Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-12-18
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 51 „bie # weit Seite 15 „Dass ich hab gemusst hinterm Ladentisch stehen, hat ihr nicht gepasst und mir hat nicht gepasst, wenn sie hat gesprochen französisch mit dem Herrn Oberstleutnant von Boddin ... Es war ein grosses Malheur, dass Frau Friedrike Eichelkatz, geborene Böhm hat gelernt französisch sprechen. Im ersten Jahre ist es noch gegangen. Sie hat zwar schon immer gespottet, dass sie hat einen ungebildeten Mann, der nichts anderes hat gewusst, wie ob die War ist gut oder schiecht und auf 'n ersten Blick hat zu unterscheiden verstanden, ob ä Stück Tuch is aus Cottbus oder aus Brünn, ob deutsches Fabrikat oder englisches und ob der Einschuss ist baumwollen oder gezwirnt und ob die Qualität derWoll ist rein oder nicht... Das war gut fürs Geschäft, aber nicht;für die Ehe. Und wenn meine Frau mich so höhnisch fragte: „In Tarnow kann wohl kein Mensch französisch?tf da hab ich genug gehabt für die ganze Woch ... 33 Jahre haben wir zusammengelebt , . . Wissen Sie, was das heisst, Herr Kreisphysikus, wenn sie schon im ersten Jahre ihren Mann hat missachtet und geringschätzt? „Weil er nich so fein war, wie sie, bloss ein Zugewanderter aus Galizien, weil seine Mischpoche waren arme Leut und sein Vater kein Manufakturwarenhändler, bloss ä Hausierer, und weil er hät nicht gekonnt französisch. „Und wenn ich auch später hab gezeigt, dass ich was kann und was bin, und wenn auch alle übrigen es haben eingesehen, für die Madame Eichelkatz bin ich immer nur ~ geblieben ein untergeordneter Mensch, ein Eindringling, ein Parvenü und sie hat es ihrem Vater nie verziehen, dass er mich hat zu seinem Eidam gemacht. Und je besser es mir is gegangen im Geschäft und je reicher wir sind geworden, desto stolzer und hochmütiger ist sie geworden. „Ich war gut genug zum Verdienen und gegen meine geschäftliche Tätigkeit hatte sie nichts einzuwenden. Dass ich mir aber daneben auch Mühe gab, meinen Geist zu bilden, dafür hat sie gehabt kein Auge. Für sie blieb ich immer Simon Eichelkatz aus Tarnow, ein Subjekt aus ihres Vaters Geschäft, ein Mensch mit einem lächerlichen Namen und ohne Manieren, den sie geheiratet hatte auf ihres Vaters Wunsch und Befehl So lange ihr Vater, Herr Josef Böhm, noch lebte, hat sie wenigstens noch etwas Rücksicht genomen, aber nach seinem Tode hörte das auf. Sie suchte sich eine eigene Gesellschaft. Ging nur mit den Gojim, mit der Frau Rechnungsrat und der Frau Kanzleirat und solche vornehme Schnorrer, die von ihr, der wohlhabenden Frau, manche Annehmlichkeiten hatten. Dann kam das Unglück mit dem Oberstleutnant und den Offizieren, die mit der schönen Judenfrau sich ihren Spass machten. Sie wurde immer eingebildeter und närrischer, schämte sich ihres Mannes und eines Tages hatte sie sich Visitenkarten machen lassen „MadameEichelkatz, näe Böhm"; seitdem wurde sie in der Khille nicht mehr anders genannt. Man fing an, sie zu verachten und mich zu bemitleiden. Im Jahre 1867, wie die Ruhr aufgetreten ist, war ich sehr, sehr krank, und wie es vorüber ging, war ich so schwach, dass ich keine Hand hab rühren könner. Ich erinnere mich wie heute, wie ich bin gesessen vor dem Laden in der Sonne, damit ich wieder etwas Wärme krieg in meine Knochen, die nur so klapperten. Meine Frau war in Warmbrunn mit unserm Sohn, der sich sollte erholen. Er hatte gerade sein Abiturientenexamen bestanden. Sehr gut, Herr Kreisphysikus, ausgezeichnet. Man hatte ihm sogar erlassen einen Teil von seinem mündlichen Examen, Die ganze Stadt sprach davon, und als am Nachmittag der Herr Professor Lebeck in den Laden kam, um sich Tuch auf ein paar neue Hosen zu kaufen, sagte er zsu mir: „Sie können stolz sein auf Ihren Sohn Herr Eichelkatz, der macht Ihnen und unserem Gymnasium alle Ehre, Seit langer Zeit hatten wir keinen so begabten Schüler/ Die rote Nase von Lebeck leuchtete dabei, als ob er geradewegs von Heimann zu mir gekommen wäre. Natürlich habe ich ihm den Hosenstoff sehr billig berechnet und im Hinausgehen wiederholte er nochmals : „Ja, Ihr Sohn, aus dem wird mal was Besonderes werden . . ." Und so ist's auch gewesen, Herr Kreisphysikus, was sie sich gewünscht hat, ist eingetroffen, ihr Sohn ist ein sehr berühmter Mann geworden. Erlebt hat sie's ja nicht, und ich, der's erlebt hat, hab' mir's nicht gewünscht.-- Ich weiss nicht, Herr Kreisphysikus, damals, als ich es erfuhr, war es ein Schmerz, als ob man ein Stück Fleisch mir herausgeschnitten hätte aus meinem Leib. Weh hat es getan, weh! Und weh hab ich geschrien! Und eine Krie hab ich mir geschnitten und auf die Erd hab ich mich geworfen und Sohiwe hab ich mich gesetzt. Mein Sohn war tot, mein einzig Kind! Die Madame Eichelkatz ist stumm und starr geblieben und kein Wort ist über ihre Lippen gekommen und ich weiss bis heut zu Tag nicht was sie hat gedacht und was sie hat gefühlt, wie die Nachricht ist gekommen, dass unser einzig Kind sich hat — geschmadt! Getauft hat er sich, Herr Kreisphysikusleben! Uebergetreten heisst es zu deutsch! Uebergetreten! Aus einem Glauben in den andern . . . . wie man übertritt von der Strass über'n Rinnstein aufs Trottoir! Vom beschwerlichen, staubigen Weg auf den schönen, feinen Bürgersfceig! „Was sagst de nu?" schrie ich meine Frau an. Aber sie sagte nichts. Sie machte keinerlei Einwendungen, als ich ei klärte, bald nach der Schiwe das Geschäft auflösen zu wollen, denn da ich kein Kind mehr habe, wüsste ich nicht, für wen ich arbeiten soll . . . Alles Hess sie ruhig geschehen, was ich in meinem Zorn und meinem Schmerz beschlos.«. Sie war wie gebrochen; aber niemand hat erfahren, ob vor Ueberraschung, vor Leid, vor Reue . . . sie siechte dahin und ohne äusserliche Krankheit starb sie zwei Jahre nach dem schrecklichen Ereignis. „Zur Straf", sagten die Leute ... an gebrochenem Herzen . . . wer kann wissen, was in der Seele so eines Weibes vorgeht? Ich hab's nicht gewusst. Und das war mein Unrecht in dieser Sache. Und wenn ich es damals nicht hab gewusst, heut weiss ich es! Und das ist schad, Herr Kreisphysikus, dass man .nie weiss zu rechter Zeit, was ist klug und verständig und richtig, und dass die Einsicht einem immer erst kommt, wenn es ist zu spät"--- Armer Simon Eichelkatz! So hatte ich mir dein Glück nicht gedacht! Deine Landsleute und Bethausgenossen litten oft Hunger und zitterten vor Kälte, während du von Ueppigkeit umgeben warst — aber keiner dieser blutarmen Leute hat auch nur einen Tropfen des Wermuts gekostet, von dem das Schicksal dir einen übervollen Becher zugemessen hat. Leo Rafaels. Briefkasten. Beth Hamidrasch, Tarnow. Die Anregung, den Gewinn beim Kartenspiel während der Chanukazeit ganz dem N.-F. zu widmen, ist bereits von vielen Seiten gemacht und von uns auch publiziert worden. Gruss. Zionist, Bojan. 1. Das ist noch nicht bestimmt. 2. Nein. 3. Kann erst in etlichen Monaten festgesetzt werden. Low, Szegedin. Besten Dank. Helene R. Wir bitten um Entschuldigung, dass sich die Publikation verzögert hat. Wir lassen Ihnen den Bürstenabzug zugehen. Otto C, Breslau. Besten Dank. P. M., Prz. Wir können das nicht eruieren. Ch. $,, Krakau. Das Buch können Sie durch den Brünner jüdischen Buch-Verlag (Krautmarkt 11) bestellen.