischen Delegierten eintrat und sah, dass selbst die Männer, die geradewegs aus Kischenew, Hornel und Mohilew gekommen waren, erklärten, irgend etwas anderes ausser Palästina nicht einmal in Erwägung ziehen zu wollen — ihm der Gedanke kam, dass zum mindesten der Enthusiasmus, welche für so einen Plan notwendig sei, jedenfalls nach der Richtung, in welcher er jetzt in Anspruch genommen werden sollte, fehle. Die Sache lässt sich in zwei Worten zusammenfassen. Hier lag ein Anbot an ein Volk vor, das eine Zufluchtsstätte braucht vor drückender Verfolgung. Bemerken müsse er (Greenberg), dass alles, was er sage, der Ausdruck seiner eigenen Ansicht sei. Nun mögen die Juden warten und sehen, was nun kommen werde. Was aber auch kommen möge, so sei er (Greenberg) für sich zufrieden in der Ueberzeugung, dass der Führer Dr. H e r z 1 in seinem Feingefühle, mit seinen glänzenden Idealen und Ansichten im Glauben sich befindet, dass Ostafrika ein Schritt näher zu Palästina ist. (Beifall.) Wenn aber durch das Ostafrikaprojekt die Bewegung gespalten werden sollte, wenn die Leute selbst, für welche es in Wirklichkeit gedacht ist, diesen Plan zurück- *) Man wird diese Ausführung mit besonderem Interesse lesen, weil Mr. Greenberg bekannilich der Vermittler in den Unterhandlungen mit der englischen Regierung war. Die Red. weisen, so sei es seine (Grembergs) bescheidene Ansicht, dass das Ostafrika-Projekt aufgegeben und um Entschuldigung gebeten werden solle, dass man es nicht akzeptiere, und er würde sich dann frei von jeder Verantwortlichkeit in Bezug darauf fühlen. Die Chatkower Konferenz. Aus Odessa geht uns ein Berieht von vertrauenswürdiger Seite zu, der uns folgende Informationen zukommen läsest: „Wie wir erfahren, hat vor einiger Zeit in Charkow eine Konferenz stattgefunden, an der fast alle russischen Mitglieder des grossen A.-C. teilgenommen haben sollen. Es soll eine Reihe von Beschlüssen gefasst worden sein, die, wenn sich die Richtigkeit der Meldungen unserer Gewährsmänner bestätigt, uns russischen Zionisten bei den Zionisten anderer Länder sehr diskreditieren werden. Zur Aufklärung will ich daher gleich bemerken, dass wir kongresstreuen Zionisten in Russland diesen Beschlüssen ganz fernestellen und für die Verhandlungen dieser Konferenz nicht verantwortlich gemacht werden wollen. Wir beraten noch, in welcher Weise wir am entschiedensten diesen Herren entgegentreten können und sind der festen Ueberzeugung, dass dies das letzte Stück war, das sie als unsere 'Vorsteher begehen durften. Von den Beschlüssen der Charkower Konferenz sind uns vor allem die auf den Ugandaplan bezüglichen bekannt geworden. Sie wenden sieh in schroffer Weise gegen das Projekt. Dr. Herzl, so verlangte die Charkower Konferenz nach der uns zugekommenen Mitteilung, solle eine schriftliche Garantie leisten, das Ostafrikaprojekt gänzlich zu liquidieren und zwar nicht später als bis zum VII. Kongress. Ebenso solle Dr. Herzl schriftlich sich verpflichten, späterhin keine neuen Territoriumsprojekte als Führer des Zionismus ins Leben zu rufen. Ob die Konferenz den Regierungen der Grossmächte auch verbiete, Dr. Herzl irgend einen Landstrich anzubieten, scheint nicht beschlossen worden zu sein. In Bezug auf die innere Organisation in Russland soll die Konferenz eine Reihe von Beschlüssen gefasst haben, die mit vollständiger Ausserachtlassung des vom Kongresse festgelegten Statuts eine förmliche Sonderstellung der russischen A.-C.-Mitglieder bedeuten und ihnen dadurch einen Kinfluss auf die Eni Schliessungen der anderen Zionisten verbürgen würden, der fast einer totalen Beherrschung des Kongresses gleichkäme. Wir kongresstreuen Zionisten Russlands werden zwar immer darnach trachten, einen unserer Zahl und Leistung entsprechenden Einfluss zu erlangen, wir werden aber nicht so töricht und so unbillig sein, eine Art Diktatur anzustreben, weil wir wissen, dass dies weder möglich, noch, wenn möglich, für den Zionismus gut wäre. Die Charkower Herren sollen zwar ausdrücklich die Gleichwertigkeit aller A.-C.-Mitglieder proklamiert, sieh selber aber, als den Vertretern der russischen Zionisten besondere Vorrechte vindiziert haben, die bei der Anzahl der russischen A.-C.-Mitglieder sie mit einer Art von Imperium ausrüsten würden. Um die Wiener Leitung gefügiger zu machen, drohen sie mit Zurückhaltung der ihnen von den Sehekelzahlern überwiesenen Gelder. Diese Eigenmächtigkeit wurde nicht etwa im Auftrage einer allrussischen Konferenz der Zionisten beschlossen^ sondern wird von dem Dutzend (oder noch weniger) der Charkower Konferenz- Mitglieder einfach dekretiert. Wozu der Kongress Beschlüsse fasste, wenn die auf höchstens zwei Jahre gewählten Vorsteher sie einfach wieder hinwegdekretieren könnten, darüber seheint man in Charkow, wo man so lebhaft über die Eigenmächtigkeit Dr. Herzls Klage geführt haben soll, recht leichten Herzens hinweggegangen zu sein.

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