Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 „bi* & W^lt" Seite 3 dann dem Manne zu, der durch den zweiten Schuss eine Verletzung am Fusse erhalten hatte. Im Saale entstand eine arge Panik und die Anwesenden stürzten sich auf den Attentäter. Als dieser festgenommen wurde, führte er wirre Reden, so dass einige anwesende Aerzte ihrer Meinung Ausdruck gaben, dass man es mit einem lrrsinnigen zu tun habe. Chaskel Louban ist ein russischer Student und aus seinen verworrenen Angaben war keine Klarheit über das Motiv der Tat zu gewinnen, da es bald den Anschein hatte, als gehöre er einer nihilistischen oder anarchistischen Sekte an, die gegen die Führer der Zionisten vorgehen wolle, bald wieder, als sei er selbst Zionist der sogenannten orthodoxen Observanz, der aus parteipolitischen Gründen den Angriff unternommen habe. * Die Nachricht von einem Attentat auf Dr. Nord au gelangte Sonntag nachmittags nach Wien und rief in zionistischen Kreisen kolossale Aufregung hervor. Doch glaubten viele noch an eine Erfindung, weil zu dieser Zeit erst eine einzige und unbestätigte Meldung vorlag. Montag wurde diese zur Gewissheit, als alle Wiener Blätter ausführliche Berichte über das Attentat brachten, entsprechend der Stellung Nordaus in der Kultuiwelt. Wir fanden folgenden Tatbestand in den ersten Morgenblättern: Paris. 19. Dezember. Im Saale Charras fand gestern eine von Zionisten veranstaltete Ballsoiree statt? an der auch Dr. Max Nord au teilnahm. Gegen Mitternacht feuerte plötzlich ein junger, ärmlich gekleideter Mann zwei Revolverschüsse gegen Nordau ab. Der erste Schuss streifte Nordau am Kinn, der zweite verwundete einen der Gäste namens Otto Welsky leicht am Fusse. Der Attentäter, der sofort verhaftet wurde, erklärte, dass er Chaim Selig Luban heisse, 23 Jahre alt sei und aus Eussland stamme. Er gab ferner an, dafs er Revolutionär sei und durch das Los zum Attentat auf Nordau bestimmt wurde. Paris. 20. Dezember. Der wegen des Mordversuches auf Dr. Max Nordau verhaftete Luban erklärte, er habe Nordau deshalb t ö d t e n wollen, weil derselbe im Widerspruch zu dem ursprünglichen Programme der Zionisten auf dem Baseler Kongress für das Anerbieten Chamber- 1 a i n's, betreffend die Gründung einer autonomen J udenkolonie inEnglisch - Afrika, eingetreten sei. Paris, 20. Dezember. Max Nordau erzählt über das Attentat Folgendes: Mit Marmorek, Kerb und anderen Freunden konversierte ich um Mitternacht in einer Fensternische. Ein flaumbärtiger junger Mann, welcher mich kurz vorher um eine Unterredung ersucht hatte, näherte sich unserer Gruppe und rief in deutscher Sprache: „Nieder mit Nordau! Nieder mit dem afrikanischen Judenstaat!" Im selben Augenblicke erfolgte knapp vor meinem rechten Ohre eine Detonation. Die Kugel traf fünf Zentimeter von Marmorek's Wange entfernt die Mauer. Ob der zweite Schuss das Bein meines armen jungen Freundes Welski direkt traf oder ob auch diese Kugel zuerst eine Mauer gestreift, vermag ich nicht anzugeben. Während Kerb und ich den Selig Luban festhielten, um ihn vor Züchtigung durch die Aufgeregten zu schützen, stammelte er verworrenes Zeug. Er ist jung vermalt und kam aus Freiburg mit einem Kreditbriefe an den Kredit Lyonnais. Ob er wirklich ausgelost worden sei, mich zu tödten, verdient erst geprüft zu werden. Richtig ist, dass es unter unseren sehr ehrenwerten, Z i o n und nichts Anderes anstrebenden Genossen eine Anzahl von Exaltados gibt. Einen talentloseren Exekutor hätten diese allerdings nicht finden können. In einem anderen Blatte, dass ebenfalls Dr. Nordau interviewen liess, findet sich folgende Version: Dr. Nordau stand um Mitternacht im Gespräche mit einigen Herren in der Fensternische. Da näherte sich ihm ein junger Mann, überreichte ihm seine Visitkarte und sagte mit grösster Höflichkeit: „Ich möchte bitten, mir eine besondere Unterredung zu gewähren." Nordau erwiderte: „Mit Vergnügen", setzte aber sein Gespräch mit seinen Freunden weiter fort. Der junge Mensch wartete einige Zeit lang abseits; plötzlich zog er einen Revolver und feuerte auf eine Distanz von zwei Schritten einen Schuss gegen Nordau ab, indem er zugleich rief: »Tod Nordau, dem Ostafrikaner!" 'Dr. Nordau bewahrte seine Kaltblütigkeit, Als nun der junge Man sah, dass Nordau nicht verletzt sei, feuerte er noch einen zweiten Schuss ab; auch dieser Schuss verfehlte das Ziel und die Kugel traf einen jungen Mann namens Otto Welsky, der gerade im Tanz begriffen war. Welsky erlitt eine Verwundung am Bein. Während sich mehre Personen um ihm bemühten, stürzte einer der Herren, welche mit Nordau gesprochen hatten, Herr Daniel Kerb, auf den Attentäter zu, hielt ihn fest und liess ihn verhaften. An die „Vossische Zeitung" telegraphierte Dr. Nordau auf eine Anfrage: „Ich halte den Anschlag für das Werk eines Gestörten. Den Täter habe ich vorher nie gesehen und seinen Namen nie gehört. Das ihm zugeschriebene Gerede von einer Verschwörung russisch-jüdischer Studenten, die mich zum Tode verurteilt und den Vollstrecker durch das Los bezeichnet hätten, halte ich für Flunkerei oder Delirium. Da ich aus dem Abenteuer völlig heil hervorgegangen bin, lege ich ihm weiter keinerlei Bedeutung bei. * Ueber die Persönlichkeit Chaim Selig Loubans gibt es einige wenige Versionen, doch der Hauptsachenach wird übereinstimmend gemeldet, dass er 23-24 Jahre alt und Student der Chemie ist, der in Bern studierte. Von dort kam er zwei Wochen vor dem Attentate nach Paris. Weitere Nachrichten melden, dass er verheiratet ist, und ein aus Warschau eingetroffenes, vom 21. Dezember datiertes Telegramm nennt ihn nicht Louban, sondern Lieben, und besagt, dass der Attentäter aus Berdyczew stammt, einem Hauptsitz der russischen Chassidim. Auch berichtet das Telegramm, dass in russischen jüdischen Kreisen ungeheure Aufregung über die Pariser Vorgänge herrscht. Verschiedene Meldungen liegen auch vor über die Absicht Loubans, Nordau zu töten. Es steht diesbezüglich so ziemlich fest, dass ersterer beim ersten Verhör diese Absicht theatralisch betonte, als aber das Hei dentum sich etwas abgekühlt hatte, leugnete und nur von einer Absicht sprach, die öffentliche Meinung auf die Vorgänge im Zionismus durch eine Demonstration hinzulenken. Eine Demonstration, der zwei Menschen um ein Haar zum Opfer gefallen wären! Die Absicht erst zu konstatieren, scheint uns überflüssig zu sein. In der Redaktion der „Welt* trafen schon Montag mehrere telegraphische Bitten um Informationen aus zionistischen Kreisen ein und Glückwunschtelegramme gingen von Wien nach Paris ab.